Kristina Hooper, Kapitalmarktstrategin „Unabhängigkeit der Zentralbanken steht auf dem Spiel“

US-Präsident Donald Trump mit Fed-Chef Jerome Powell: Der Notenbankgouverneur pocht auf die Unabhängigkeit seines Instituts – zum Ärger seines Chefs. | © Getty Images

US-Präsident Donald Trump mit Fed-Chef Jerome Powell: Der Notenbankgouverneur pocht auf die Unabhängigkeit seines Instituts – zum Ärger seines Chefs. Foto: Getty Images

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Kristina Hooper, Chefstrategin bei Invesco

Die wichtigsten Zentralbanken weltweit haben entscheidende Wochen hinter sich: Einerseits informierte die US-Notenbank (Fed) über ihren Wachstumsausblick und ihre Haltung zu Zinssenkungen. Zum anderen gab die Europäische Zentralbank (EZB) bekannt, an ihrer wohlwollenden Geldpolitik festzuhalten.

Fed dämpft Erwartungen an Zinssenkungen

So war das Ergebnis der März-Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC), dass die US-Notenbank die Zinsen in diesem Jahr nicht mehr anheben will. Zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein: Die globale Wachstumsabschwächung sowie die handelspolitischen Unsicherheiten.

Doch es gibt in diesem Zusammenhang auch eine gute Nachricht: Einige FOMC-Mitglieder haben erklärt, dass sie in Abhängigkeit von der Entwicklung der Konjunkturdaten sowohl eine Zinserhöhung als auch eine Zinssenkung für möglich halten. Meiner Meinung nach treten sie damit entschieden für eine datenabhängige Geldpolitik ein.

Durch das jüngste FOMC-Protokoll haben sich die Markterwartungen dramatisch geändert: Ende März bezifferten die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer oder mehrerer Zinssenkungen bis Ende 2019 auf den hohen Wert von über 65 Prozent. Die Fed ist dem Anschein nach der Ansicht, dass eine Pause in der Normalisierung der Geldpolitik ausreichen wird, um sowohl die amerikanische als auch die globale Wirtschaft stützen zu können. Aber liegt sie damit richtig? Die überwiegenden Zinssenkungserwartungen der Anleger sprechen eine andere Sprache.

Kanadas Notenbank wartet ebenfalls ab

Ähnlich wie der Fed geht es auch der Bank of Canada (BoC). So deutete Kanadas Notenbank-Chef Stephen Poloz kürzlich an, dass er angesichts des kanadischen Konjunkturrückgangs die Zinsen unter dem neutralen Niveau halten werde. Konkret benannte er Belastungsfaktoren wie die handelspolitischen Unsicherheiten, den schwachen Immobilienmarkt sowie die wachsende Verschuldung privater Haushalte.

Allerdings frage ich mich auch beim BoC-Chef Poloz: Reichen die von ihm angekündigten Maßnahmen aus, um Kanadas Konjunktur zu stabilisieren? Schließlich deutet bei der BoC nichts darauf hin, dass sie die Zinsen in absehbarer Zeit senken will.

EZB bleibt wohlwollend, steht aber unter Zugzwang

Ganz ähnlich ergeht es derzeit der Europäischen Zentralbank. Auf ihrer Sitzung Anfang April entschied sie sich für die Fortsetzung ihrer lockeren Geldpolitik mit der Begründung, abzuwarten bis die jüngsten geldpolitischen Maßnahmen ihre Wirkung entfalten. Doch angesichts der Verschlechterung der Konjunkturdynamik in der Eurozone in den vergangenen Monaten frage ich mich, ob das ausreichen wird.

Angenommen, der Stress an den Märkten würde in den kommenden Monaten zunehmen, etwa durch größere geopolitische Risiken im Zusammenhang mit den Europawahlen oder einer Verschärfung der Schuldenproblematik in Italien. Würde die aktuelle Geldpolitik der EZB dann noch ausreichen?

Draghi hat betont, dass es zu früh sei für eine Entscheidung. Allerdings bin ich mir gar nicht so sicher, ob ein eventuelles Gegensteuern in der Geldpolitik letztlich viel bewirken könnte.

Anleger sollten im Blick behalten: Mario Draghi ist ein Notenbankpräsident auf Abruf. Auch zwei weitere Mitglieder des Notenbank-Direktoriums stehen vor ihrer unmittelbaren Ablösung. Darüber hinaus werden bis Ende des Jahres acht der 19 Mitglieder des Zentralbankrats der EZB aus dem Gremium ausscheiden. Daher könnten die Märkte wenig auf Entscheidungen geben, die die EZB jetzt trifft – die künftigen Entscheider könnten diese Maßnahmen jederzeit zurücknehmen.