In der Kapitalmarktdebatte über Künstliche Intelligenz stellt sich für Fixed-Income-Anleger derzeit eine besondere Frage: Verändert KI die Inflation so stark, dass Annahmen zu Realrenditen und Kreditqualität überprüft werden müssen? Eine eindeutige Antwort gibt es derzeit nicht. Denn KI wirkt sich zeitlich versetzt aus und trifft einzelne Branchen sehr unterschiedlich.
Kurzfristig spricht vieles für einen preistreibenden Impuls: Wer Rechenzentren baut, braucht vielfältige Ressourcen, von Energie bis Infrastruktur, und gleichzeitig können KI-Technologien beispielsweise im Softwaresektor zu höheren Paketpreisen oder neuen Preismodellen führen. In dieser Phase senkt KI die Kosten vieler Unternehmen also noch nicht. Vielmehr bindet sie zunächst Kapital und erhöht die Nachfrage nach Ressourcen, die nur begrenzt verfügbar sind. Langfristig kann die Wirkung anders ausfallen. KI macht Informationen schneller auffindbar, beschleunigt Analysen und kann standardisierte Tätigkeiten günstiger machen.
Die Bedeutung der Bonitätsanalyse
Für Anleiheinvestoren gewinnt daher in diesem Kontext die klassische Bonitätsanalyse an Bedeutung. Unternehmen können Produktivitätsgewinne nur dann in stabilere Margen übersetzen, wenn der Wettbewerb sie nicht zwingt, die eingesparten Kosten sofort an Kunden weiterzugeben. In Märkten mit hoher Kundentreue oder hohen Eintrittsbarrieren bleibt mehr Spielraum. Wo Produkte austauschbar sind und Kunden Angebote leichter vergleichen können, sinkt die Preissetzungsmacht schneller.
Eine zweite Dimension betrifft den Kapitalbedarf. Unternehmen, die KI-Infrastruktur bereitstellen, müssen hohe Vorleistungen finanzieren, bevor sich stabile Rückflüsse zeigen. Für Anleihegläubiger zählt daher, ob ein Unternehmen seine Investitionen aus dem operativen Cashflow tragen kann. Wenn der freie Cashflow nach Investitionen dauerhaft unter Druck gerät, kann selbst ein starkes Geschäftsmodell aus Kreditsicht weniger attraktiv werden.
Auch die Inflationsannahmen müssen überprüft werden. Sollte KI langfristig disinflationär wirken, gewinnen positive Realrenditen an Wert. Nominale Renditen sind besonders attraktiv, wenn sie nach Abzug der Inflation einen tragfähigen Ertrag liefern. Zugleich kann ein solcher Technologieschub einzelne Kreditsegmente belasten. Das gilt dort, wo niedrigere Endpreise die Margen schwächerer Anbieter aufzehren oder bessere Vergleichsmöglichkeiten bestehende Preismodelle angreifen.
Für Fixed Income entsteht daraus kein einheitliches Makrosignal. Wahrscheinlicher ist eine stärkere Spreizung zwischen Emittenten, die KI produktiv einsetzen, und solchen, deren Geschäftsmodell an Ertragskraft verliert. Regulierung kann diese Entwicklung zusätzlich beeinflussen. Wenn KI Tätigkeiten ersetzt, Löhne in einzelnen Bereichen unter Druck bringt oder Gewinne stärker bei Plattformen und Betreibern großer Rechenzentren anfallen, könnten Politik und Aufsicht regeln, wie Unternehmen Daten nutzen, wie Urheberrechte geschützt werden oder wie weit große Plattformen ihre Marktmacht ausspielen dürfen. Für Anleiheinvestoren sind solche Eingriffe relevant, weil sie Cashflows verändern und Investitionspläne verzögern können.
Vorleistungen und Erträge
Wer heute in Anleihen investiert, sollte KI deshalb nicht nur als Wachstumsthema betrachten. Bei Unternehmen, die KI nutzen, zählt, ob Effizienzgewinne tatsächlich in der Marge bleiben. Bei Anbietern und Infrastrukturfinanzierern muss geprüft werden, ob künftige Erträge die hohen Vorleistungen rechtfertigen. Bei Dienstleistern mit standardisierten Prozessen stellt sich die Frage, ob Automatisierung ihr Geschäftsmodell stärkt oder bisherige Erträge verdrängt. Für Fixed-Income-Portfolios spricht diese Lage weiterhin für die Vereinnahmung positiver Realrenditen. Falls KI den Preisdruck langfristig dämpft, könnten die derzeitigen Renditeniveaus an Attraktivität gewinnen. Entscheidend für eine echte Kreditprämie und nicht bloß einen nominal hohen Kupon ist, ob Cashflows in einer KI-geprägten Wirtschaft tragfähig bleiben.
Über den Autor

ist Partner und Leiter Portfoliomanagement beim Anleihespezialisten Nordix in Hamburg.
