Andreas Harms, Redakteur DAS INVESTMENT (Foto: Thomas Görny)

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Knoten im Kopf

Spinnt eigentlich die EZB, oder spinne ich?

Wenn mein Herausgeber Tipps gibt, dann ist es auch gern dieser Rat: Wir sollen uns regelmäßig selbst reflektieren. Wir sollen uns immer wieder selbst infrage stellen, um Fehler zu erkennen und besser zu werden. Klappt mal mehr und mal weniger gut, aber jetzt ist definitiv der Zeitpunkt, es wieder zu versuchen.

Mir kommen inzwischen ernsthafte Zweifel. Zweifel an meiner Ausbildung, an meinem Studium der Volkswirtschaft, Zweifel an meinen Beobachtungen und meinem Verständnis, was die Finanzmärkte betrifft. Denn ich finde die aktuelle Geldpolitik … nun sagen wir mal … nicht ganz optimal. Eigentlich halte ich sie für kompletten Schwachsinn, und zwar seit der Finanzkrise. Ich halte es für falsch, Banken auf Kosten der Allgemeinheit zu retten. Denn so bekommen neue, klug angelegte Bankmodelle nie die Chance, auf den Markt zu gehen. Wie sollen neue Bäume in einem Wald nachwachsen, wenn man alte, kranke Bäume nicht sterben lässt? Ich halte es für falsch, Banken mit Geld zuzuschütten. Und ich halte es für falsch, den Markt für Staatsanleihen derart zu verzerren, dass schlampige und ohnmächtige Regierungen sich weiterhin zu allzu niedrigen Zinsen weiter verschulden können.

Doch das alles sehen die Experten in der Zentralbank offenbar anders. Und das löst meine Zweifel aus. Ich meine, die kassieren doch nicht umsonst das Vielfache meines Gehalts und haben in Harvard oder Oxford studiert. Die müssen doch was auf dem Kasten haben. Und trotzdem wundern sie sich, warum keine Inflation eintritt. Mein naiver Tipp wäre: Einfach mal auf die Straßen in Italien und Spanien schauen. Ein Viertel der Europäer plus Dunkelziffer ist arbeitslos. Und der geldreichste Teil ist hauptsächlich darauf bedacht, seine Kohlen zu verstecken, zu vermehren oder versteckt zu vermehren. Wie sollen denn da die Preise steigen? Und das einzige, was EZB-Chef Draghi einfällt, ist, Banken noch mehr Geld zu geben.

Dabei war doch der Markt drauf und dran, die Sache zu regeln: Ländern mit lausigen Haushalten waren die Zinsen für ihre Kredite um die Ohren geflogen. Sie spürten Druck, etwas zu tun, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Sie mussten dafür sorgen, dass es einfacher wurde, Arbeit zu bekommen, aber auch zu verlieren. Sie begannen, ihre korrupte Elite zur Kasse zu bitten und Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

Und dann kam Draghi. Mit seinem Spruch, er werde alles tun, um den Euro zu retten, sprach er indirekt eine Garantie auf Staatsschulden aus. Die Zinsen sanken und lullten Regierungen ein. Alles wieder wie vorher, alles Mist. Doch im Grunde ist es nur wie auf einer Party, auf der schon alle betrunken sind und jemand ein paar Kisten Bier mehr reinhaut in der Hoffnung, dass vielleicht doch kein Kater kommt. Doch der kommt. Allerdings später und heftiger. Ich weiß, wovon ich rede.

Dasselbe gilt für die ach so tolle Inflation. Gab es nicht inzwischen erfolgreiche Zweifel am Segen der Inflation? Immerhin gibt es im Hightech-Sektor seit Jahrzehnten verdeckte Deflation, nämlich indem Hardware und Unterhaltungselektronik zum gleichen oder sogar tieferen Preis besser, größer und leistungsfähiger werden. Hat es dem Umsatz geschadet? Wohl kaum. Nur mal ein Beispiel. Woher kommt also die von der EZB inzwischen zementierte Weisheit, Deflation sei schlimm? Ach ja, weil Japan sie seit Jahren auch hat, und denen geht es ja wirtschaftlich schlecht. Dass die Deflation dort aber nur ein Symptom tiefgreifender Probleme und Fehler im System ist – merkt denn das bei der EZB keiner?

Ist die EZB wirklich so naiv, oder steckt dahinter ein perfider Plan? Vielleicht will sie ja den Banken so viel Geld geben, damit sie irgendwann die ganze Welt kaufen können. Schließlich kommt Draghi von Goldman Sachs. Ist das vielleicht der finale Plan für die Weltherrschaft der Banken? Ein beunruhigender Gedanke. Aber vielleicht habe ich auch einfach keine Ahnung.

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