Er verlor 1981 die halbe Firma und kaufte sie später zurück. Am Ende hielt Klaus-Michael Kühne Anteile an Lufthansa, Hapag-Lloyd und Brenntag. Nun ist er tot. Der Nachruf.
Zwischen Hamburger Hafen und Schweizer Bergen: Klaus-Michael Kühne formte Kühne+Nagel zum Weltkonzern und baute ein Milliardenreich aus Logistik- und Verkehrsbeteiligungen auf.| Bildquelle: Imago Images / photothek / Edelstoff Media / mit KI
Das Fahrrad musste immer nach oben. Wann immer Klaus-Michael Kühne im Hamburger Luxushotel The Fontenay logierte, schleppte das Personal den Heimtrainer aus dem Keller in seine Suite. Das Gerät gehörte ihm. Das Hotel auch. Kurz nach sechs aufstehen, strampeln, um 8.15 Uhr im Büro, abends die Zeitungen des nächsten Tages. Fünf Stunden Nachtruhe genügten ihm, erzählte er dem „Spiegel“ mit 84. Zwei iPads hatte er stets dabei, damit immer eines geladen war.
Nach Informationen des „Manager Magazins“ aus seinem Umfeld war Kühne rund zehn Tage vor seinem Tod von Mallorca an seinen Wohnsitz Schindellegi im Kanton Schwyz zurückgekehrt und dort in ärztlicher Behandlung. In Schindellegi starb er in der Nacht zum Montag. „Mit dem Tod von Klaus-Michael ist ein Visionär, ein großer Unternehmer und eine eindrucksvolle Persönlichkeit von uns gegangen“, sagte JörgWolle, Präsident des Verwaltungsrats von Kühne+Nagel.
Die Lehre von 1981
Am Anfang stand kein Gründungsmythos, sondern ein Erbe. Kühne kam am 2. Juni 1937 in Hamburg zur Welt, als einziger Sohn des Speditionskaufmanns AlfredKühne. Großvater August hatte das Unternehmen 1890 in Bremen gemeinsam mit FriedrichNagelals Speditions- und Kommissionsgeschäft gegründet. 1958 trat der Enkel ein, 1963 wurde er persönlich haftender Gesellschafter, 1966 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsleitung.
Ende der sechziger Jahre begann die Familie, zentrale Firmenfunktionen in die Schweiz zu verlagern. Als Motive werden der Regierungswechsel zu WillyBrandt im Jahr 1969 und steuerliche Erwägungen genannt. Ab Mitte der siebziger Jahre lebte Kühne in Schindellegi.
Dann kam der Fehler seines Lebens. Kühne wollte Reeder werden und kaufte fünf große Schiffe, überwiegend mit fremdem Geld. Die Ölkrise verteuerte den Treibstoff, der Wert der Flotte verfiel. Im Januar 1981 versammelten sich, wie der „Spiegel“ berichtete, die Vertreter von 23 Banken im Hamburger Hotel Atlantic. Um die Firma zu retten, gab Kühne 50 Prozent an den britischen Mischkonzern Lonrho ab, für 90 Millionen Mark. Im selben Jahr starb sein Vater.
Rund ein Jahrzehnt war er nicht mehr Herr im eigenen Haus. Anfang der neunziger Jahre kaufte er die Hälfte zurück, 1994 ging Kühne+Nagel in Zürich und Frankfurt an die Börse.
„Es war eine harte Schule, sich da durchzukämpfen“, sagte er dem „Spiegel“. „Aber wenn man es geschafft hat, stählt es einen.“ Seine spätere Anlagepolitik wirkt wie ein Gegenentwurf zu diesem Jahr: Kühne streute nicht breit. Er kaufte sich in wenige Unternehmen ein. Immer groß genug, um mitzureden.
