Nicole Büttner ist als Gründerin und CEO von Merantix Momentum Expertin im Bereich Künstliche Intelligenz (KI). Sie arbeitet mit großen Firmen und Behörden zusammen, baut Software und investiert in andere Technologiefirmen und Start-ups. 

Christin: Ich glaube, beim Thema Künstliche Intelligenz haben viele bloß eine abstrakte Vorstellung, was damit alles gemeint ist. Magst du ein paar kurzen Sätzen erklären, was KI überhaupt ist und was man damit machen kann?

Nicole: Also Künstliche Intelligenz ist eigentlich schon seit den fünfziger Jahren ein Traum der Menschheit: Systeme und Computer zu bauen, die menschliche Problemlösungsfähigkeiten haben und Entscheidungen treffen können. Heutzutage setzen wir das in den meisten Fällen mit maschinellem Lernen und tiefen neuronalen Netzen um.

Das sind im Grunde genommen Algorithmen, die aus Daten Regeln und Muster erkennen können. Also etwa:

  • Wie unterscheide ich einen Hund von einer Katze?
  • Wann kommt normalerweise ein Paket an?
  • Wie kann ich, wenn ich im Auto sitze, verschiedene Gefahrensituationen erkennen?

Das ist das, was man allgemein unter Künstlicher Intelligenz versteht.

Christin: Kannst du drei gängige Beispiele nennen, wo KI heute schon stark zum Einsatz kommt?

Nicole: Also ich glaube, eine Applikation, die fast jedem geläufig ist, ist die Biometrie, die im eigenen Telefon steckt. Da werden Punkte vom iPhone aufs Gesicht projiziert. Die KI erkennt einen dann anhand gewisser biometrischer Punkte. Ein zweites Beispiel, was sehr gängig ist mittlerweile, ist im Bereich Text und Textbearbeitung, also beispielsweise Übersetzungsalgorithmen wie Deepl. Da steckt auch künstliche Intelligenz drin. Und ein drittes Thema, in dem auch künstliche Intelligenz drinsteckt, ist zum Beispiel die automatisierte Diagnostik in der Medizin. Maschinen können beispielsweise jetzt schon radiologische Aufnahmen auswerten und Krankheiten erkennen.

Christin: In deinem Vortrag auf dem privat banking kongress geht darum, wie die Welt in 50 Jahren aussehen könnte. Wie sieht sie denn in 50 Jahren aus? 

Nicole: Ich glaube, die Kernthese ist, dass man sich darauf freuen kann, bestimmte Tätigkeiten nicht mehr selbst erledigen zu müssen. Aber das sind natürlich auch Tätigkeiten, die Menschen Sicherheit geben.

 

Das Internet wurde 1983 erfunden. Das ist noch nicht so lange her. Das sind knapp über 30 Jahre. Und wir könnten uns überhaupt nicht mehr vorstellen, wie die Welt heute aussehen würde ohne Internet. Und ich glaube, das veranschaulicht ganz gut, was in so einem Zeitraum von 40 Jahren an Transformationen möglich ist. Wie der Büroalltag ohne Computer und Internet aussah, wage ich mir gar nicht mehr vorzustellen.

„Wir überschätzen gerne kurzfristig den Effekt von Technologie und unterschätzen ihn langfristig.“ 

Auch der Moment, in dem Computer besser darin sind, Bilder voneinander zu unterscheiden als Menschen, ist ein großer Durchbruch. Und jetzt gehen wir mal 50 Jahre weiter, dann wird das auch ganz schön dramatische und auch spannende Folgen haben. Wie cool wäre das, wenn wir komplett auf ein Individuum ausgerichtete Diagnostik und Therapie machen könnten? Was stecken da für Möglichkeiten drin, total faszinierend! Und deswegen bin ich erst mal sehr optimistisch, was nicht heißt, dass es nicht auch kritische Punkte gibt. Also natürlich müssen wir beispielsweise darauf achten, dass die Teilhabe gewahrt bleibt. Es sind ja nur wenige Menschen, die Technologien programmieren und dann viele, die sie nutzen.

 

Also ich gehe davon aus, dass in 50 Jahren, wahrscheinlich 50 Prozent der Tätigkeiten, die heute die Wirtschaftskraft ausmachen, komplett automatisiert sind. Da muss man natürlich auch mit umgehen. Da wird man ein bisschen aus seiner Komfortzone heraus geschubst.

