Künstliche Intelligenz verändert Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft – und stellt besonders junge Menschen vor neue Herausforderungen und Chancen, sagt Frédéric Leroux, Head of the Cross Asset Team bei Carmignac.
Künstliche Intelligenz steht im Fokus der Aufmerksamkeit. Europäische Sparer zögern, in Aktienmärkte zu investieren, aus Angst vor einem baldigen Platzen der KI-Blase. Der Kontrast zum amerikanischen Privatanleger ist frappierend: Er ist voll und ganz am Börsenaufschwung dieses Themas beteiligt. Wer hat Recht? Die Erstgenannten könnten eine riesige Chance verpassen, während viele der Letzteren unter ihrem späten Einstieg leiden könnten. So wie immer. Selbst für Investoren kann sich die Frage nach KI jedoch nicht auf ihre Auswirkungen an der Börse beschränken, da ihre sozialen Auswirkungen sehr tiefgreifend sein könnten.
Blasen im Zusammenhang mit dem Aufkommen neuer Technologien prägen seit jeher die Wirtschafts- und Börsengeschichte
Viele von uns erinnern sich noch an die letzte Blase: die Dotcom-Blase. Geschichtsinteressierte denken auch an die Eisenbahnblase („Railway Mania“), ein Spekulationsboom in Großbritannien in den 1840er Jahren, der um 1845–1847 seinen Höhepunkt hatte. In beiden Fällen dieser Technologieblasen kam es zu Verzerrungen: Im ersten Fall zu fast unendlichen Börsenbewertungen, selbst im Verhältnis zum erwarteten Umsatz, und im zweiten Fall zu bis zu vier verschiedenen Eisenbahnprojekten, die gleichzeitig in Angriff genommen wurden, um dieselben beiden Städte miteinander zu verbinden.
In beiden Fällen haben die Blasen eine klare Funktion erfüllt: Sie haben neue Technologien schnell in der Wirtschaft etabliert und Investoren gezwungen, aktiv zu werden, statt nur abzuwarten. Wer zu lange zögerte, lief Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Ende der 1990er-Jahre konnte kein großer Telekommunikationsanbieter auf eine 3G-Lizenz verzichten – trotz der enormen Kosten. Ähnlich handeln heute Hyperscaler wie Amazon, Google, Meta oder Microsoft: Auch sie investieren massiv in Rechenzentren, selbst wenn die Preise hoch sind. Unternehmen entscheiden sich damit bewusst für ein finanzielles Risiko, um nicht den sicheren Tod durch Veralten der eigenen Technologie zu riskieren – Blasen sind so gesehen ein Teil eines fast vorhersagbaren Prozesses.
In beiden Fällen führten neue Technologien dazu, dass alte Arbeitsplätze verschwanden und traditionelle Verfahren ersetzt wurden, um Platz für neue Arbeitsweisen und Berufe zu schaffen. Dieses Prinzip der „kreativen Zerstörung“, wie es Schumpeter beschrieben hat, brachte langfristig positive Effekte für Beschäftigung und wirtschaftliche Effizienz. Für Portfoliomanager bedeutet das: Wir müssen unsere Investitionen gezielt dort platzieren, wo sie von diesen Veränderungen profitieren, und Bereiche meiden, die unter der Einführung neuer Technologien wie KI leiden könnten.
Der Hype um die KI-Thematik ähnelt noch nicht ganz den Blasen der Vergangenenheit
Die führenden Unternehmen im KI-Sektor werden an der Börse zu nachvollziehbaren Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) gehandelt, obwohl diese Gewinne bisher kaum durch Investitionen geschmälert wurden. Firmen wie Microsoft, Amazon, Google oder Meta haben ihre Erträge über viele Jahre aufgebaut. Aktuell liegen ihre KGVs für die kommenden zwölf Monate zwischen 26 und 33 – deutlich unter den extremen Bewertungen der Dotcom-Blase. Laut J.P. Morgan werden diese Unternehmen bis 2030 den Großteil der 5 bis 7 Billionen US-Dollar investieren, die für den KI-Ausbau notwendig sind. Ein Teil dieser Investitionen wird über Schulden finanziert, die bisher hauptsächlich für Aktienrückkäufe genutzt wurden. Offen bleibt die Frage: Wie lange dauert es, bis sich diese Ausgaben auszahlen, und wie gelingt der Übergang von einem kapitalarmen zu einem kapitalintensiven Geschäftsmodell optimal?