Die im Februar 2020 eingeweihte neue Deutschlandzentrale der Spedition Kühne + Nagel in der Bremer Innenstadt. | Bildquelle: Imago Images / Eckhard Stengel
Kühne+Nagel erzielte 2025 einen Nettoumsatz von 24,5 Milliarden Franken und einen Konzerngewinn von 925 Millionen Franken, rund ein Viertel weniger als im Vorjahr. Zum Jahresende beschäftigte der Konzern 85.407 Menschen an 1.366 Standorten in 93 Ländern. Nach eigenen Angaben behauptete er nach Volumen seine führende Stellung in der See- und Luftfracht. Dünn geworden war der Vorsprung trotzdem: Im zweiten Halbjahr 2025 wickelte DSV nach der Schenker-Übernahme knapp mehr Luftfrachttonnage ab.
Von 1992 bis 2011 stand Kühne dem Verwaltungsrat vor, danach war er Ehrenpräsident – und regierte weiter über das Eigentum. Zum Jahresende 2025 hielt die Kühne Holding 55,4 Prozent der Stimmrechte an Kühne+Nagel, die Kühne-Stiftung direkt weitere 4,7 Prozent.
Der Ankeraktionär
Spät im Leben wurde Kühne zu einem der eigenwilligsten Investoren Europas. Seine Beteiligungen lagen wiederholt knapp oberhalb wichtiger Meldeschwellen. Bei Hapag-Lloyd stieg er 2008/09 ein und erhöhte seinen Anteil im Frühjahr 2020 auf knapp über 30 Prozent – wenige Monate, bevor die Frachtraten in der Pandemie stark zu steigen begannen.
Für das Geschäftsjahr 2022 schüttete die Reederei im Jahr 2023 insgesamt 11,1 Milliarden Euro aus. Auf einen Anteil von 30 Prozent gerechnet entsprach das rund 3,3 Milliarden Euro brutto, aus einer einzigen Beteiligung.
Schon im Mai 2022 hatte der „Spiegel“ berichtet, aus Hapag-Lloyd seien Kühne rund 1,8 Milliarden Euro zugeflossen; das Kapital habe neu angelegt werden müssen. Dieses Geld musste arbeiten. Bei der Lufthansa lag Kühne im April 2022 bei 10,01 Prozent, im Juli bei 15,01 Prozent und war damit größter Einzelaktionär. Am 8. Mai 2026 überschritt er über die Kühne Aviation GmbH die Zwanzig-Prozent-Schwelle: 20,000010 Prozent.
Bequem war er nie. „Die Strategie der Lufthansa ist angreifbar“, sagte er 2024 der „FAZ“. Der Konzern habe sich „total verzettelt mit wahnsinnig vielen Nebenprodukten und Airlines unter ganz verschiedenen Namen“.
Gemeinsam mit EQT erwarb die Holding zudem 35 Prozent an Flix; wie sich dieser Anteil auf die beiden Investoren verteilt, wurde nicht veröffentlicht. Dazu kamen die Mehrheit am Pharma-Auftragsfertiger Aenova und die Zusage, beim Börsengang des Prothesenherstellers Ottobock bis zu 125 Millionen Euro als Ankerinvestor einzusetzen.
Und dann Signa. Kühne hielt zehn Prozent an der Signa Prime Selection, dem Immobilien-Prunkstück von RenéBenko. Seinen Verlust bezifferte er 2024 auf eine halbe Milliarde Euro – fast seinen gesamten Einsatz. Über Benko sagte er im Interview: „Er hat mich um den Finger gewickelt.“
Wie groß Kühnes Vermögen war, weiß niemand genau. Das „Handelsblatt“ nannte am Todestag 36 Milliarden Euro und Rang zwei unter den reichsten Deutschen, das „Manager Magazin“ 23,5 Milliarden Euro und Rang sechs, die Schweizer „Bilanz“ 21 bis 22 Milliarden Franken. Forbes taxierte ihn Mitte August auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Vier Schätzungen, drei Währungen, unterschiedliche Methoden und Stichtage. Kühne selbst sprach von „Papiergeld, das nur auf dem Papier existiert“.
