In einer Welt denkender Maschinen wird Denken-Können zur knappen Ressource, meint Hartmut Giesen. Davon profitieren Philosophen – und es hat Auswirkungen auf die Finanzbranche.
Lange galt das Philosophiestudium als überlange Ausbildung zum überqualifizierten Taxifahrer. Heute sind die Berufsaussichten von Philosophen in den USA besser als die von Software-Entwicklern, denen lange Zeit alle möglichen roten Teppiche von potenziellen Arbeitgebern ausgerollt wurden. Unter anderem der Economist hat über eine entsprechende Statistik der New Yorker Fed berichtet.
Ein Grund dafür ist, dass führende KI-Labore viele Philosophen direkt von der Uni weg einstellen. Warum werden mehr Philosophen und weniger Entwickler benötigt? Anthropic-Chef Dario Amodei und führende Teammitglieder beantworten die Frage schon seit Monaten immer gleich: KI schreibt heute bereits einen erheblichen Teil des Programmcodes selbst; Entwickler sind für das reine Codieren nicht mehr notwendig.
Dafür werden mehr Mitarbeitende gebraucht, die tatsächlich verstehen, wie Denken funktioniert, wie man Schlüsse prüft, wie sich ein System moralisch lenken lässt. Genau dafür sind Philosophen ausgebildet. Anthropic beschäftigt eine Hausphilosophin, deren Aufgabe es ist, dem Chatbot Claude beizubringen, „gut“ zu sein.
Qualität des Modells steigt, wenn nach Sinn, Konsistenz und Begründung gesucht wird
Das Spottwort, das der IBM-Forscher und Spracherkennungs-Pionier Frederick Jelinek gesagt haben soll – „Jedes Mal, wenn ich einen Linguisten entlasse, steigt die Leistung der Spracherkennung“ –, gilt nicht mehr. Das Gegenteil ist der Fall: Die Qualität eines Modells steigt oft genau dann, wenn Computerlinguisten und Philosophen die rein statistischen Strukturen der Transformermodelle justieren – wenn also jemand nach Sinn, Konsistenz und Begründung in den statistisch gebildeten Sätzen sucht. Zwar ist Data Scientist gegen Linguist nicht ganz dasselbe wie Programmierer gegen Philosoph – aber es ist dasselbe Phänomen.
Die Renaissance der Philosophie und der angrenzenden Geisteswissenschaften bleibt nicht auf die KI-Firmen begrenzt. Auch und gerade in der Finanzwelt wird sie sich durchsetzen – hier nicht, um die Qualität der KI zu erhöhen, sondern um sich mit dem zu beschäftigen, was nach dem Einsatz der KI zu erledigen bleibt.
KI beantwortet die Trillionen kleinen Fragen – die nach der nächsten Zeile Code ebenso wie die nach dem nächsten Trade – heute schon besser als Menschen. Expertenwissen, Analytik, Algorithmik werden zur Massenware. Knapp und wertvoll bleibt die Fähigkeit, die wichtigen Fragen zu erkennen und dort zu entscheiden, wo es statt Daten nur Ungewissheit gibt.
Viele Wagniskapitalgebe philosophisch ausgebildet
Dass Philosophie ein gutes Rüstzeug für kluges Investieren und die Wertsteigerung von Unternehmen ist, ist keine rein KI-getriebene Erkenntnis. George Soros etwa, das wohl berühmteste Beispiel, hat in London bei Karl Popper Philosophie studiert und seine Markttheorie aus dessen Denken abgeleitet.
Viele erfolgreiche Wagniskapitalgeber wie Peter Thiel (mehr als umstritten in seinen philosophischen Ansichten) oder Reid Hoffman sind philosophisch ausgebildet oder beschäftigen sich, wie Marc Andreessen, zumindest mit Philosophie. Auch der CEO des ebenso umstrittenen Datenunternehmens Palantir, Alex Karp, ist Philosoph.
Der Economist titelte mit Blick auf diese Entwicklung unlängst „Philosophy has a moment“. Auch das Handelsblatt widmete dem Thema jüngst einen Artikel. Fazit: In Deutschland profitierten Geisteswissenschaftler noch weniger von der Renaissance der Philosophie. Hier fehlen die großen KI-Labore als Arbeitgeber. Mittelfristig sollten in kleinen und mittleren Unternehmen jedoch Arbeitsplätze rund um den KI-Einsatz entstehen.
Das Anforderungsprofil verschiebt sich
Für die Investment-Welt bedeutet das eine Verschiebung des Anforderungsprofils. Der quantitative Apparat – Prognose, Szenario, Optimierung – wandert in die Maschine. Beim Menschen verbleibt die kreative Spitze der Denkpyramide: Welche Ziele verfolgen wir mit dem Kapital? In welchem Regime stecken wir wirklich? Wo täuscht uns das Modell, weil die Zukunft diesmal nicht wie die Vergangenheit aussieht? Das sind, ihrem Wesen nach, philosophische Fragen.
Man muss daraus nicht ableiten, den nächsten CIO an der Sorbonne zu rekrutieren. Aber die Richtung ist klar. In einer Welt denkender Maschinen wird Denken-Können paradoxerweise zur knappen Ressource. Die Eltern, die einst vor dem Philosophiestudium warnten, dürften sich gründlicher geirrt haben, als sie ahnten.