Die Krise auf der Krim spitzt sich zu. Die angedrohten Sanktionen der USA und der EU gegen Russland könnten auch Auswirkungen auf den britischen Finanzmarkt haben. Foto: Getty Images

Die Krise auf der Krim spitzt sich zu. Die angedrohten Sanktionen der USA und der EU gegen Russland könnten auch Auswirkungen auf den britischen Finanzmarkt haben. Foto: Getty Images

Krim-Krise kommt nach „Londongrad”

Sanktionen gegen Russland bedrohen britischen Finanzmarkt

//
Allein in den vergangenen zwei Jahren haben russische Konzerne weltweit Transaktionen im Volumen von mehr als 180 Milliarden Dollar durchgeführt. Londoner Bankern, Anwälten und Imageberatern hat dies einen wahren Geldsegen beschert, da die britische Hauptstadt zum Zentrum für die Transaktionen wurde. Nun jedoch drohen die USA und die Europäische Union Russland mit Sanktionen und könnten damit ein Ende der schönen Zeiten für “Londongrad” einläuten.

Die weit reichenden potenziellen Auswirkungen dieser Sanktionen machen deutlich, wie eng Russland mittlerweile mit dem weltweiten Finanzsystem verwoben ist. Da viele große russische Unternehmen vom Staat kontrolliert werden oder von Milliardären mit engen Verbindungen zu Präsident Wladimir Putin, können selbst eng gefasste Sanktionen ihre internationalen Geschäfte ausbremsen.

Was alles auf dem Spiel steht wurde zuletzt am 16. März deutlich, als L1 Energy - ein Investment-Vehikel mit Unterstützung des russischen Milliardärs Mikhail Fridman - den Kauf von Dea für 5,1 Milliarden Euro von RWE bekannt gab. Das ist der bislang größte Deal mit Verbindung zu Russland in diesem Jahr.

“Die Geschäfte zwischen dem Westen und Russland in beide Richtungen sind gewaltig, sowohl im industriellen Bereich als auch im finanziellen”, sagt Dominic Sanders, ein Partner in der Anwaltskanzlei Linklaters in Moskau. “Je weiter die Sanktionen und die Vergeltungsmaßnahmen gehen, umso mehr wird es wehtun.”

Am Dienstag erklärte Putin, er unterstütze den Plan der Krim, sich der Russischen Föderation anzuschließen. Die Volksabstimmung der ukrainischen Region wurde von westlichen Regierungschefs als illegitim verurteilt.

Zwar haben sich die reichen Russen über ganz Europa verteilt, Unternehmen in Luxemburg oder Zypern angemeldet und Eigenheime in der Schweiz oder in Südfrankreich erstanden, doch die größten Auswirkungen haben sie auf London. Aus gutem Grund wurde die Stadt von den Journalisten Mark Hollingsworth und Stuart Lansley in ihrem Buch von 2010 “Londongrad” genannt.

In den vergangenen zwei Jahren summierten sich die Fusionen und Übernahmen, an denen russische Konzerne beteiligt waren, auf etwa 181 Milliarden Dollar, wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht. Die größten Transaktionen entfielen dabei auf den Energiebereich, angeführt von dem 55 Milliarden Dollar schweren Umbau von TNK-BP in 2012 und dem aktuellen Dea-Geschäft.

RWE hat die Transaktion aufgrund der potenziellen Sanktionen eilig vorangetrieben, wie Bloomberg aus informierten Kreisen erfuhr. Auch mit der Regierung in Berlin führte der Versorger Gespräche, um sicherzugehen, dass der Deal nicht blockiert wird, hieß es. Eine RWE-Sprecherin erklärte, dass das Timing Zufall gewesen sei.

Auf Börsengänge wie den des russischen Mobilfunkanbieters OAO MegaFon und den des Düngemittelproduzenten OAO Phosagro entfielen etwa 13 Prozent der insgesamt 63 Milliarden Dollar, die in London in den vergangenen fünf Jahren eingesammelt wurden, geht aus Bloomberg-Daten hervor.

Die durch die Krim-Krise hervorgerufene Instabilität beginnt bereits, sich negativ auf solche Transaktionen auszuwirken. Der Kinderbuchhändler Detsky Mir Group des russischen Milliardärs Wladimir Jewtuschenkow verschiebt den geplanten Börsengang in London aufgrund der Spannungen, erfuhr Bloomberg News aus informierten Kreisen. Das Unternehmen wollte dazu nicht Stellung beziehen.

Der deutsche Einzelhandelsriese Metro kündigte am späten Dienstag an, dass der geplante Börsengang der Russland-Tochter Cash & Carry aufgrund der Marktunruhen vorerst verschoben wird. Der Aktienkurs von Lenta Ltd., Russlands zweitgrößter Supermarkt-Kette, ist seit dem Börsendebüt am 28. Februar um 16 Prozent eingebrochen. Die Besitzer von Lenta, zu denen auch der US-Fonds TPG Capital gehört, hatten mit dem IPO 952 Mio. Dollar eingespielt.

Russische Geschäftsläute, für die die Aussicht auf eingefrorene Konten ein “bedeutendes Ärgernis” darstellt, sehen sich nach anderen Möglichkeiten um, wie sie ihre Belange regeln können, sagt Jonathan Fisher, ein Anwalt bei der Kanzlei Devereux Chambers in London. “Die scharfsichtigsten von ihnen dürften einen Teil ihres Geldes bereits in Erwartung von Sanktionen aus Großbritannien geschafft haben.”

Mehr zum Thema
nach oben