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Verantwortung für die Zukunft

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Freiwillige Helfer säubern einen Strandabschnitt in Indonesien: Das Modell der Kreislaufwirtschaft kann helfen, der Müllflut entgegenzuwirken. Foto: imago images / ZUMA Press

Kreislaufwirtschaft

Recyclen statt wegwerfen

Die Idee hinter der Kreislaufwirtschaft ist im Prinzip ganz einfach: Ressourcen sollen über einen möglichst langen Zeitraum immer wieder verwendet werden. Davon profitiert die Umwelt, da deutlich weniger Abfälle anfallen und der Bedarf an Rohstoffen minimiert wird. Daher gerät das Modell immer stärker in den Fokus von Politikern, Verbrauchern, Unternehmen und Investoren.

Der Wegwerfgesellschaft entgegenwirken

Das Gegenstück zur Kreislaufwirtschaft ist die lineare Wirtschaft, auch „Wegwerfwirtschaft“ genannt. Insbesondere der energieintensive Fertigungs- und Bausektor folgt noch weitgehend diesem Modell. Berechnungen der Umwelt-Denkfabrik World Resources Institute verursachen diese Branchen 12 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Denn die Rohstoffe zu gewinnen und weiterzuverarbeiten ist sehr energieintensiv. Das Problem der linearen Wirtschaft endet aber nicht mit dem Produktionsprozess. Nach Ablauf ihrer Lebensdauer werden die Produkte nicht etwa recycelt, sondern verbrannt oder auf einer Mülldeponie entsorgt.

Lineare Wirtschaft verursacht Schaden

Das lineare Wirtschaftsmodell ist nicht nachhaltig. Die Konzentration von Kohlendioxid, Distickstoffmonoxid, Methan und anderen klimaschädlichen Treibhausgasen in der Atmosphäre nimmt immer weiter zu. Alleine der Energieverbrauch von Haushalten und Industrie ist aufgrund der Nutzung fossiler Brennstoffe nach Angaben des World Resources Institute für mehr als 70 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der verbleibende Anteil entfällt im Wesentlichen auf die Landwirtschaft.

Viele Experten gehen davon aus, dass die Erdtemperatur bis Ende dieses Jahrhunderts um etwa 3° Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegen wird. Das gelte selbst dann, wenn die Staaten die Einhaltung ihrer heutigen Klimaziele ernsthaft vorantreiben und die Energieindustrie ihre Wende hin zu erneuerbaren Energien vollzieht. Damit wäre die 1,5-Grad-Grenze deutlich überschritten. Diese gilt unter Wissenschaftlern als die Schwelle, ab der der Klimawandel ein noch katastrophaleres Ausmaß annimmt.

Daneben trägt das lineare Wirtschaftsmodell zu steigender Wasserknappheit in vielen Regionen bei. Eine wachsende Weltbevölkerung und damit einhergehend ein höherer Bedarf an industriellen und landwirtschaftlichen Gütern wird den Wasserbedarf erhöhen. Gleichzeitig dürfte sich nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels das Angebot an Wasser verknappen. Nach Berechnungen der Weltbank wird die Wasserknappheit einige Regionen bis zu 6 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung kosten.

Kunststoffe besonders problematisch

Dazu kommt, dass jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik in die Weltmeere gelangen – Abfälle, die jährlich zehntausende Tiere töten. Doch selbst wenn kein Plastik mehr im Meer entsorgt werden würde, könnte sich der Mangel an Mülldeponien als Problem erweisen.

Das Modell der Kreislaufwirtschaft will vielen dieser Probleme entgegenwirken. Doch obwohl die Volkswirtschaften der Europäischen Union zu den Vorreitern in diesem Bereich gehören, werden selbst dort lediglich 12 Prozent der Abfälle recycelt. Global betrachtet schätzt die Non-Profit-Organisation Circle Economy, dass weniger als 9 Prozent aller Mineralien, fossilen Brennstoffe, Metalle und Biomassen wiederverwertet werden. Besonders alarmierend: Einer jüngsten Studie der Organisation zufolge hat dieser Wert zuletzt sogar abgenommen.

Zero-Waste-Hierarchie

Es gibt jedoch Grund zur Hoffnung, denn das Verständnis für das Problem und mögliche Lösungswege wächst. Ein Beispiel dafür ist die Lansink-Leiter, die 1979 von dem Biochemiker und niederländischen Parlamentsabgeordneten Ad Lansink entwickelt wurde. Lansink hat eine Hierarchie für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen konstruiert. Oberste Priorität hat es, den Verbrauch von Ressourcen zu minimieren oder bestenfalls ganz vermeiden. Danach kommen Wiederverwendung und Recycling, gefolgt von Müllverbrennung und -lagerung.

Wenden wir die Lansink-Leiter auf Milchprodukte an. Dabei müssen wir sowohl die Milch als auch die Verpackung berücksichtigen.

Reduzieren oder Vermeiden: Alternativen zur Milch sind bereits erhältlich: Hafer- sowie Sojamilch. Obwohl der Amazonas-Regenwald gerodet wird, um die Fläche für riesige Sojaplantagen zu schaffen, wird der Großteil davon zur Viehfütterung genutzt. Was, wenn wir nun alle Sojamilch trinken, anstatt das Getreide an die Kühe zu verfüttern, und anschließend das Fleisch der Kühe und deren Milch verwenden? Dann gäbe es keinen Grund, den Regenwald weiter zu roden. Außerdem ist es ökologisch besser, einen großen Milchkarton statt zwei kleine zu kaufen – vorausgesetzt, er wird ausgetrunken.  

Recyceln: Aus dem recycelten Material der Milchtüte lassen sich zum Beispiel neue Milchtüten herstellen.

Verbrennung: Kommunen können den Abfall verbrennen und auf diese Weise Energie produzieren.

Entsorgen: Wenn es keine Recyclingeinrichtungen gibt, sollten die Gemeinden den Kunststoff auf einer geeigneten Deponie entsorgen.

Globaler Ansatz notwendig

Fortschritte in Richtung der Kreislaufwirtschaft werden erst dann möglich sein, wenn Unternehmen weltweit sich dazu bereit erklären, ihre Geschäftsmodelle umfassend zu hinterfragen und das Modell als Teil einer ganzheitlichen Strategie berücksichtigen. Langfristig gesehen ist die Abkehr von Einwegartikeln zugunsten hochwertigerer und langlebigerer Produkte aber unausweichlich. Was dafür spricht, dass der Wandel gelingen kann: Auf Dauer sind letztere meist auch die preisgünstigere Alternative.

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