Keine Krisenreaktion

Draghis Versprechen machen selbstgefällig

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Draghis Zusicherung, unterstützt durch die Maßnahmen der Notenbank, hielt die Eurozone zwar zusammen. Jüngste Entwicklungen am Anleihemarkt deuten jedoch darauf hin, dass Investoren dadurch auch immun gegen Risiken wurden. Die Durchschnittsrendite von Bonds der am höchsten verschuldeten Staaten des Euroraums erreichte am Donnerstag ein neues Rekordtief. Eine Reaktion der Märkte auf den vermeintlichen Abschuss einer Passagiermaschine über der Ukraine, die Eskalation im Gaza-Konflikt und die finanziellen Turbulenzen bei der portugiesischen Espirito Santo Group blieb aus.

“Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Zentralbanken die Märkte desensibilisieren können”, sagt Marc Ostwald, ein Stratege von ADM Investor Services International in London. “Es ist eine vorgegebene Selbstgefälligkeit, denn weltweit gibt es jede Menge Liquidität. Alles wird als lokal eingegrenztes Problem wahrgenommen.”

Bondmarkt-Daten zeigen, dass die am 26. Juli 2012 gegebene Zusicherung Draghis, alles erforderliche zu tun, um den Euro zu schützen, den Wendepunkt in der Schuldenkrise darstellte. Am Tag davor hatten die Renditen zehnjähriger spanischer Bonds den Euro-Ära-Rekord von 7,751 Prozent erreicht - Werte über der 7-Prozent-Marke hatten Griechenland, Irland und Portugal dazu veranlasst, internationale Hilfe zu suchen.

Draghi hatte seine Worte damals mit Aussage “und glauben Sie mir: es wird ausreichen” unterstrichen und eine Serie bislang nie dagewesener Konjunkturmaßnahmen eingeleitet. Bei den Bonds der am höchsten verschuldeten europäischen Staaten hatte dies eine Rally zur Folge. Die Rendite zehnjähriger spanischer Bonds fiel auf das Rekordtief von 2,529 Prozent; Griechenland, Irland und Portugal erhielten wieder Zugang zu den Kapitalmärkten.

Diese Rally und das Vertrauen in die Macht der Zentralbank waren so unerschütterlich, dass selbst die geopolitischen und finanziellen Schocks dieses Monats ihr nichts anhaben konnten. Die Renditen zehnjähriger italienischer Anleihen waren elf Tage in Folge rückläufig und erreichten am Freitag 2,71 Prozent -das ist die längste Serie seit 2005.

Die Rendite zehnjähriger portugiesischer Bonds ist in diesem Monat um lediglich zwei Basispunkte - 0,02 Prozentpunkte - auf 3,66 Prozent gestiegen, auch wenn drei Unternehmen der Espirito-Santo-Gruppe kurzfristige Anleihen nicht bedienen konnten und Gläubigerschutz beantragten.

“Die Reaktion der Märkte auf die jüngsten geopolitischen Spannungen in der Ukraine und dem Gaza-Streifen hat uns ermutigt”, sagt Russel Matthews, ein Vermögensverwalter bei Bluebay Asset Management in London. Seine Firma hat den kurzfristigen Ausschlag portugiesischer Bonds als Reaktion auf die Espirito-Santo-Krise dazu genutzt, Staatsanleihen des Landes zuzukaufen.

“Der Weg des geringsten Widerstands geht in Richtung einer weiteren Abnahme der Renditeabstände. Man könnte sagen, dass sich Selbstgefälligkeit am Markt bildet, aber das ist meiner Meinung nach in nächster Zeit nicht wichtig. Der wahrscheinlichste Auslöser eines bedeutenden Ausverkaufs wäre ein erzwungener Richtungswechsel der Zentralbanken.”

Die schwache Reaktion der Märkte könnte einige Regierungen auch darin bestärken, laufende Reformen einzuschränken, um der Stimmung in ihren Ländern entgegenzukommen. Bei der Europawahl hatten Euro-Skeptiker und Parteien, die sich gegen die Sparkurse ausgesprochen haben, an Zulauf gewonnen.

Doch auch wenn die Zusicherung Draghis bei Investoren und Regierungen zu Selbstgefälligkeit führen könnte, wiegt der Erfolg bei der Bewahrung der Eurozone deutlich schwerer, sagt Stuart Edwards, ein Vermögensverwalter bei Invesco Perpetual.

“Es besteht immer das Risiko, dass diese Länder entweder selbstgefällig werden oder der politische Druck sie dazu veranlasst, Reformen zu bremsen oder sogar zurückzufahren”, sagt Edwards. “Aber es bestanden deutlich größere Gefahren zuvor: die katastrophalen Folgen eines Zusammenbruchs der Eurozone oder die Folgen einer Bewahrung des Status-quo vor ein paar Jahren. Es ist nicht alles perfekt, aber wir sind in einer viel besseren Lage als wir es noch vor zwei Jahren waren.”

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