DAS INVESTMENT: Frau Pavier, Sie analysieren Nachhaltigkeit im Tech-Sektor. Welche ESG-Kriterien sind hier besonders relevant?
Kimberly Pavier: Das hängt stark vom Subsektor ab. Die Halbleiterproduktion birgt wesentlich mehr ökologische und soziale Risiken als reine Softwareentwicklung. Generell verlagert sich der Fokus von Datenschutz und Umweltfragen zunehmend auf soziale Aspekte – etwa wie KI Arbeitsplatzsicherheit und menschliches Wohlbefinden beeinflusst.
KI bringt Effizienzen, ist aber auch ein Wachstumssektor mit enormem Energiehunger. Wie bewerten Sie das aus ESG-Perspektive?
Pavier: Wir betrachten KI als Welle, die alle Sektoren durchdringt. Die aktuellen Energieprognosen sind mit Vorsicht zu genießen – die Effizienzsteigerungen sind bereits beeindruckend. Die neue Nvidia-Generation bietet 30-mal bessere Energieeffizienz als der Vorgänger. Gleichzeitig brauchen wir Lösungen für eine zuverlässige Netzstabilität und ein besseres Energiemanagement. Interessanterweise kann KI selbst dabei helfen: Google hat durch KI-Einsatz in Rechenzentren bereits erhebliche Energieeinsparungen erzielt.
Wie bleiben Sie in diesem schnelllebigen Feld überhaupt auf dem neuesten Stand?
Pavier: Ein großer Vorteil ist, dass ich direkt im Tech-Team sitze. Bei jeder neuen Entwicklung bin ich in alle Kommunikationen eingebunden. Wir diskutieren dann die Nachhaltigkeitsimplikationen: Was bedeutet dies für Datenschutz, Regulierung oder Energieoptimierung? Zudem spreche ich wöchentlich mit Unternehmen – von ESG-Teams bis zu Supply-Chain-Experten.





Viele ESG-Ratings bewerten Tech-Firmen positiv. Stimmt das mit Ihrer tieferen Analyse überein?
Pavier: Viele ESG-Ratings im Tech-Sektor sind viel zu oberflächlich. Eine Softwarefirma mag bei Scope 1 und 2 gut aussehen, aber die ausgelagerten Rechenzentren gehören zur Verantwortung des Unternehmens. Zudem erfassen einfache Datenhierarchien die Komplexität nicht – ein Halbleiterhersteller hat ein völlig anderes Profil als ein Design-Unternehmen. Viele Rating-Anbieter verstehen diesen Unterschied nicht.
Dabei kommt es doch gerade auf die technischen Details an.
Kimberly Pavier: Absolut. Das sehen wir etwa an dem Dilemma, das der Übergang von Luft- zu Flüssigkühlung bei Rechenzentren mit sich bringt. Die Flüssigkühlung bedeutet eine extreme Verbesserung der Energieeffizienz, aber sie verbraucht deutlich mehr Wasser. Wir schauen uns also ein Problem an und lösen es teilweise, schaffen aber potenziell ein neues. Solche Trade-offs müssen wir bei der ESG-Bewertung berücksichtigen. Wir analysieren daher immer, wie Unternehmen ihr Wasserressourcenmanagement gestalten, wenn sie auf Flüssigkühlung umsteigen.
Welche Datenquellen nutzen Sie für Ihre ESG-Analysen und wie ergänzen Sie diese?
Pavier: Wir verwenden verschiedene Tools bei Janus Henderson. Unser strategischer Datenanbieter ist MSCI, aber wir nutzen auch Bloomberg und andere Anbieter. Ich hole zusätzliche Informationen direkt von Unternehmenswebsites oder durch Gespräche im Rahmen unserer Stewardship-Aktivitäten. Zentral ist unser ESG-Explore-Tool mit dem wir Einblicke in das „Engagement“ anderer Kollegen in diese Unternehmen erhalten. Andere Tools wiederum ermöglichen uns, Analysen zu sehen.





