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Volkswirt Klaus Bauknecht
Warum dem privaten Konsum durch die Reformpolitik harte Zeiten bevorstehen
Die Theorie des permanenten Einkommens besagt, dass der Konsum beziehungsweise die Sparquote nicht vom aktuellen, kurzfristigen Einkommen abhängen, sondern von den langfristigen Erwartungen an das permanente Einkommen. Haushalte glätten daher ihren Konsum, und einmalige Einkommenseffekte führen entsprechend zu einer höheren oder niedrigeren Sparquote.
Langfristig hängt die Sparquote deshalb nicht nur vom Pro-Kopf-Einkommen, von demografischen Entwicklungen und vom Vermögensaufbau ab, sondern vor allem von der erwarteten Einkommensentwicklung über den Lebenszyklus. Steigen die Sorgen über das zukünftige Einkommen, erhöht sich folglich die Sparquote. Sinkt die Unsicherheit – etwa durch höhere Jobsicherheit, Betriebsrenten, staatliche Absicherungen oder Rentenansprüche –, geht die private Sparquote zurück.
Sparquote der privaten Haushalte, in Prozent des verfügbaren Einkommens
Je unsicherer die Erwartungen über das permanente Einkommen sind, desto volatiler verhält sich die Sparquote. Zwischen 2000 und 2019 erwies sich diese jedoch als relativ stabil, während der deutliche Anstieg in den Coronajahren 2020 und 2021 vor allem das Ergebnis eines erzwungenen Sparens war aufgrund eingeschränkter Konsummöglichkeiten.
Doch wie stabil wird die Sparquote künftig sein? Entsteht durch die Kombination aus Unsicherheit im Hinblick auf das Sozial- und insbesondere das Rentensystem sowie den Herausforderungen für den Industriestandort Deutschland ein erneuter Aufwärtsdruck auf die Sparquote? Dies könnte sich im aktuellen Umfeld noch verstärken – insbesondere angesichts der Unsicherheit über das zukünftige Einkommen infolge steigender Ölpreise und einer sich womöglich eintrübenden Konjunktur.
Sozialausgaben verdrängen private Vorsorge
Aktuell steigt die Unsicherheit über das permanente Einkommen. Gründe dafür sind Sorgen über den Erhalt des Arbeitsplatzes, die anstehenden Rentenreformen sowie mögliche Steuererhöhungen – etwa auf Kapitalerträge. Der Staat verstärkt diese Unsicherheit zusätzlich, indem er einerseits auf die Notwendigkeit der privaten Vorsorge verweist, andererseits aber Reformen immer wieder hinauszögert. All dies könnte auf eine höhere Sparquote in der Zukunft hindeuten.
Eine Reduzierung der Sozialleistungen hat zwei gegenläufige Effekte. Sinkt das Niveau der Sozialausgaben beziehungsweise der staatlichen Transferleistungen, sind Konsumenten gezwungen, mehr eigenes Einkommen aufzubringen – etwa für Bildung, Sicherheit oder Kinderbetreuung. Gleichzeitig erhöhen geringere Sozialleistungen die Notwendigkeit privater Vorsorge, was die Sparquote tendenziell anheben würde. In diesem Fall würden geringere Sozialausgaben und eine sinkende Sozialquote zu einem stärkeren Sparverhalten und damit zu einer steigenden privaten Sparquote führen.
Der deutsche Gedanke des „Vater Staats“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Höhere Sozialausgaben reduzieren Unsicherheit und ersetzen die Notwendigkeit, privater Rücklagen für Notfälle oder das Alter. „Vater Staat“ übernimmt damit Funktionen, die sonst private Ersparnisse erfüllen würden – allerdings um den Preis höherer Steuern, die gleichzeitig das verfügbare Sparvermögen der Haushalte reduzieren. Trotz dieser staatlichen Absicherung liegt die Sparquote privater Haushalte in Deutschland seit Jahrzehnten auf einem international vergleichsweise hohem Niveau.
Im aktuellen Rentensystem bildet die Gesellschaft Vermögen unter anderem in Form von Ansprüchen gegenüber dem Staat beziehungsweise gegenüber zukünftigen Generationen. Im Extremfall – wie derzeit – müssen diese Ansprüche über eine höhere staatliche Verschuldung oder eine steigende Steuerlast finanziert werden. Beides schmälert wiederum das verfügbare Einkommen und belastet die Erwartungen an das zukünftige permanente Einkommen.
Hohe Sozialabgaben, Steuern und Rentenbeiträge lassen den Haushalten nur begrenzter Raum für eigenverantwortliches, freiwilliges Sparen. Der Staat verdrängt privates beziehungsweise diskretionäres Sparen zunehmend durch institutionell erzwungenes Sparen und fördert damit eine Gesellschaft, in der berechtigte Ansprüche gegenüber dem Staat eine zentrale Rolle spielen. Staatliche Transferzahlungen erhöhen einerseits das verfügbare Einkommen und damit das Sparvolumen. Andererseits reduzieren sie die Notwendigkeit der privaten Vorsorge.
Führen niedrigere Sozialausgaben nun zu einer höheren oder niedrigeren Sparquote? Internationale Studien zeigen ein klares Bild: Eine höhere Sozialquote senkt die private Sparquote. Oder: Weniger Ansprüche an „Vater Staat“ führen zu einer erhöhten Eigenverantwortung und damit zu einer höheren privaten Sparquote. So hat zum Beispiel die Rentenreform in Norwegen dazu geführt, dass Haushalte rund 56 Prozent des Verlusts an staatlichen Rentenansprüchen durch mehr privates Sparen kompensiert haben. Auch für Deutschland lässt sich empirisch belegen, dass niedrigere Sozialausgaben zu einer höheren Sparquote führen. Zwar scheint der Einfluss überschaubar. In Kombination mit einer erhöhten wirtschaftlichen sowie politischen Unsicherheit mag der Effekt jedoch aktuell stärker ausfallen.
