Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Finanzexperte Georg von Wallwitz
Von Stalin bis KI: Warum die Börse in langen Zyklen funktioniert
Dr. Georg von Wallwitz ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Eyb & Wallwitz. Bildquelle: Eyb & Wallwitz
Nikolai Kondratjew bezahlte seine Theorie der langen Wirtschaftszyklen mit dem Leben. Heute hilft uns seine Erkenntnis, die aktuelle KI-Hausse einzuordnen, sagt Georg von Wallwitz.
Instabilität als Normalfall
Die Börse verhält sich nicht wie ein Pendel, das harmonisch und leicht berechenbar wie Sinus und Cosinus schwingt. Stattdessen schwingt sie unregelmäßig wie die Äste im Wind oder wie ein Geräusch, das aus vielen unregelmäßigen Schwingungen mit unterschiedlichen Frequenzen und Amplituden besteht. Ihre Pole sind Gier und Angst, Optimismus und Pessimismus, Leichtgläubigkeit und Skeptizismus, blinder Glaube an die Zukunft und kleinliches Insistieren auf die Zahlen der Gegenwart. Dabei haben all diese Haltungen ihre Berechtigung zu ihrer Zeit (ohne eine gewisse Gier gibt es kaum Innovation, ohne einen gewissen Skeptizismus bleiben zu viele schlechte Ideen am Leben), bis sie exzessiv werden und ihren Grund in der Realität verlieren.
Die Instabilität ist an der Börse der Normalfall, das ist Teil des Systems, nicht ein Fehler: Der amerikanische Aktienmarkt (S&P 500) ist seit 1990 um durchschnittlich 8,6 Prozent pro Jahr gestiegen, aber in diesem Zeitraum lag die Wertentwicklung eines Jahres nur dreimal innerhalb von 3 Prozent über oder unter dem Mittelwert (zuletzt vor 20 Jahren, 2004, mit 10,9 Prozent).
Die Ordnung der langfristigen Zyklen
In dieser unordentlichen Situation scheint es lediglich in den langfristigen Entwicklungen Ordnung zu geben, unter anderem in den großen Zyklen von Kondratjew. Die langen Zyklen, die sich oft über eine Generation erstrecken, sind sehr viel einfacher zu beschreiben als die kurzfristigeren Bewegungen und Konjunkturschwankungen.
Die Entwicklung der Rendite des amerikanischen Aktienmarktes über zehn Jahre mag als Illustration gelten: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die wirtschaftliche Entwicklung von der Verbreitung von Dampfmaschinen (Eisenbahn) und Elektrifizierung getrieben. Von den 1920er-Jahren bis in die späten 1960er-Jahre (unterbrochen durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg) wurde die Entwicklung von Automobil-, Erdöl- und Chemieindustrie geprägt. Von den 1980er-Jahren bis zum Ende der 2000er-Jahre dominierten die Produktivitätsgewinne durch die Computerisierung und die Industrialisierung Chinas. Und seit der Mitte der 2010er-Jahre scheint es einen erneuten Aufschwung zu geben.
Die langen Zyklen sind aber wenig relevant für das Tagesgeschäft an der Börse. Hier überlagern sich Stimmungen und Konjunkturzyklen, unternehmensspezifische Nachrichten und die Entwicklung der monetären Rahmenbedingungen zu einer Gemengelage, die in der Regel unübersichtlich und unordentlich ist.
Was machen die Märkte, wenn die Regierung die richtigen Impulse setzt, die Zentralbank aber in die entgegengesetzte Richtung steuert? Wohin geht die Reise, wenn die Stimmung an den Märkten gut, aber die konjunkturelle Lage uneindeutig ist – ist dann noch jemand willens zu kaufen, oder wendet sich das Blatt angesichts schlecht begründeter Euphorie? Diese Überlegungen gehören zum Kerngeschäft eines jeden Investors, um sich nicht irritieren zu lassen von Übertreibungen im Gewinn- oder Stimmungszyklus.