Er liebte seine Vaterstadt, lebte aber in der Schweiz. Nach Darstellung des „Spiegel“ wäre ein deutscher Steuerwohnsitz mit seinem über Jahrzehnte aufgebauten Finanzkonstrukt kaum vereinbar gewesen. Sogar die Option auf eine Wohnung in der Elbphilharmonie schlug er deshalb aus. Seine Stiftung unterstützte das Konzerthaus als Mäzen und gründete die private Kühne Logistics University.
Beim HSV wurde die Heimatliebe zur Rechenaufgabe. Wie viel Geld über die Jahre floss, ist öffentlich nicht zuverlässig beziffert; Medien kommen auf einen hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbetrag. „Rein wirtschaftlich betrachtet, ist der HSV die schlechteste Investitionsentscheidung meines Lebens“, sagte Kühne 2018 der „Süddeutschen Zeitung“.
Im Juni 2025 verkaufte seine Holding rund 7,5 Prozent der HSV Fußball AG & Co. KGaA an die Sparda-Bank Hamburg. Zugleich erwarb sie für zunächst drei Jahre die Namensrechte am Stadion – ausdrücklich, um den traditionsreichen Namen zu erhalten. Volkspark, nicht Kühne-Arena.
Den geplanten Neubau der Hamburger Staatsoper wird Kühne ebenfalls nicht mehr sehen. Seine Stiftung übernahm die Kosten der Planung und will – falls sie sich nach deren Abschluss endgültig für das Projekt entscheidet – auch den Bau einschließlich möglicher Kostensteigerungen finanzieren. Einen festen Höchstbetrag nennt der Vertrag nicht. Die Stadt beteiligt sich mit bis zu 147,5 Millionen Euro an den standortspezifischen Kosten, etwa für Gründung und Hochwasserschutz.
Im November 2025 stimmte die Bürgerschaft den Planungen und dem Vertrag zu. Die endgültige Finanzierungsentscheidung der Stiftung ist für Anfang 2028 vorgesehen; bei reibungslosem Verlauf könnte das Haus Mitte 2034 fertig sein. „So werde ich die Fertigstellung wohl nicht mehr erleben“, sagte Kühne bereits 2024. „Aber gut, ich tue das für Hamburg.“
Das Kapitel, das er nicht öffnete
AdolfMaass war jüdischer Teilhaber der Hamburger Niederlassung von Kühne+Nagel und dort mit 45 Prozent beteiligt. Im April 1933 schied er ohne Abfindung aus dem Unternehmen aus; die überlieferten Unterlagen klären die genauen Umstände dieses Ausscheidens nicht vollständig. Am 15. Mai 1944 wurde Maass von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er ermordet; ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Kühnes Vater Alfred und dessen Bruder Werner traten am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein.
Bei der sogenannten M-Aktion transportierte Kühne+Nagel von 1942 an Möbel und Hausrat aus den Wohnungen geflohener oder deportierter jüdischer Familien in den besetzten Ländern Westeuropas ins Deutsche Reich. Nach Einschätzung des Historikers JohannesBeermann erhielt das Unternehmen im Verlauf der M-Aktion „quasi das Monopol auf diese lukrativen Staatsaufträge“.
Der Leistungsbericht der nationalsozialistischen „Dienststelle Westen“ vom Juli 1944 nennt für die gesamte M-Aktion fast 70.000 erfasste jüdische Wohnungen. Die Zahl bezieht sich auf die gesamte Raubaktion, nicht allein auf Transporte von Kühne+Nagel.