Christin: Wenn unsere Hörer:innnen jetzt gerade in das Thema reinschnuppern, und sagen, Künstliche Intelligenz finde ich richtig spannend und ich möchte gerne in den Bereich investieren oder mich näher damit beschäftigen. Hast du irgendwie Tipps, wie man sich dem Thema aus Investment-Sicht nähern kann?

Nicole: Künstliche Intelligenz ist es ein schwieriges Investment-Thema. Es gibt natürlich ein paar Technologie-Werte. Aber die stecken zum Teil in Industriekonglomeraten drin. Daher kann es schwierig sein, das Geschäftsmodell da so raus zu destillieren. Ansonsten gibt es aber natürlich auch viele neue junge Start-ups, die sich damit beschäftigen, mit denen man wirklich komplett auf diese Technologie setzen kann.

 

Christin: Wie streng hältst du dich selbst denn an Pläne? Bist du da eher der total geplante Typ oder total spontan?

Nicole: Natürlich habe ich den Plan, nächstes Jahr in Europa zu expandieren und da auch Offices aufzumachen. Aber da muss man sehen, was macht am meisten Sinn nächstes Jahr? Letztes Jahr in dieser Jahreszeit hätte keiner gedacht, dass im Februar ein Krieg losbricht und dass wir in so eine Situation geraten. Und ich glaube, das veranschaulicht ganz gut, dass wir flexibel bleiben müssen.

Und das habe ich auch immer, ehrlich gesagt, im Laufe meiner Karriere so gehandhabt. Weil natürlich hatte ich immer einen Plan zu jedem Zeitpunkt, aber ich hatte nicht diesen Plan, dass ich heute hier sitze und an diesem Thema arbeite. Da waren viele Abzweigungen drin, die mich heute hierhergeführt haben und ich bin sehr dankbar dafür.

Christin: So ist es wahrscheinlich auch normal, dass sich die Vorstellung noch ändert mit der Zeit. Was waren denn noch andere wichtige Learnings aus deiner Karriere, wenn du so drei Sachen aufzählen müsstest, die du vorher vielleicht nicht wusstest und die du jetzt für sehr wichtig hältst?

Nicole: Was ich schon im Studium früh gelernt habe, ist, Haltung zu haben. Also ich glaube, bei allen Plänen, die man hat und die man auch mal umschmeißt, hat mir das immer sehr geholfen, Haltung zu haben, also eigene Werte und Haltungen, die ich nicht auf der Strecke lassen möchte, auch wenn sich die Pläne mal ändern.

 

Ein zweites Thema ist, glaube ich, radikale Selbstreflexion und Selbstentdeckung. Ich habe ein bisschen gebraucht, um herauszufinden, worin ich richtig schlecht bin. Und das einfach mal so zu umarmen und zu sagen: Okay, gut, dass ich das mal verstanden habe, das muss ich ja nicht machen.

Christin: Worin bist du denn richtig schlecht?

Nicole: Also, ich bin nicht so ein Detailmensch beispielsweise. Mein erster Job war als Financial Analystin und Portfoliomanagerin. Das heißt, ich habe natürlich Excel hoch- und runtergeritten, finanzielle Modelle und operationelle Due-Diligence-Prozesse und so weiter aufgebaut. Also ich kann das, aber bin ich die Beste darin? Nein. Genauso beim Programmieren. Das habe ich auch gelernt, irgendwann. Aber würde mir jetzt wirklich irgendjemand dafür gerne viel Geld bezahlen? Nein, und das ist ja auch total okay. Aber das für mich wirklich Wichtige ist, das mal zu entdecken, zu sagen: Okay, das lasse ich los. Ich habe jetzt große Fortschritte gemacht, das gut zu verstehen und zu durchdringen, aber ich muss es nicht tagtäglich machen, weil da bin ich auch einfach nicht die Beste für. Das hat dann total viel Kraft freigesetzt.

 

Christin: Fällt es dir leicht, Verantwortung abzugeben?

Nicole: Ja, ich glaube, das ist etwas, was ich sogar recht gut kann. Mein Ziel ist eigentlich immer noch, mich überflüssig zu machen im Unternehmen. Ich freue mich immer, wenn Leute Projekte planen und es sind auch schon ganze neue Geschäftsbereiche dadurch entstanden, die ich mir selbst nicht so vorgestellt hätte.