„Nothing ever happens“
Dieses Durchschauen der Stimmungs-, Nachrichten- und Gewinnzyklen wird neuerdings unter dem Schlagwort „Nothing ever happens“ zusammengefasst. Der dramatische Zinsanstieg seit 2022 hat – zumindest am Aktienmarkt – keine Spuren hinterlassen. Der Markt ließ sich auch nur für kurze Zeit beeindrucken von den Zollankündigungen der US-Regierung. Es wird nicht so schlimm kommen. Durch die Kriege im Nahen Osten und der Ukraine ändert sich nichts. Auch durch Trump ändert sich nichts, weder die USA, noch die Nato, noch das Abendland gehen unter.
Und für China liegen die Probleme heute genauso wie vor zwei Jahren. Also hat auch der Dollarverfall keine dramatischen Ausmaße. Er ist noch immer deutlich teurer, als er es nach der Kaufkraftparität zum Euro sein sollte. Auch US-Staatsanleihen werden, trotz aller Unkenrufe zum Thema Inflation und Staatsverschuldung, nicht massenhaft verkauft. Die Finanzmärkte sagen zur gegenwärtigen Situation: Viel Rauch, wenig Feuer, business as usual.
Die KI-Hausse geht weiter
Schaut der Investor durch die kleinen Aufregungs-Zyklen, so stellt er fest: Seit etwa zehn Jahren läuft, wenn wir uns der Kondratjew-Logik anschließen, ein zweiter Digitalisierungs-Zyklus, den wir vielleicht auch den KI-Zyklus nennen können. Dieser Zyklus ist nicht neu, aber wenn es sich um einen großen Zyklus handelt, dann wird er noch eine gute Weile anhalten. Es handelt sich um die Neuauflage des alten Themas „Software eats the world“.
Was macht der Markt daraus? Die KI-Hausse geht weiter. Die zu Jahresbeginn aufkommende Befürchtung, die USA würden ihre Führungsrolle in diesem Bereich an chinesische Konkurrenten wie Deepseek verlieren, ist kein Thema mehr. Die USA bleiben hier die Ausnahme-Nation. Amerikanische Unternehmen scheinen KI schneller zu übernehmen als frühere digitale Technologien, einschließlich des Internets selbst. Sie setzen sie schneller ein als ihre ausländischen Konkurrenten, selbst in China: 77 Prozent von ihnen haben KI bereits eingeführt oder befinden sich in der Testphase. Von den weltweit zehn KI-Plattformen mit den meisten Nutzern sind acht amerikanisch, allen voran Chat GPT.
Die fünf größten US-Technologiekonzerne dominieren nach wie vor und machen immer noch fast 30 Prozent des Marktwerts des US-Aktienmarkts aus. Unterdessen hinken US- Aktien mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung weiterhin hinterher, wie seit Jahren – nur jetzt unter einer Regierung, die breitbeinig versprochen hat, diesen Unternehmen zu helfen.
Für die Optimisten am Markt verspricht KI ein Produktivitätswunder, das das US- Wirtschaftswachstum ankurbeln und vor steigenden Defiziten und Schulden bewahren könnte. Sie blicken auf diese rosige Zukunft und interessieren sich weder für den Hinweis, dass nach wie vor unklar ist, ob und wie die gewaltigen Investitionen der Gegenwart sich einigermaßen rentieren werden, noch für die Warnungen vor wirtschaftlichen Problemen gegen Jahresende, wenn die Kosten der US-Politik langsam in den Zahlen ankommen.
Kurzum: Der KI-Zyklus wird uns noch lange erhalten bleiben, bevor der technologische Frühling in einen finanziellen Herbst übergeht. In der Zwischenzeit wird es immer wieder Phasen der Unsicherheit geben, ob die Erwartungen nicht doch zu hoch sind, wer am Ende von den Investitionen profitiert, ob die Schuldenwirtschaft des amerikanischen Staates nicht doch auf tönernen Füßen steht. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt aber: Nothing ever happens. Until it does.