Welche Tech-Unternehmen machen besondere Fortschritte bei der CO2-Reduktion?
Pavier: Dekarbonisierung ist nicht linear oder gleich - Ziele und Management sind entscheidend. So strebt die Google-Mutter Alphabet 100 Prozent erneuerbare Energie rund um die Uhr an, was deutlich anspruchsvoller ist als nur für die Jahresbilanz. Bei Amazon steht „Additionality“ im Vordergrund – das Unternehmen investiert also in den Bau völlig neuer erneuerbarer Energiequellen, statt nur bestehende grüne Energie aufzukaufen. Das bringt tatsächlich zusätzlichen sauberen Strom ins Netz, anstatt nur Zertifikate umzuverteilen. Entscheidend ist auch der Standort: Erneuerbare Energie in Europa zu kaufen, während der Fußabdruck in Asien liegt, ist wenig glaubwürdig.
Wie reagieren Sie auf die sich ändernde Haltung amerikanischer Unternehmen zu ESG-Themen?
Pavier: Der Wandel ist in den USA überall spürbar. Die Einstellung zu Diversität und Inklusion hat sich verändert. Manchmal ändern sich aber auch nur die Offenlegung oder Programme werden zusammengelegt und in die BAU integriert. Daher ist es wichtig, dass sich die Unternehmen einbringen und über fundierte Kenntnisse des Technologie- und Nachhaltigkeitssektors verfügen, um sich in diesem dynamischen Umfeld zurechtzufinden.
Haben kleinere Tech-Unternehmen besondere Herausforderungen bei der ESG-Berichterstattung?
Pavier: Kleinere Unternehmen werden von ESG-Rating-Agenturen oft schlechter bewertet, weil ihnen schlicht die Ressourcen für umfassende Offenlegungen fehlen. Sie haben kein großes ESG-Team, das regelmäßig Reports erstellt. Paradoxerweise können diese Firmen in direkten Gesprächen sehr transparent sein und sind oft bereit, alle Informationen zu teilen – sie haben einfach nicht die Kapazität für formalisierte Berichte. Hier zeigt sich wieder die Schwäche standardisierter Ratings, die solche Nuancen nicht erfassen.
Wie fließen Ihre Analysen konkret in Investmententscheidungen ein?
Pavier: Eine schwache ESG-Performance kann sich negativ auf die Bewertung oder auf die Finanz- und Fundamentaldaten des Unternehmens auswirken, daher hilft meine Analyse dem Team zu verstehen, was finanziell wesentlich ist. Ich prüfe auch potenzielle Verstöße gegen Ausschlusskriterien und wir investieren nicht in Unternehmen, die gegen unsere Ausschlusskriterien verstoßen. Die Anforderungen für den Sustainable Future Technology Fund (Artikel 9) unterscheiden sich von denen für unseren Global Technology Leaders Fund (Artikel 8), da wir für den Sustainable Future Technology Fund eine Voraussetzung für nachhaltige Erträge haben und daher auch Daten über nachhaltige Ergebnisse analysieren. Wir achten auf ESG-Leader mit einigen Unternehmen, die sich noch verbessern und auf einem positiven Weg sind. ESG-Nachzügler, bei denen wir gemäß unserer eigenen Analyse und Definition ein negatives oder fehlendes Momentum sehen, halten wir nicht.
Welche Nachhaltigkeitsthemen werden in den nächsten Jahren für Tech-Investoren besonders relevant?
Pavier: KI kann erstaunliche Technologien in den Bereichen Technologie, Gesundheit und nachhaltiger Verkehr freisetzen. Aktuell dominieren CO2-arme Infrastruktur sowie Ressourcenoptimierung. Künftig sehe ich enormes Potenzial in der Gesundheitstechnologie – von der pharmazeutischen Forschung bis zur Krebserkennung. Auch nachhaltiger Transport wird wichtig: Die Sicherheitsstatistiken für autonomes Fahren sind deutlich besser, zudem können E-Fahrzeuge als Energiespeicher dienen.