Das US-Magazin „Vanity Fair“ berichtete 2024 unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen, Kühne habe eine historische Studie über die Rolle des Unternehmens in der NS-Zeit in Auftrag gegeben, ihre Veröffentlichung später jedoch abgelehnt. Das beteiligte Institut bestätigte oder dementierte den Vorgang nicht. Kühne soll zu der Studie gesagt haben: „Mein Vater war kein Nazi.“
Seit 2023 erinnert in Sichtweite der Bremer Firmenzentrale ein Mahnmal an die massenhafte Beraubung europäischer Jüdinnen und Juden und die Beteiligung bremischer Unternehmen und Behörden. An den Kosten beteiligten sich die Stadt und zahlreiche private Spender.
Klaus-Michael Kühne und Christiane Kühne im März 2023 in Palma | Bildquelle: Imago Images / nicepix.world
Wer nur den Patriarchen sah, verpasste die Hälfte. Über 50 waren beide, als sie sich kennenlernten, „zu spät, um noch eine Familie zu gründen“. 1989 heiratete Kühne Christine. Sie machte ihn, wie sie dem „Spiegel“ erzählte, zum Musikliebhaber.
Zu Geburtstagen und Hochzeitstagen schrieb er ihr Gedichte, oft zehn bis fünfzehn handgeschriebene Seiten, 35 bis 40 Strophen à vier Zeilen. „Die darf niemand lesen“, sagte Kühne dem „Spiegel“. Die Jacht hieß Chrimi III, nach Christine und Michael. „Ich bin im Großen großzügig, im Kleinen kleinlich“, sagte er über sich.
Was jetzt beginnt
Für Vermögensverwalter ist die Nachfolge der interessanteste Teil: ein Lehrstück in Kontrollarchitektur ohne Nachkommen. Kühnes wirtschaftliche Interessen waren in der Kühne Holding gebündelt. Daneben stand die 1976 gemeinsam mit seinen Eltern gegründete Kühne-Stiftung.
Kühne hatte angekündigt, sein Firmenvermögen nach seinem Tod an die gemeinnützige Stiftung zu übertragen. Ob und in welcher Form dieser Übergang bereits vollzogen wurde, war am Montag noch nicht bekannt.
Für 2026 plante die Stiftung Ausgaben von 65 Millionen Franken aus eigenen Mitteln. Einschließlich der Finanzierung durch Partner bezifferte sie ihr Gesamtbudget auf rund 135 Millionen Franken, verteilt auf Logistik, Medizin, Klima, humanitäre Logistik und Kultur. Die Werte, die da zusammengekommen seien, nannte Kühne „fast schon erschreckend hoch“. Es werde „eine der größten Stiftungen Europas“.
Operativ ist vorgesorgt. DominikdeDaniel führt die Holding seit April 2024, KarlGernandt präsidiert ihren Verwaltungsrat. Im Stiftungsrat sitzen neben Christine Kühne unter anderem Jörg Wolle und Gernandt. Der Basler Anwalt ThomasStaehelin ist seit Langem Vizepräsident der Stiftung und war Medienberichten zufolge als Nachfolger Kühnes an ihrer Spitze vorgesehen. Eine offizielle Bestätigung lag zunächst nicht vor.
Offen bleibt die Frage, die kein Testament beantwortet: ob ein Gremium dieselbe Risikofreude aufbringt wie der Mann, der dieses Beteiligungsimperium aufgebaut hat.
Christoph Fröhlich deckt bei DAS INVESTMENT die gesamte Bandbreite der Geldanlage ab – von aktiven Fonds bis zu Bitcoin, von Anleihenmärkten bis KI-Investments. Was ihn antreibt: die Menschen hinter den Zahlen. Diese Neugier hat er sich von der BILD-Lokalredaktion über seine Zeit als stern-Ressortleiter bis heute bewahrt. Nun jongliert er zwischen Fondsmanager-Gesprächen in Hamburg und Fintech-Interviews in Berlin, macht daraus mal LinkedIn-Posts, mal Podcasts. Sein Credo: Gute Geschichten lauern überall – man muss nur die richtigen Fragen stellen.
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