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„Könnte noch nicht das Ende sein“ Vermögensverwalter befürchtet weiteren Zinsverfall bei Anleihen

Marc-Oliver Lux, Dr. Lux & Präuner in München
Marc-Oliver Lux, Dr. Lux & Präuner in München
Die allseits ultralockere Geldpolitik und neue Wachstumsängste lassen immer mehr Anleiherenditen ins Minus rutschen. Das ist jetzt sogar mit der zehnjährigen Bundeanleihe passiert. Wenn es so weitergeht, werden Zinsen auf diesem Planeten bald zu einer aussterbenden Gattung: Binnen weniger Monate hat sich das globale Volumen negativ verzinster Staatsanleihen fast verdreifacht. Die Zahlen sind atemberaubend. Ende Dezember rentierten Staatsbonds im Umfang von „nur“ 2,4 Billionen Dollar im Minus – und inzwischen sind schon gut sieben Billionen Dollar im negativen Bereich.

Ein globales Problem

Willkommen in der sich globalisierenden Welt der Negativzinsen, in der die Gesetze des Kapitalismus auf den Kopf gestellt werden. Noch vor einem Jahr waren negative Zinsen vor allem ein japanisches Problem. In Japan hält die Zentralbank die Zinsen seit Ende 2008 bei 0,30 Prozent. Zusätzlich kauft sie seit gut 15 Jahren Anleihen am Markt auf.

Dank einer Mischung aus ultralockerer Notenbankpolitik, globalen Wachstumsängsten und zunehmender Risikoaversion der Investoren breitet sich die Zinsseuche nun auch zunehmend in Europa aus. Denn im Euro-Raum hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins ebenfalls auf null Prozent gesenkt und ihr Anleihekaufprogramm auf 80 Milliarden pro Monat erhöht.

Sicherheit gefragt

Doch die Notenbanken sind nicht die einzigen großen Nachfrager, die dafür sorgen, dass die Anleihekurse steigen und die Renditen fallen. Es ist eine Flucht in Sicherheit und Qualität. In unsicheren Zeiten steuern Investoren gerne Staatsanleihen der großen Industrienationen an, bei denen sie zumindest davon ausgehen können, dass sie ihr eingesetztes Kapital zurückbekommen.

Die Fragen nach dem Umgang mit der Flüchtlingskrise, der Brexit, die dauernde Diskussion um den Fortbestand der EU und des Euros, die Ängste um die Wirtschaftsentwicklung in China, die abgestürzten Rohstoffpreise und die Sorgen vor einer möglichen Rezession in den USA treiben die Risikoflucht an. Die Unsicherheit zeigt sich spiegelbildlich gerade an Europas Aktienmärkten. Der breite europäische Aktienindex Stoxx 600 hat seit Jahresanfang über zehn Prozent verloren. Mit europäischen Staatsanleihen erzielten Investoren dagegen im Schnitt Erträge von 3,7 Prozent. Doch im Gegenzug zu den steigenden Kursen fallen die Renditen immer weiter.

Erstmalig liegt nun also auch die zehnjährige Bundesanleihe, die bei institutionellen Investoren besonders im Fokus steht, im Minus. Sie gilt traditionell als Benchmark für die langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum. Außerdem bezieht sich der wichtigste europäische Anleiheterminkontrakt – der Bund-Future – auf die zehnjährige Bundesanleihe. Das Rekordtief lag bisher bei minus 0,18 Prozent. Das heißt: Wer diese Staatsanleihe kauft und bis zur Fälligkeit hält, macht damit einen Verlust, das heißt er zahlt Geld an den Staat, die Anleihe besitzen zu dürfen. Doch wenn der japanische Markt als Vorbild dient, könnte das noch nicht das Ende sein.

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