Hohe Ölpreise sind für die Schwellenländer längst keine Katastrophe mehr, denn ihre Auswirkungen werden durch boomende Technologiebranchen, solidere Fundamentaldaten und eine geringere Abhängigkeit vom US-Dollar ausgeglichen.
Die Finanzmärkte reagierten auf den jüngsten Anstieg der Ölpreise genau so wie in den letzten 50 Jahren – zumindest anfangs. Die Aktienkurse gaben nach, die Anleiherenditen stiegen, die Währungen der energieimportierenden Länder schwächten sich ab, und es kam zu einem Ausverkauf von Schwellenländeranlagen.
Doch das traditionelle Ölschock-Szenario erwies sich als kurzlebig. Schwellenländeranleihen in Lokalwährung gaben um fast 6 Prozent nach – mehr als doppelt so stark wie Industrieländeranleihen –, erholten sich dann aber um 4,2 Prozent und lagen am Ende weitgehend gleichauf mit den Anleihen der Industrieländer. Schwellenländeranleihen in Hartwährung erwiesen sich als resilienter: Der anfängliche Rückgang fiel geringer und die anschließende Erholung stärker aus, und am Ende zogen sie um rund 2 Prozent an Industrieländeranleihen vorbei. Das ist bemerkenswert, da die Schwellenländer gewöhnlich empfindlich auf eine steigende Risikoaversion reagieren.
In der Vergangenheit verschlechterten höhere Ölpreise die Handelsbedingungen für Importländer, trieben die Inflation in die Höhe, schmälerten die Realeinkommen der privaten Haushalte und belasteten letztendlich das Wirtschaftswachstum. Die Zentralbanken schlugen daraufhin einen restriktiveren Kurs ein, Risikoanlagen gerieten unter Druck, und die Schwellenländer zählten zu den ersten Leidtragenden.
Diesmal ist jedoch alles anders. Entscheidend ist, dass die größten Volkswirtschaften der Welt nicht mehr sparen, sondern investieren. Und zwar in großem Stil. In den USA wachsen KI-bezogene Investitionen im Vergleich zum Vorjahr um fast 25 Prozent, und die US-Importe von Investitionsgütern steigen trotz eines schwächeren Konsumklimas um mehr als 20 Prozent. China, das sich ebenfalls intensiv am Wettlauf um KI beteiligt, baut seine Importe weiter aus. Deutschland investiert in Infrastruktur, Verteidigung und die Energiewende.
All diese Ausgaben sorgen für eine starke Nachfrage nach Exporten aus Schwellenländern.
Exporte aus Schwellenländern sind gefragt
Korea ist wohl das anschaulichste Beispiel dafür. Traditionell führen steigende Ölpreise in dem Land zu einer deutlichen Verschlechterung der Handelsbedingungen und der Handelsbilanz. Als die Ölpreise im Jahr 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine in die Höhe schnellten, verschlechterte sich die Handelsbilanz Koreas um fast 2,5 Prozent des BIP. 2026 hingegen stieg sie in nur zwei Monaten um mehr als 5 Prozent des BIP.
Der Grund dafür ist einfach: Für Korea ist der Preis für Halbleiter mittlerweile wichtiger als der Ölpreis. Die Nachfrage nach Chips für Rechenzentren und KI-Infrastruktur hat den Anstieg der Energiekosten mehr als ausgeglichen. Die Handelsbedingungen Koreas haben sich um über 17 Prozent verbessert, nachdem sie während des durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energieschocks um fast 10 Prozent gefallen waren (siehe Grafik 1, in beiden Fällen Veränderung gegenüber dem Vorjahr von Februar bis April). In Taiwan verläuft die Entwicklung ähnlich – der Handelsüberschuss ist dort um mehr als 2 Prozent des BIP gestiegen, während er sich beim vorherigen Ölpreisschock verschlechtert hatte.
Insgesamt schneiden 18 der 22 Schwellenländer, die bereits ihre Handelsdaten für April veröffentlicht haben, besser ab als im Jahr 2022. Und das liegt nicht nur an den Halbleitern.
Der Ausbau der digitalen Infrastruktur und die Elektrifizierung der globalen Wirtschaft treiben die Nachfrage nach Rohstoffen an, die von Schwellenländern gefördert und verarbeitet werden. Die Preise für Industriemetalle sind im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent gestiegen – in etwa so stark wie der Ölpreis selbst. Für die Schwellenländer war das ein wahrer Glücksfall: Chile, Peru, die Mongolei und Sambia profitieren von den gestiegenen Preisen für Kupfer, Kasachstan von denen für Uran und Indonesien für Nickel. Auch Brasilien, Malaysia und Indien profitieren von diesen günstigen Rahmenbedingungen.
Grafik 1: Handelsboom