Zusammensetzung des verfügbaren Einkommens, Anteile in Prozent
Der deutsche Sparer muss zunehmend erkennen, dass sein erwartetes Vermögen in Form von Rentenansprüchen nicht ausreichen wird – sei es aufgrund reduzierter Leistungen oder steigender Steuerlast. Dieser erwartete Vermögensverlust dürfte die private Sparquote erhöhen – ein Effekt, auf den die Bundesregierung viel Hoffnung setzt – etwa durch die Förderung privater Kapitalvorsorge.
Doch staatliche Transferzahlungen machen rund 30 Prozent des Einkommens privater Haushalte aus und sind somit ein wichtiger Baustein der permanenten Einkommenserwartung. Werden diese Leistungen reduziert und wächst gleichzeitig die Sorg über den Erhalt des Sozialsystems, belastet dies den Ausblick auf das verfügbare Einkommen. Der Konsum könnte also doppelt unter Druck geraten: Zum einen sinkt das verfügbare Einkommen einer alternden Gesellschaft durch reduzierte Sozialleistungen. Zum anderen steigt die Notwendigkeit zu sparen.
Vermögensbildung durch Inflation – deutsches Sparbuch eher kontraproduktiv
Ein Grund für die hohe Sparquote in Deutschland liegt sicherlich in den begrenzten Möglichkeiten, Vermögenswerte aufzubauen beziehungsweise aufzuwerten. Mit einer Eigentumsquote von unter 50 Prozent – im Vergleich zu rund 66 Prozent in den USA und einem EU-Durchschnitt von knapp 70 Prozent – spielen zum Beispiel Immobilienpreise für das deutsche Sparverhalten eine geringere Rolle.
Im Gegenteil: Eine Inflation der Immobilienpreise würde sich in Deutschland vor allem über steigende Mieten bemerkbar machen und damit die Erwartungen über das zukünftige diskretionäre Einkommen insbesondere in unteren Einkommensgruppen belasten. Laut Bundesbank sind es vor allem die weniger Vermögenden, die hiervon betroffen wären. In der unteren Hälfte der Vermögensverteilung dominieren Bankeinlagen, während bei den obersten 10 Prozent Immobilien rund 60 Prozent des Vermögens ausmachen und Einlagen weniger als 10 Prozent.
Auch von einem Aktienboom profitiert der deutsche Sparer aufgrund des geringen Aktienanteils am Vermögen nur begrenzt. Während in den USA fast 60 Prozent des Portfolios eines durchschnittlichen Sparers aus Aktien bestehen, beträgt dieser Anteil in Westeuropa lediglich rund 35 Prozent. Für Deutschland gilt laut Bundesbank, dass die Aktienquote über die gesamte Vermögensverteilung hinweg bei etwa 10 Prozent oder darunter liegt.
Durch das limitierte Aktien- und Immobilienvermögen profitieren untere Einkommensschichten kaum von einer Vermögenspreisinflation. So hat die Mehrzahl der deutschen Sparer aktuell wenig Möglichkeiten, ihre Vermögensbestände außer durch das private Einkommen beziehungsweise private und betriebliche Vorsorge aufzubauen. Dieses verfügbare Einkommen steht jedoch zunehmend unter Druck – durch mögliche Steuererhöhungen (zum Beispiel Kapital- oder Vermögenssteuern) und durch eine erhöhte Unsicherheit am Arbeitsmarkt. All dies deutet in den kommenden Jahren eher auf eine höhere als niedrigere Sparquote hin.
Steigende Sparquote – Druck auf das Konsumwachstum?
Der Staat wird die Sparquote in den kommenden Jahren entscheidend prägen. Zum einen sinken die zukünftigen Rentenansprüche – ein Effekt, der bei gleichbleibender Steuerlast einem Vermögens- beziehungsweise Einkommensverlust gleichkommt. Zum anderen dürften sich die Sozialleistungen im Allgemeinen eher reduzieren, während die Steuerlast ansteigen könnte. Gleichzeitig wird eine verfehlte Wohnpolitik der Bundesregierung – die Mehrheit der Haushalte lebt zur Miete – das diskretionäre Einkommen belasten.
Das verfügbare Einkommen wird damit in den kommenden Jahren zunehmend unter Druck geraten. Lohnmoderation ist angesichts des hohen Anteils von Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen notwendig, um Investitionen zu fördern. Ein nur moderater Anstieg des realen Einkommens, ein Aufwärtsdruck auf die effektive Steuerrate und ein tendenzieller Anstieg der Sparquote belasten deshalb den Ausblick für den privaten Konsum in Deutschland. Die Hoffnung auf ein Wachstumsmodell, das stärker auf der Binnennachfrage und vor allem auf dem privaten Konsum beruht, ist deshalb kritisch zu sehen.
Der deutsche Konsument ist derzeit einer erhöhten Unsicherheit ausgesetzt. Sozialausgaben stehen auf dem Prüfstand, und das verfügbare Einkommen besserverdienender Haushalte könnte durch zusätzliche steuerliche Belastungen sinken. Gleichzeitig dürften die erwarteten Vermögensansprüche gegenüber dem Staat – insbesondere aus dem Rentensystem – zurückgehen. Gründe dafür sind längere Lebensarbeitszeiten, mögliche höhere Abschläge sowie die Erwartung, dass eine steigende Staatsverschuldung künftig in höheren Steuern resultieren wird (ricardianische Äquivalenz). All dies spricht für eine weiter steigende Sparquote.