Krisen nutzen
(Quelle: DAS INVESTMENT) Das umfangreichste chinesische Wörterbuch enthält rund 87.000 verschiedene Schriftzeichen. Dennoch teilen sich die Worte Krise und Chance im Chinesischen ein und dasselbe Symbol. Denn die beiden Lebenssituationen sind kaum von einander zu trennen. Dieses Prinzip hat Fehim Sever als Anlagechance entdeckt. Der Manager des Fidelity European Special Situations Fund setzt auf europäische Unternehmen, die sich im Umbruch befinden oder vom Markt schlichtweg unterschätzt werden.
Am Anfang steht bei Sever die Ideenfindung. Um langfristige Wirtschaftszyklen und Strukturwandel zu erkennen, nutzt er die Analystenberichte und Datenbanken von Fidelity und besucht die Unternehmen vor Ort. Der Schwerpunkt liegt auf der kaum recherchierten Firmenlandschaft des sogenannten Neuen Europas. Seine Investments können zu einem kleinen Anteil zudem sogar über die EU hinausreichen von Russland über die Türkei bis nach Israel.
Im Süden und Osten des Alten Kontinents nimmt Sever Ungleichgewichte an den Börsen unter die Lupe, um Aktien aufzuspüren, die falsch bewertet sind. Er sucht sowohl unterbewertete Aktien als auch solche, deren Kurs der ehemalige Aktienanalyst für zu hoch hält. Denn über Derivate kann er auch von fallenden Kursen profitieren. Gemein haben alle Firmen, dass sie sich in einer Sondersituation befinden.
„Eine sogenannte Special Situation an der Börse liegt dann vor, wenn sich die Geschäftsaussichten für ein Unternehmen aufhellen und sich dies nicht im Aktienkurs widerspiegelt“, erklärt Sever. Ein solcher Ausnahmezustand sei in der aktuellen Börsenphase Normalität: „Viele Unternehmen sind derzeit falsch bewertet“, so Sever. „Die Anleger sind so sehr verunsichert, dass sie positive Meldungen einzelner Unternehmen ausblenden.“
Aus seinem 3.500 Titel umfassenden Anlageuniversum bleiben nach dem ersten Schritt nur noch etwa 600 übrig. Weniger als ein Zehntel davon schafft es durch den zweiten Teil der Prüfung. Sever bestimmt die jeweiligen Risiko-Rendite-Verhältnisse der Einzelwerte für sein Portfolio. Dazu vergleicht er die Gewinnchancen mit den Verlustrisiken. „Sobald ich weiß, welches Risiko ich eingehen muss, um eine bestimmte Rendite zu erzielen, kann ich die aussichtsreichsten Titel für mein Portfolio auswählen.“ Ins Portfolio kommen die 35 bis 50 besten Titel.
Der Schwerpunkt des Fonds liegt auf etablierten Börsenschwergewichten. Aus diesem Segment stammen die zehn größten Einzeltitel des Fonds. Beispielsweise profitiere der deutsche LKW-Bauer von der Industrialisierung und dem Handel in Südosteuropa und stellt somit einen potenziellen Kandidaten für Severs Portfolio dar. „Damit die Belieferung der neu entstehenden Fabriken in Südosteuropa funktionieren kann, werden Nutzfahrzeuge auf lange Sicht gefragt sein.“
Der Rest des Portfolios besteht vor allem aus Unternehmen mit mittlerem Börsenwert. Sie sollen für den Renditekick im Portfolio sorgen. Derzeit setzt er stark auf den Investmenttrend Agrarrohstoffe. „Die Landwirtschaft wird zukünftig zu Effizienzsteigerungen gezwungen“, erklärt Sever. „Daher sind auch Investitionen in Düngemittelproduzenten, wie beispielsweise Kali+Salz interessant.“
