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Aktualisiert am in Energie und Technik für die Welt von morgenLesedauer: 6 Minuten
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Portfoliomanager im Interview „KI wird uns beeinflussen wie Internet und Smartphone“

Blick auf die Smartwatch: Dank künstlicher Intelligenz könnten wir künftig unsere eigenen virtuellen Assistenten haben – beispielsweise einen digitalen Gesundheitscoach, der Ernährungs- und Trainingspläne erstellt.
Blick auf die Smartwatch: Dank künstlicher Intelligenz könnten wir künftig unsere eigenen virtuellen Assistenten haben – beispielsweise einen digitalen Gesundheitscoach, der Ernährungs- und Trainingspläne erstellt. | Foto: Imago Images / Westend61
Derek Glynn

DAS INVESTMENT: Herr Glynn, Aktien aus dem Technologiesektor waren unter Anlegern zuletzt wieder stark gefragt. Auf welche Themen aus dem Bereich konzentrieren Sie sich in der zweiten Jahreshälfte und darüber hinaus?

Derek Glynn: Das Wachstum der Ausgaben für Cloud-Dienste könnte in der zweiten Jahreshälfte seinen Tiefpunkt erreichen und sich im vierten Quartal wieder beschleunigen. Seit längerer Zeit verlagern Unternehmen ihre IT-Aufgaben in die Cloud. Das ermöglicht ihnen Kosteneffizienz. Außerdem können sie ihre Datenverarbeitung damit abhängig vom Bedarf dynamisch skalieren. Das Wachstum der Cloud-Ausgaben verlangsamt sich seit vielen Quartalen. Im letzten Quartal lag es bei rund 20 Prozent im Jahresvergleich. Vor fünf bis sechs Jahren waren es noch mehr als 40 Prozent.

Wo liegen die Gründe für diese Verlangsamung und warum werden die Ausgaben Ihrer Einschätzung nach schon bald wieder anziehen?

Glynn: Die Unternehmen waren aufgrund des herausfordernden konjunkturellen Umfelds im vergangenen Jahr eher vorsichtig. Sie haben lieber ihre bestehenden Prozesse optimiert als neue einzuführen. Das geht aber nur eine gewisse Zeit lang und es besteht weiterhin ein starker Drang zur digitalen Transformation. Ich bin daher optimistisch, dass das Wachstum der Cloud-Ausgaben seine Talsohle durchschreiten und sich dann wieder beschleunigen wird.  Das langfristige Wachstumsthema der digitalen Transformation und der Verlagerung der Datenverarbeitung in die Cloud ist nach wie vor intakt, da die meisten IT-Prozesse noch immer direkt in den Unternehmen stattfinden.

 

Welche Trends sehen Sie darüber hinaus?

Glynn: Der Schwerpunkt wird weiterhin auf Rentabilität und Margenausweitung liegen. Bei Zinssätzen von 5 Prozent sieht die Welt ganz anders aus als zu Zeiten, als sie noch bei 0 Prozent lagen. Fremd- und Eigenkapital sind teurer als noch vor zwei Jahren. Das macht es schwieriger, Wachstum zu finanzieren. Viele Technologieunternehmen, die zuvor Verluste gemacht haben, streben jetzt nach Rentabilität. Die bereits rentablen Firmen konzentrieren sich auf die Ausweitung ihrer Gewinnspannen. Dieser Trend wird sich wahrscheinlich fortsetzen, solange die Zinssätze auf dem derzeitigen Niveau liegen oder sogar noch steigen. Daneben ist die generative künstliche Intelligenz (KI) ein wichtiges Thema – eine spannende Technologie, die eine neue Innovationswelle in der Wirtschaft einleiten könnte.

Was macht generative KI so spannend?

Glynn: Generative KI kann Inhalte auf Basis einer Textaufforderung erzeugen. Die eher technische Definition lautet: Es handelt sich um ein großes Sprachmodell, das mithilfe einer riesigen Datenmenge trainiert wurde. Es wurde entwickelt, um das nächste Wort in einer Sequenz vorherzusagen. Mit immer mehr Daten und der richtigen Art von Training ist es in der Lage, ein fortgeschrittenes Argumentationsniveau zu erreichen.  Die Technologie steht noch am Anfang ihrer Entwicklung. Es gibt aber bereits ein breites Anwendungsspektrum – vom Schreiben von Aufsätzen über die Zusammenfassung von Daten bis hin zur Unterstützung von Entwicklern bei der Codegenerierung. Fragen können auch an vorherige Aufforderungen anknüpfen. Dadurch läuft der Dialog mit einem Chatbot auf natürliche Art und Weise ab – ähnlich wie mit einem Menschen. Darüber hinaus wird die Technologie zunehmend zur Generierung von Bildern, Videos und Audiodaten eingesetzt.

