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Finanz- und Krypto-Spezialist Hartmut Giesen
Agentic Finance: Wie KI-Agenten das Geschäftsmodell der Banken verändern
Hartmut Giesen ist bei der Sutor Bank zuständig für Business Development Fintech, digitale Partner und Krypto/Blockchain. Bildquelle: Sutor Bank / Canva
KI-Agenten übernehmen zunehmend Bankgeschäfte. Hartmut Giesen erklärt, warum Banken jetzt agentenfähig werden müssen und welche strategischen Fragen sie beantworten sollten.
KI-Agenten kommen schneller als gedacht: Sie haben sich zu einem omnipräsenten Segment der künstlichen Intelligenz (KI) entwickelt, mit erheblichem Einfluss auf Unternehmen und den Alltag. Mit dem Agentic Web wird auch Agentic Finance schneller für die Branche relevant, als man vor wenigem Monaten noch glaubte.
Die Integration von Zahlungsfunktionen in Einkaufsagenten ist bereits weit fortgeschritten: Open AI hat mit Stripe, einem der größten Zahlungsdienstleister, das sogenannte Agentic Commerce Protocol (ACP) veröffentlicht. Mit Hilfe des Protokolls können KI-Agenten nicht nur die besten Preise für ein Produkt herausfinden, sondern diese gleich kaufen und bezahlen. Google hat ein ähnliches Protokoll in Zusammenarbeit mit Paypal veröffentlicht.
Wenn KI-Agenten Bankgeschäfte erledigen
Die Weiterentwicklung vom nur bezahlenden Einkaufsagenten zum Finanzagenten führt geradewegs zur Agentic Finance. Anders als KI-Assistenten beraten Finanzagenten nicht mehr nur, sondern übernehmen selbständig die Erledigung von Finanz- und Bankgeschäften – vom Kontowechsel bis zur Geldanlage. Was heißt das für Banken und andere Finanzdienstleister, die nicht mehr mit Kunden sprechen, sondern mit deren Agenten kommunizieren müssen?
Rein technisch betrachtet bedeutet dies, dass Schnittstellen (APIs) oder Protokolle, über die Agenten mit der Bank „sprechen“, zum primären Kunden-Frontend werden. Kommunikationskanäle und Produkte müssen „agentenfähig“ gemacht werden. Diese Agentenfähigkeit wird für Banken genauso wichtig werden, wie heutzutage zum Beispiel eine Apple- oder Google-Pay-fähige Kreditkarte anzubieten. Ist die Bank nicht agentenfähig, wird sie für einen großen Teil aktueller und zukünftiger Zielgruppen nicht mehr stattfinden.
Eine alte Diskussion in neuer Form
Auf Geschäftsebene führt uns dies zu einer Diskussion, die wir aus Bankenperspektive schon in den Zehnerjahren beim Aufkommen der Fintechs geführt haben. Was passiert, wenn die Fintechs die Kundenschnittstellen erobern und Finanzdienstleistungen, für deren Angebot sie keine Erlaubnis haben, über APIs von Banken bezogen werden? Auch hier wurde schon argumentiert, dass Banken die Kundenschnittstelle verlieren und sich zu Infrastrukturanbietern wandeln, die Fintechs oder Plattformen ihre Services über APIs anbieten. Falls sie die Kundenschnittstelle behalten wollten, müssten sie selbst Plattformen werden.
Heute koexistieren Banken und Fintechs, gleiche Dienstleistungen werden über verschiedene Kanäle vertrieben. Banken haben sich nicht zu Plattformen entwickelt, dafür sind erfolgreiche Fintechs zu Banken geworden. Das Kunden-Frontend für Zahlungen ist inzwischen fest in der Hand der großen Tech-Unternehmen, die mit ihren Endgeräten und den Zahlungsdiensten wie Apple-Pay oder Google-Pay die physischen und digitalen Points of Sale dominieren.
Für Banken bedeutet Agentic Finance, dass eine Entwicklung wieder an Fahrt gewinnt, die es ohnehin schon gab. Allerdings hat sie in den letzten Jahren nicht die disruptive Kraft entfaltet, wie man vermutet hat. Für Fintechs ist Agentic Finance potenziell gefährlicher, weil Agenten eigentlich die Dienstleistungen erbringen, für die Kunden sich bislang an Fintechs gewandt haben. Sie werden als „Schicht“, die zwischen Kunden und Banken agieren, potenziell ersetzt.
Strategische Fragen für Banken
Das heißt allerdings nicht, dass Agentic Finance keine Herausforderung von Banken ist, auch wenn ihre Existenz qua Regulierung weiterhin gesichert ist. Neben der Bereitstellung der Technik müssen sie sich überlegen, welche „Unique Selling Points“ sie unabhängig agierenden Agenten bieten können, damit sie sich bei ihnen und nicht bei der Konkurrenz andocken.
Wenn sie nicht zu Finanzinfrastrukturanbietern werden wollen, müssen sie sich überlegen, welche Art von Agenten sie ihren Kunden bieten können, damit sie im Ökosystem der Bank bleiben und nicht im Herrschaftsbereich der großen KI-Player wie Open AI. Ob dies erfolgreicher sein wird als der Versuch in den frühen Fintech-Jahren, Plattformen zu bauen, bleibt abzuwarten.
Auch das Kunden-Agenten-Verhalten wird sich verändern, was nicht nur den Zugriff auf Bankenprodukte, sondern auch deren Nutzung verändert. Eine McKinsey-Studie geht davon aus, dass Kunden sehr viel schneller Einlagen dorthin bringen, wo sie die besten Zinsen bekommen.
Bei Kreditkarteneinsatz prognostiziert die Studie, dass beim Agenten-Einkauf automatisch immer auf die Karte mit den für den Kauf jeweils besten Konditionen zugegriffen wird. McKinsey warnt Banken, dass sie ihre „Bequemlichkeitsrendite“ verlieren könnten. Denn heute überlegen Kunden es sich zweimal, ob sie ihre Einlagen zu einer Bank bringen, um ein halbes Prozent mehr Zinsen zu erhalten. Autonom agierenden Agenten mit dem Auftrag, Geld immer dorthin zu disponieren, wo es die meisten Zinsen gibt, sind da weniger träge.
Fragen für die nächste Welle der Disruption
Banken werden nicht umhinkommen, sich den Entwicklungen zu stellen, die schneller und stärker auf ihr Geschäftsmodell wirken als das Aufkommen der Fintechs. Sie müssen sich dabei die folgenden strategischen Fragen stellen:
- Wie machen wir unsere Infrastruktur „agentenkompatibel“?
- Welche Alleinstellungsmerkmale können wir in einer Agentic-Finance-Welt entwickeln?
- Wie orchestrieren wir unsere Agenten- und Nicht-Agenten-basierenden Kanäle (nicht alle Kunden werden für alle Produkte Agenten nutzen)?
- Welchen Einfluss haben Agenten auf die Nutzung bestehender Produkte und welche Geschäftsrisiken entstehen daraus?
- Welche neuen Produkte können für die Agentic-Finance-Welt entwickelt werden?
Der Auftrag für Banken ist somit klar: Werdet agentenfähig und entwickelt neue Differenzierungsstrategien. Geschwindigkeit, API-Kompatibilität und Agentenfreundlichkeit werden zu zentralen Erfolgsfaktoren.
