Im KI-Bereich entwickelt sich derzeit ein Schneeballsystem. Die großen Player beteiligen sich mit riesigen Beträgen untereinander und vergeben gegenseitig milliardenschwere Aufträge. Kaum ein Anleger hat noch den Durchblick.
Nvidia und OpenAI dominieren die Diskussion
Die derzeit wohl meistdiskutierten Namen im KI-Bereich sind Nvidia und OpenAI. Nvidia entwickelt die Hochleistungshalbleiter für KI-Rechenzentren und ist in diesem Bereich unangefochtener Weltmarkt- und Technologieführer. Ohne diese hochentwickelten Rechenchips wäre KI wahrscheinlich gar nicht möglich. OpenAI verhalf der KI mit dem Chatbot ChatGPT vor rund drei Jahren zum Durchbruch. Das Unternehmen gilt als Vorreiter im Bereich Retail-KI.
Zwei weitere entscheidende Akteure sind Microsoft und Oracle. Microsoft ist der größte externe Anteilseigner von OpenAI. Oracle wiederum gilt als einer der wichtigsten Software- und Service-Dienstleister im Cloud-Bereich. Aktuell investieren diese und weitere Firmen aus den Bereichen Software, Hardware, Halbleiter, KI oder Cloud massenhaft ineinander.
Eine echte Kreislaufwirtschaft
Am deutlichsten lässt sich das an einem Beispiel zeigen: Nvidia beteiligt sich mit einem dreistelligen Milliarden-Dollar-Betrag an OpenAI. OpenAI beauftragt wiederum Oracle mit dem Aufbau einer riesigen Infrastruktur für Datenzentren, was OpenAI teuer zu stehen kommt. Dafür benötigt Oracle massenhaft Rechenleistung und muss Chips für viele Milliarden Dollar bei Nvidia kaufen. Der Kreis schließt sich.
Nvidia verbucht nun zwar ein Umsatzwachstum. Doch das Unternehmen hat OpenAI im Grunde selbst am Anfang dieses Ringgeschäfts per Investment das nötige Kleingeld zur Verfügung gestellt. Das Umsatzwachstum wurde also quasi selbst geschaffen. Solche Deals finden derzeit mehrfach zwischen vielen dieser KI-Firmen statt. Was auf den ersten Blick seltsam anmutet, ist ein Phänomen, das in vielen Industrien zu beobachten ist.
Mit dem Anstieg der Zahl und der Höhe der Deals steigt die Aufmerksamkeit von Optimisten und Pessimisten gleichermaßen. Firmen wie Microsoft, Oracle oder Nvidia verdienen massenhaft Geld. Bei OpenAI ist das allerdings nicht der Fall. Zwar ist die Firma profitabel, doch stehen die Einkünfte nicht im Verhältnis zu den unvorstellbaren Ausgaben, die getätigt werden, um dieses riesige KI-Ökosystem aufzubauen.
Neue industrielle Revolution?
Nun stellt sich die berechtigte Frage, ob sich diese Investitionen jemals rentieren können. Die Optimisten sehen das folgendermaßen: OpenAI und die anderen großen KI-Player bauen derzeit das Ökosystem, das die nächste Phase der Wertschöpfung einleitet und die Grundlage der nächsten industriellen Revolution bildet.
Optimisten vergleichen die Einführung von KI mit der Elektrifizierung, die die Welt nachhaltig verändert hat. Das in diesem Bereich investierte Geld wird sich irgendwann auszahlen. Denn im Grunde muss jedes Unternehmen, aber auch jeder Staat der Welt die Leistungen der künstlichen Intelligenz von Firmen wie OpenAI, Alphabet und Co. im großen Stil einkaufen, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Das gilt für alle Industrien und Regionen der Welt.
Unternehmen wie OpenAI müssen viel Geld investieren, um von Anfang an einen möglichst großen Marktanteil zu erreichen. Solange genügend Energie als Treibstoff für diese gesamte Rechenleistung vorhanden ist, wird diese Technologie die Grundlage für die gesamte weltweite ökonomische Zukunft bilden.
Geld verbrennen im großen Stil?
Die Pessimisten oder Bären sind der Ansicht, dass die großen amerikanischen Techkonzerne vor allem Geld unter sich hin- und herschieben und dadurch ihre Zahlen in die Höhe treiben. Eine echte Wertschöpfung findet jedoch noch gar nicht statt. OpenAI verdient kaum Geld, gibt es aber ohne Ende aus, was die Firma niemals zurückverdienen kann. Das wird früher oder später zu einem IPO führen müssen, um neues Geld einzunehmen.
Aufgrund der bisherigen enormen Investitionen wird der Börsengang dieser Größe vermutlich bei mehr als 500 Milliarden Dollar liegen oder sogar die Marke von einer Billion Dollar überschreiten. Das stellt ein Risiko für die globalen Finanzmärkte dar. Denn wenn sich herausstellt, dass sich die Investitionen von OpenAI nie amortisieren, bricht das ganze Kartenhaus in sich zusammen.
Optimisten und Pessimisten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Frage bleibt: Handelt es sich hierbei um das smarteste Ökosystem aller Zeiten oder ist es doch eher ein fragiles Schneeballsystem, das keine nennenswerten Profite generiert?
Konkurrenz durch Alphabet und andere
Bei OpenAI besteht noch ein weiteres Risiko. Alphabet entwickelt mit Gemini eine Konkurrenz zu ChatGPT. Anders als OpenAI kann Alphabet dabei auf bereits existierende Zahlungsströme zugreifen. Das kann zumindest für OpenAI und die stark vernetzten Firmen eine potenzielle Disruption bedeuten. Auch Meta und Amazon forschen stark in diesem Bereich. Hier ist allerdings noch unklar, wo der Fokus liegen soll.
Apple gibt dagegen erstaunlich wenig Geld für die KI-Forschung aus und gilt als das lahmende Entlein, das nicht hinterherkommt. Es lässt sich jedoch auch argumentieren, dass Apple die anderen Unternehmen die großen Investitionen tätigen lässt und sich am Ende das beste Produkt kauft, ohne das Risiko einer Pleite einzugehen.
Anleger können zum derzeitigen Zeitpunkt kaum beurteilen, ob die Weichen für starke Gewinnzuwächse gestellt werden oder ob sich bereits eine KI-Blase gebildet hat. Auch die DotCom-Story stellte sich als Blase heraus. Das Internet hat die Welt dennoch grundlegend verändert.
Riesiger Strombedarf
Unabhängig davon, ob die KI-Optimisten oder die Pessimisten Recht behalten werden, scheint das Thema Energie von großer Bedeutung zu sein. Entscheidungsträger in Großunternehmen wie Microsoft-Chef Satya Nadella weisen darauf hin, dass Energie im Grunde den größten Flaschenhals für KI darstellt. Dadurch eröffnen sich in diesem Bereich Investmentchancen.
Die USA und China machen es Europa vor und investieren intensiv in den Ausbau von Energiequellen jeglicher Art. In den Vereinigten Staaten erlebt sogar die Kernkraft eine Renaissance. So soll ein Block des bereits vor Jahrzehnten stillgelegten Atomkraftwerks Three Mile Island wieder hochgefahren werden, um ein Rechenzentrum mit Strom zu versorgen.
Das alles erinnert an den Goldrausch im 19. Jahrhundert. Damals waren es nicht die Goldgräber, die das große Geld verdienten, sondern die Verkäufer von Schaufeln. Heute sind es vermutlich die Stromerzeuger.
Über den Autor:
Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.