Wie können solche Technologien ganz konkret unseren Alltag verändern?

Glynn: Wir könnten auf dem Smartphone oder einem Augmented-Reality-Gerät unseren eigenen spezialisierten virtuellen Assistenten haben. Beispielsweise eine Shopping-Begleitung, die uns auf der Grundlage unserer Größe, unserer Vorlieben und unseres Budgets Kleidung empfiehlt. Ebenfalls denkbar ist ein virtueller Gesundheitsassistent, der uns einen auf unsere Zeitpläne und Vorblieben angepassten Essensplan sowie ein Trainingsprogramm erstellt. Oder ein Unterhaltungsassistent, der auf der Grundlage unserer Lieblings-Filmgenres maßgeschneiderte Videoclips erstellt.

Welche Chancen und Risiken bietet generative KI für Unternehmen?

Glynn: Generative KI kann neue Wachstumsmöglichkeiten erschließen und Unternehmen helfen, kosteneffizienter zu werden. Es wird neue Produkte geben, die neue Umsatzchancen eröffnen. Außerdem bietet KI die Möglichkeit, mit weniger Aufwand mehr zu erreichen: Sie kann Entwicklern ermöglichen, mehr Code in der gleichen Zeit zu schreiben, oder den Kundendienst unterstützen. Vom KI-Trend profitieren werden Unternehmen, die die grundlegenden Modelle entwickeln. Außerdem wird die Technologie Firmen zugutekommen, die Rechen- und Speicherressourcen für entsprechende Anwendungen bereitstellen. Unternehmen mit eigenen Daten können darüber hinaus die Technologie in ihr bestehendes Angebot einbinden, um neue Produkte zu entwickeln oder bestehende zu verbessern und die Kundenbindung zu erhöhen.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Glynn: Stellen Sie sich vor, Sie gehören zum Vertriebsteam. Ihr Unternehmen hat gerade ein neues Produkt auf den Markt gebracht. Dann können Sie generative KI nutzen, um eine E-Mail zu verfassen, in der Sie Ihren Kunden das Produkt, seine Funktionen und seinen Mehrwert vorstellen. Die E-Mail kann auf der Grundlage der Daten, die Sie über Ihre Kunden haben – zum Beispiel Unternehmensgröße, Standort, bevorzugte Sprache, Dauer und Qualität der Beziehung zu ihnen –personalisiert werden. So können Sie den Kunden optimal ansprechen.

Sie haben aber auch Risiken angesprochen… 

Glynn: Ja. Wie bei jeder neuen Technologie besteht die Gefahr, dass Unternehmen verdrängt werden – insbesondere, wenn sie sich nicht schnell genug anpassen. Inhalte selbst könnten immer mehr zur Massenware werden, da ihre Erstellung fast kostenlos ist. Außerdem kann generative KI ein Konkurrent für Online-Bildungsunternehmen werden, da sie in bestimmten Fächern sehr gut Nachhilfe geben kann.

Wie bewerten Sie den Hype um generative KI an der Börse: übertrieben oder angemessen?

Glynn: Die Technologie befindet sich noch in einem frühen Stadium. Es wird eine Weile dauern, bis sie sich wirklich auf die Einnahmen der Unternehmen auswirkt. Die Firmen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Daten sowie die ihrer Kunden sicher sind, dass es starke Cybersicherheitsvorkehrungen gibt, dass sie nicht gegen Urheberrechtsgesetze verstoßen und die Technologie akkurate Ergebnisse liefert. Viele Dinge müssen also noch geklärt werden. Das könnte die Zeitspanne verlängern, bis die Unternehmen die Technologie einführen und Vorteile daraus ziehen. Kurzfristig scheint der Hype um die Technologie zu groß zu sein und wir haben bereits eine Ausweitung der Multiplikatoren für bestimmte Technologiewerte gesehen. Andererseits unterschätzen viele angesichts der möglichen Umwälzungen noch immer die längerfristigen Auswirkungen. Letztendlich wird die Technologie uns alle in gewisser Weise beeinflussen, so wie es das Internet und die Smartphones getan haben. Daher sollten Anleger die Entwicklung der generativen KI aufmerksam verfolgen.

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