Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Wirtschaftsexperte Christian Melzer
Trotz Trump und Gegenwind: Warum Klimainvestments nicht am Ende sind
Die Erderwärmung geht ungebremst weiter und dennoch gerät der Klimawandel politisch und medial in den Hintergrund. Das Ziel des Weltklimarates einer Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf +1,5 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu erreichen, ist in den vergangenen Jahren deutlich schwieriger geworden. Damit wird es auch deutlich teurer. Denn, nach Angaben der Vereinten Nationen, war 2024 bereits das erste Jahr, in dem die Erwärmung erstmals in der Geschichte +1,5 Grad Celsius erreicht hat und der weltweite CO2-Ausstoß einen Rekord erzielte.
Es ist eine Mischung aus genereller Ablehnung und einer Vielzahl von geopolitischen Herausforderungen, die dem Klimaschutz zusetzt. Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen Anfang des vergangenen Jahres hatte eine Signalwirkung. Nach China sind die USA der zweitgrößte CO2-Emittent. Beide Länder stehen für mehr als 40 Prozent der globalen Gesamtemissionen. Daneben sorgt bei manchem Anleger das Verschwimmen der Grenze zwischen Klimaschutz und Nachhaltigkeit einerseits sowie Rüstung und Atomenergie andererseits für Verunsicherung.
Licht und Schatten an den Märkten
Dies hinterlässt auch Spuren an den Finanzmärkten. So ist die Bereitschaft der Anlegenden gesunken, einen Aufschlag für grüne Anleihen zu bezahlen, und in den USA hat die Emissionstätigkeit von grünen Anleihen etwas nachgelassen. Dies konnte aber bislang durch europäische und asiatische Emittenten ausgeglichen werden. Über einen längeren Zeitraum von 15 Jahren betrachtet, hat sich der Markt für grüne Anleihen kontinuierlich vergrößert.
Von weniger als 10 Milliarden US-Dollar hat das ausstehende Volumen im vergangenen Jahr die Marke von 3.000 Milliarden US-Dollar übersprungen. In diesem Jahr wird weltweit für grüne Anleihen ein ausstehendes Volumen von 4 Billionen US-Dollar angepeilt. Diese Entwicklung zeigt, wie der Klimawandel in den internationalen Wirtschaftsstrukturen, nicht nur auf regulatorischer Seite, verankert ist.
Klimafreundliche Lichtblicke am Aktienmarkt
Für die Aktienseite zeigt sich, dass die Impulse für Klima/ESG-Aktienindizes aus unterschiedlichen Ecken kommen. Wichtige Treiber sind Künstliche Intelligenz, der generelle Bedarf an Rechenzentren und Elektromobilität. Die steigende Anzahl von Rechenzentren benötigt immer mehr Energie. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) verbrauchten die weltweiten Rechenzentren bereits 2023 so viel Energie wie Frankreich. Für 2030 erwartet der IWF, dass die Rechenzentren nur knapp weniger Energie als Indien mit seinen mehr als 1,4 Milliarden Menschen verbrauchen könnten.
Damit würden die globalen Rechenzentren weltweit zum viertgrößten Verbraucher in der internationalen Länderrangfolge aufsteigen. Das Thema Energiebedarf lässt sich noch um Elektroautos erweitern. Hier geht der IWF davon aus, dass der Strombedarf der weltweiten Elektroautoflotte bald den Energiebedarf Japans überholt. KI-Entwicklung, Ausbau von Rechenzentren und steigende Elektromobilität hinterlassen auch Spuren bei grünen Aktienindizes. Denn es wird versucht, diesen enormen Anstieg des Energiebedarfs auch über grüne Energien zu decken. Grundsätzlich ist die Auswahl an Klima/ESG-Aktienindizes schier endlos und kann den Vorlieben der Anlegenden nach Regionen und Branchen entsprechend angepasst werden.
Grüne Indizes mit Zuwächsen
Ein wichtiger Teil der grünen Stromversorgung ist die Sonnenenergie. Diese steht beispielsweise im Mittelpunkt des Stoxx Global Solar Energy Index. Der Index beinhaltet Unternehmen weltweit aus Industrie- und Schwellenländern, wobei den Großteil des Index US-Unternehmen ausmachen. Im Jahr des ersten Corona-Lockdowns 2020 hat sich der Solar Energy Index mehr als verdoppelt. Danach setzte eine Konsolidierungsphase ein und der Index hat im Fünfjahresvergleich zwischen 2021 bis 2025 spürbar nachgegeben. Eine kleine Wende zeigte sich im vergangenen Jahr, als der Index fast 20 Prozent zulegen konnte.
Nicht nur Solarenergie, sondern den gesamten Bereich „Clean Energy“ enthält der S&P Global Clean Energy Transition Index. Ansonsten ist er wie der Index zuvor ein weltweiter mit Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern. Auch dieser Index hat eine negative Entwicklung auf Sicht der vergangenen fünf Jahre, schaffte allerdings 2025 sogar ein Plus von gut 45 Prozent.
Im Mittelpunkt des Energiebedarfs stehen die Versorgungsunternehmen, wofür es eigene Branchenindizes gibt. Einen europäischen Fokus mit einer Auswahl der Unternehmen unter ESG-Gesichtspunkten bietet der MSCI Europe Utilities Screened 20/35 Index. Er legte im Jahr 2025 fast 50 Prozent zu, nachdem er sich in den Jahren zuvor in einer volatilen Seitwärtsbewegung befunden hatte.
Die zuvor genannten Indizes nehmen die Energieversorgung in den Fokus. Den Klimaschutz als Ganzes greift der MSCI World Climate Change CTB Index auf. Er ist in seiner Zusammensetzung sozusagen eine grüne Alternative zum MSCI World Index mit ausschließlich Unternehmen aus den Industrieländern. Beim Climate Change Index machte sich der hohe Anteil von US-Informationstechnologie in den vergangenen Jahren bemerkbar, sodass keine negative Entwicklung in den zurückliegenden fünf Jahren vorlag.
Im Gegenteil, der Index hat sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt und konnte sogar den MSCI World Index auf Fünfjahresbasis hinter sich lassen. Im vergangenen Jahr lag die Entwicklung bei +20 Prozent. Dies war etwas weniger als der MSCI World Index schaffte.
Neue Marktimpulse durch den Klimawandel
Ohne Frage sind es schwierige Zeiten für den Klimaschutz. Dennoch kann sich der Blick für Anlegende in Bezug auf Klima- und Nachhaltigkeitsaspekte auch abseits der großen Standardindizes lohnen. Denn längerfristig betrachtet bleibt der Klimawandel eine Trendgeschichte. Er treibt zwangsläufig Innovationen voran, wird sich noch stärker mit nationaler Sicherheit vermengen und immer wieder spannende Gesichtspunkte für die Stabilität von Finanzsystemen und Geschäftsmodellen von Unternehmen aufbringen.
Damit einhergehend werden sich unaufhaltsam neue Chancen und Risiken an den Märkten auftun. Denn der Klimawandel wird sich früher oder später wieder weit oben auf die Tagesordnung von Politik und Wirtschaft setzen.