Deutschlands einziger Staatsfonds legt rund 25 Milliarden Euro an – und zeigt, wie der Staat wirklich investiert. Bald soll diese Strategie auch die Rente tragen.
Der Kenfo ist Deutschland einziger Staatsfonds.| Bildquelle: Nico Schipper mit ChatGPT
Deutschland hat einen Staatsfonds, auch wenn ihn kaum jemand kennt. Er heißt Kenfo, die Abkürzung steht für Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, und er hat einen ungewöhnlichen Auftrag: Aus dem Geld, das die Betreiber der Atomkraftwerke 2017 einzahlten, soll er über Jahrzehnte die Kosten der Atommüll-Lagerung erwirtschaften. Dafür legt ein rund 50-köpfiges Team in Berlin heute rund 25,6 Milliarden Euro am Kapitalmarkt an, breit gestreut und renditeorientiert. Es ist Deutschlands erster und bislang einziger Staatsfonds.
Bald dürfte der Kenfo aus dem Schatten treten. Gerade jetzt, wo mit 14,1 Millionen Menschen so viele Deutsche wie nie in Aktien, Fonds und ETFs investieren, soll seine Anlagestrategie zur Blaupause für die geplante Kapitalrente werden, jene kapitalgedeckte Säule, mit der die Bundesregierung die gesetzliche Rente ergänzen will. Damit gewinnt eine Frage an Bedeutung, die bislang kaum gestellt wurde: Wie legt der deutsche Staat sein Geld eigentlich an? Der Blick ins Portfolio zum Jahresende 2025 zeigt eine hohe Aktien- und eine hohe US-Quote, während deutsche Werte kaum vorkommen.
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Gut ein Drittel des Vermögens steckt in Aktien
Die Aufteilung des Vermögens folgt einer festen strategischen Vorgabe. Rund 35 Prozent des Vermögens sind als Zielgröße für börsennotierte Aktien vorgesehen, und genau dort lag der Anteil zum Jahresende 2025 mit 35,1 Prozent. Dazu kommen als weitere Zielgrößen 25 Prozent risikoreichere Unternehmens- und Schwellenländeranleihen, zehn Prozent sichere Staatsanleihen und 30 Prozent illiquide Anlagen wie Private Equity, Infrastruktur und Immobilien. Diesen illiquiden Teil baut der Fonds noch aus, zuletzt lag er bei gut 14 Prozent.
Möglich wird die vergleichsweise hohe Aktienquote durch den sehr langen Anlagehorizont des Fonds, der Kursschwankungen über Jahrzehnte ausgleichen kann.
US-Tech oben, Deutschland am Rand
Wer erwartet, der deutsche Staat setze vor allem auf deutsche Konzerne, irrt. Das Aktienportfolio des Kenfo verteilt sich auf mehr als 3.600 Einzelwerte aus rund 50 Ländern, und die Konzentration auf einzelne Titel ist nach Angaben des Fonds gering. Die drei größten Einzelpositionen sind TSMC (0,74 Prozent, Nvidia (0,6 Prozent) und Apple (0,48 Prozent). Den größten Länderanteil stellen die USA mit knapp 30 Prozent (Stand: Ende 2025), es folgen Japan mit gut neun und Großbritannien mit gut sieben Prozent. Nach Branchen führt Technologie mit knapp einem Fünftel des Aktienbestands, vor Industrie und Banken.
Auf Deutschland entfallen gerade einmal fünf Prozent der Aktien. Der Grund liegt in der Methode. Der Kenfo gewichtet die Länder nicht nach ihrer Börsengröße, sondern grob nach ihrer Wirtschaftsleistung. Auf Deutschland entfällt davon nur ein kleiner Teil. Auffällig ist auch, wie fein der Fonds streut: Keine einzelne Aktie kommt auch nur auf ein Prozent des Gesamtvermögens. Der Staat ist kein Stockpicker, der auf einzelne Gewinner wettet, sondern das Gegenteil: ein Anleger, der das Risiko über die halbe Welt verteilt.
