Wie verändert Künstliche Intelligenz die Rolle von Beratern – und wie muss sich die Aus- und Weiterbildung von Beratern anpassen, wenn KI-Tools zur Verfügung stehen? Birgit Wagner, Chief Learning Officer an der hauseigenen Weiterbildungseinrichtung des Finanzdienstleisters MLP, MLP Corporate University, sagt: KI kann Routinen übernehmen und Beratern Freiräume schaffen – in einem definierten Rahmen.
Ein Gespräch über Lernformate, Verantwortung und die Frage, wo Technologie bewusst eine Grenze gesetzt werden sollte.
DAS INVESTMENT: Finanzberaterinnen und -berater haben heute Zugang zu mehr Daten und Analysetools als je zuvor. Verändert das, was in der Aus- und Weiterbildung vermittelt werden muss – oder eher die Art und Weise, wie es vermittelt wird?
Birgit Wagner: Beides – aber mit unterschiedlicher Gewichtung. Fachwissen bleibt natürlich die Grundlage, doch der Fokus verschiebt sich: weniger Rechenaufgaben, denn das kann auch die KI zuverlässig übernehmen. Stattdessen wird es immer wichtiger, Ergebnisse einordnen zu können. Gleichzeitig verändert sich vor allem das Wie. Lernen wird individueller, situativer und praxisnaher. Mit KI lassen sich Lerninhalte dynamisch anpassen, Fallbeispiele schaffen und direktes Feedback geben. Dadurch entsteht eine Lernumgebung, die näher an realen Beratungssituationen ist als klassische Seminarformate. Das spüren wir zunehmend auch an unserer Corporate University.
Welche neuen Qualitäten bringt Künstliche Intelligenz in den Berateralltag?
Wagner: KI nimmt einen großen Teil der Vor- und Nachbereitung ab – vom strukturierten Aufbereiten der Kundendaten bis hin zur Dokumentation von Beratungsgesprächen. Das verringert den administrativen Aufwand und schafft Freiräume für das eigentlich Wichtige: das Kundengespräch.
Ein entscheidender Mehrwert ist auch, dass KI Unterschiede sichtbar macht. Szenarien lassen sich schneller durchspielen, Alternativen vergleichen und komplexe Sachverhalte strukturieren. Berater können sich also voll auf ihre Rolle als Interpret und Sparringspartner für ihre Kunden fokussieren.
Welche Rolle spielt KI in der Aus- und Weiterbildung für Berater?
Wagner: In der Ausbildung wirkt KI wie eine Trainingspartnerin. Sie ermöglicht personalisierte Lernpfade, generiert realitätsnahe Fallstudien und gibt unmittelbares Feedback zu eigenen Lösungsansätzen. Lernende können komplexe Beratungssituationen wiederholt durchspielen – in Varianten, die man in klassischen Trainings kaum abbilden kann. Gleichzeitig entstehen neue Kompetenzfelder, etwa beim Prompten und beim sicheren Umgang mit regulatorischen Anforderungen.
Außerdem ist die Weiterentwicklung personaler und sozialer Kompetenzen entscheidend – um auf Augenhöhe mit Kundinnen und Kunden im Gespräch zu bleiben, Vertrauen aufzubauen und sie bei finanziellen Fragen entscheidungsfähig zu machen.
Ziehen Sie irgendwo auch eine bewusste Grenze, wenn es um den Einsatz von KI in der Beratung und der Beraterausbildung geht?
Wagner: Ja, diese Grenze verläuft ganz klar bei Verantwortung und bei sensiblen Daten. Finanzplanung arbeitet mit hochpersönlichen Informationen. Deshalb darf KI in der Aus- und Weiterbildung nur in einem klar definierten Rahmen eingesetzt werden – mit simulierten Daten oder in technisch geschützten Umgebungen. Und inhaltlich gilt: KI darf unterstützen, aber nicht Entscheidungen ersetzen. Die Verantwortung für die Qualität der Beratung bleibt immer beim Menschen. Deshalb ist es so wichtig, dass Beraterinnen und Berater lernen, Ergebnisse zu hinterfragen – und nicht einfach zu übernehmen.
Der diesjährige Financial Planning Powertag steht unter dem Motto „Zwischen Daten, Denken und Dasein“. Was erwartet die Teilnehmer konkret – und wen würden Sie besonders einladen?
Wagner: Wir starten mit dem traditionellen Update zu Kapitalmärkten und Volkswirtschaft als datenbasierter Grundlage für Beratung. Danach weiten wir den Blick auf geopolitische Entwicklungen – etwa den technologischen Wettbewerb zwischen China und den USA – und ihre Bedeutung für Märkte und Anlageentscheidungen. Am Nachmittag wird es sehr konkret: rechtliche und steuerliche Entwicklungen im Privatkundengeschäft, neue Perspektiven aus der Behavioral Finance und der Blick auf die psychologische Dimension von Finanzentscheidungen in unsicheren Zeiten.
Einladen möchte ich vor allem Beraterinnen und Berater, die spüren, dass sich ihr Beruf gerade verändert – nicht nur fachlich, sondern in der Rolle insgesamt. Also alle, die nicht nur auf dem neuesten Stand bleiben wollen, sondern ihr Beratungsverständnis weiterentwickeln möchten.
Der diesjährige Financial Planning Powertag von MLP findet am 9. Juni statt, er steht auch externen Finanzberatern offen. Die Veranstaltung wird beim FPSB Deutschland als Weiterbildung mit 5,5 CPD-Credits angerechnet. Anmeldungen sind bis zum 26. Mai möglich.



