Redakteur Andreas Harms: Es sind Zweifel angebracht, ob Delivery Hero dem Dax etwas bringt. | © Nadine Rehmann Foto: Nadine Rehmann

Kommentar zu Delivery Hero im Dax

Lieber Baumarkt als Essen auf Rädern

Es gibt da diese Werbung. Jedes Jahr im Frühling sorgt sie zuverlässig dafür, dass mir die Finger jucken. Dass ich sofort in die Werkstatt gehen, mein Werkzeug greifen und etwas Hübsches bauen will. Und am Ende ertönt das von einem Männerchor gesungene „Yippiejaja yippie yippie yeah“. Emotionaler geht es kaum. Finde ich (mein Favorit ist immer noch dieser Clip).

Die Aktie der Baumarktkette Hornbach steigt demnächst in den S-Dax auf und ersetzt dort den Chip-Maschinenbauer Aixtron (ein Relikt aus dem Neuen Markt, die Alten unter uns erinnern sich noch). Der wiederum steigt in den M-Dax auf und ersetzt dort Delivery Hero, das demnächst in die erste Börsenliga, den Dax aufsteigt.

Und genau das zeigt wieder einmal überdeutlich das Dilemma der Dax-Indizes. Es reicht völlig aus, dass der Kurs explodiert und die Aktie an der Börse durch die Bücher fliegt. Börsenwert und Umsatz sind die Kriterien, um in den Dax einzusteigen. Niemand da, der nochmal draufschaut. Niemand da, der sich die Unternehmen nochmal ansieht.

Für den Dow Jones Industrial Average, der ja in den 80ern ein Vorbild für den Dax war, ist in dieser Hinsicht ein Komitee verantwortlich. Etwas Ähnliches würde auch dem Dax gut zu Gesicht stehen und ihm deutlich mehr Qualität verleihen. Wären dann alle Pleiten verhindert? Wahrscheinlich nicht. Aber es würden sicher ein paar weniger hoffnungslos aufgepumpte Aktien wie Infineon beim Ersteinstieg anno 2000 oder K+S 2008 hineingeschwemmt werden.

Aber nun wird ein Online-Essenbringdienst zur Börsenelite erklärt, der im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro einen Verlust vor Steuern von 663 Millionen Euro einfuhr. Der 495 Millionen Euro für Marketing-Aufwendungen ausweist. Delivery Hero ist eine Mode-Erscheinung an der Börse, ein Gewinner der Corona-Krise, der die Fantasie und natürlich auch die Gier der Aktionäre anstachelt. Und das hievt die Berliner nun in den Dax.

Ist Delivery Hero deshalb ein schlechtes Unternehmen? Muss gar nicht sein. Schließlich haben sich auch damals hochgejubelte Neue-Markt-Unternehmen von ihren Jugendsünden gelöst und stehen heute auf soliden Füßen. Aixtron zum Beispiel. Auch die damals ständigen Verluste von Amazon waren an der Börse schon eine Art Dauerwitz. Aber schafft Delivery Hero in einem derart schnellen Geschäft die Kurve in Richtung Gewinn? Wer weiß das schon? Ich nicht. Schon ein Corona-Impfstoff kann den Berlinern kräftig die Suppe versalzen, weil Menschen wieder lieber ins Restaurant gehen als sich Essen auf Rädern zu bestellen.

Hornbach hingegen schreibt seit Jahren schwarze Zahlen und hat eine starke und sympathische Marke (nicht zuletzt auch wegen der Werbung). Die Dividende fließt, die Bewertung ist überschaubar. Und ganz nebenbei repräsentiert die Baumarktkette auch noch den Hang der Deutschen zum Heimwerkeln in Vorstädten und Dörfern wie kaum ein zweites. Das mag manchem Aktionär so aufregend erscheinen wie ein Gartenzwerg. Auch das immer so heiß ersehnte sogenannte Wachstumspotenzial hat Grenzen. Ist eben Ansichtssache.

Für mich bestätigt das aber einmal mehr: Wenn es schon ein Index-Investment in Deutschland sein muss, dann Hände weg vom Dax! Lieber den M-Dax oder S-Dax kaufen, das sind die besseren. Da juckt es dann schon eher in den Fingern. Yippiejaja yippie yippie yeah.

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