Zwei Renditen mit unterschiedlicher Aussage
Für die Rentendebatte zählt am Ende, was der Fonds verdient. Die Rentenkommission rechnet mit drei bis fünf Prozent im Jahr. In guten Börsenjahren liegt der Kenfo deutlich darüber: 2024 legte das investierte Vermögen um 9,4 Prozent zu, 2023 waren es 11,1 Prozent. 2025 fiel das Plus mit 6,2 Prozent niedriger aus, lag aber immer noch klar über der internen Zielrendite von knapp vier Prozent, die der Fonds zur Deckung seiner Verpflichtungen braucht. Getragen wurde das Jahr vor allem von Schwellenländeraktien, die in Euro um 20,9 Prozent zulegten, gebremst von der Schwäche des US-Dollars. Nur 2022 führte der russische Angriffskrieg samt Energiepreisschock zu einem minus von 12,2 Prozent ins Depot.
Bei der Einordnung sind zwei Kennzahlen zu unterscheiden. Die zweistelligen Renditen beziehen sich auf das jeweils bereits investierte Vermögen. Rechnet man über die gesamte Lebensdauer und gewichtet die Kapitaleinsätze, kommt der Fonds seit Auflegung nur auf rund 4,8 Prozent pro Jahr. Der Abstand erklärt sich aus dem Start: Die 24,1 Milliarden Euro der Kraftwerksbetreiber ließen sich 2017 nicht auf einen Schlag anlegen, ein Teil lag jahrelang zu Negativzinsen brach. Mit Blick auf die Kapitalrente ist daher weniger ein einzelnes Börsenjahr aussagekräftig als der langjährige Durchschnitt.
Der Fonds zahlt bereits laufend aus: Aus seinen Erträgen überwies er 2025 rund 823 Millionen Euro an den Bund, um die laufenden Kosten der Atommüll-Lagerung zu decken. Das bilanzielle Stiftungsergebnis stieg auf 678,7 Millionen Euro, nach 409,8 Millionen im Vorjahr, und übertraf die eigene Prognose leicht. Seit Beginn des Kapitalaufbaus 2018 hat der Kenfo den Wert seines Vermögens inklusive der Auszahlungen um mehr als 6,7 Milliarden Euro gesteigert.
Der stille Vorteil des Staates
Zwei Eigenschaften unterscheiden den Fonds von privaten Anlegern: ein sehr langer Anlagehorizont und ein finanzieller Puffer. Zuletzt saß der Kenfo auf stillen Reserven von 4,7 Milliarden Euro, nach knapp 3,9 Milliarden ein Jahr zuvor. Sie ermöglichen es, schwache Börsenphasen auszusitzen, statt in fallende Kurse hinein verkaufen zu müssen. Weil zugleich die intern verlangte Zielrendite mit gut vier Prozent niedrig liegt, kann der Fonds mehr Aktienrisiko tragen als mancher Pensionsfonds, der unter höherem Renditedruck steht.
Rente, finanziert von amerikanischer Tech
Genau dieser Zuschnitt ist für die geplante Kapitalrente relevant. Ab 2028 sollen Beschäftigte zusätzlich zum Rentenbeitrag einen wachsenden Anteil ihres Bruttolohns in eine kapitalgedeckte Rente einzahlen, bis zu zwei Prozent, paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragen. Rund 35 Milliarden Euro pro Jahr könnten so zusammenkommen und am Kapitalmarkt angelegt werden. Als Vorbild für den verwaltenden Fonds nennt die Rentenkommission ausdrücklich den Kenfo.
Übernimmt er das Depot in seiner heutigen Logik, flösse ein großer Teil der Rentenbeiträge in ausländische, vor allem US-amerikanische Unternehmen und nur ein kleiner Teil in die deutsche Wirtschaft. Ob die Kapitalrente auch dazu dienen soll, Kapital gezielt in den Standort Deutschland zu lenken, ist eine offene politische Frage.
Ob es überhaupt der Kenfo wird, ist noch unklar. Anfang Juli hat sich auch die Bundesbank als Verwalter ins Spiel gebracht, und ein komplett neues Anlagevehikel steht ebenfalls im Raum. Der Kenfo dürfte die Rente nach heutigem Recht nicht managen: Er darf nur im Rahmen seines Stiftungszwecks handeln, es bräuchte also eine Gesetzesänderung. Seine Chefin Anja Mikus, die Ende 2026 in den Ruhestand geht, wirbt seit Jahren für eine größere Rolle ihres Hauses.
Wie der deutsche Staat als Anleger agiert, lässt sich schon heute am Kenfo ablesen: breit gestreut, langfristig ausgerichtet, seit neun Jahren im Aufbau. Bei der Transparenz unterscheidet er sich von anderen Staatsfonds: Während Norwegens Fonds seinen Wert nahezu in Echtzeit veröffentlicht, berichtet der Kenfo nur einmal im Jahr.
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