Nvidia, Symbol für den Triumph der KI und weltweit erstes Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über 5 Billionen US-Dollar, ist der glückliche Lieferant dieser Hyperscaler, die nach wie vor über tiefe Taschen verfügen. Als Lieferant von „Schaufeln und Sieben“ für die Goldgräber des KI-Booms wird Nvidia mit dem 32,5-fachen seines für das nächste Jahr geschätzten Gewinns bewertet, was durch das beeindruckende Gewinnwachstum weiterhin gerechtfertigt ist.
Ein wesentliches Merkmal des heutigen KI-Ökosystems, aber gleichzeitig eine potenzielle Quelle der Unsicherheit, ist seine Grundlage: OpenAI, ein Unternehmen, das nach wie vor als gemeinnützige, nicht börsennotierte Organisation agiert und somit erheblichen Spielraum für kreative Bilanzierungsmethoden bietet. Das Unternehmen hat bereits wesentliche zirkuläre Transaktionen mit anderen großen KI-Akteuren in Höhe von insgesamt 1,4 Billionen US-Dollar getätigt. Erst in Zukunft wird man diese Vorgänge fair bewerten können.
Eine weitere Besonderheit mit positiveren Auswirkungen ist, dass die KI-Revolution mit einem technologischen Krieg zwischen China und den USA einhergeht: „DeepSeek”-KI gegen eine „Nvidia inside”-KI. Kann es in diesem Kampf der Titanen eine überlegene KI geben, ohne dass die beiden Supermächte zuvor „ihrer“ KI jede nur erdenkliche Unterstützung zukommen ließen? Dieser Faktor könnte eine mögliche Ernüchterung auf später verschieben. Erst in der Zukunft wird man den Sieg oder die Niederlage der einen oder anderen Seite anhand des Börsenkurses der Unternehmen messen, die die Verbreitung der Technologie ermöglicht haben. Vielleicht aber auch anhand der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der beiden KI-Systeme?
Das wirklich Besondere an der KI-Technologie ist ihr so rasanter und tiefgreifender Einfluss auf die Gesellschaft über die Beschäftigung
Das Potenzial von KI, Arbeitsplätze zu vernichten, ist enorm – so groß, dass selbst Anhänger von Schumpeters Konzept der „kreativen Zerstörung“ kaum glauben können, dass die Zahl der durch KI neu geschaffenen Jobs jemals die verlorenen Stellen übertreffen könnte. Besonders betroffen ist die junge Generation: Laut Oxford Economics gehen 85 Prozent des Anstiegs der Arbeitslosigkeit in den USA seit dem Tiefpunkt 2023 auf Arbeitslose zwischen 20 und 24 Jahren zurück. Die Arbeitslosenquote dieser Altersgruppe stieg in drei Jahren von 6 auf fast 9,5 Prozent, während sie für den Rest der Bevölkerung weitgehend konstant blieb. Allein im Oktober gingen so viele Arbeitsplätze verloren wie nie zuvor – hauptsächlich aufgrund von KI.
Die zentrale Frage lautet: Wie soll ein junger Mensch ohne Berufserfahrung gegen eine leistungsfähige KI bestehen? Und wie wird es künftig noch jüngeren Menschen ergehen, die glauben, sie müssten nichts anderes lernen, als der KI gezielte Fragen zu stellen?
Es ist möglich, dass die Jugend durch ihre Anpassungsfähigkeit ihren Platz in der KI-gesteuerten Wirtschaft findet und dass die kreative Zerstörung langfristig positive Effekte hat. Diese Hoffnung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Einstieg junger Absolventen in den Arbeitsmarkt aktiv unterstützt werden muss. Ohne die Beteiligung der jungen Generation an der Wertschöpfung wird unsere alternde Gesellschaft keinen Fortschritt erleben. Fehlt Solidarität für die Job-Neueinsteiger, könnten die sozialen Folgen der KI-Einführung bereits spürbar werden, noch bevor die Börsenkurse ihre Grenzen erreichen.
1 Oxford Economics, Research Briefing US, Educated but unemployed, a rising reality for college grads, 27. Mai 2025.
Disclaimer:
Dies ist eine Werbemitteilung. Dieser Artikel darf ohne die vorherige Genehmigung der Verwaltungsgesellschaft weder ganz noch in Teilen vervielfältigt werden. Es stellt weder ein Zeichnungsangebot noch eine Anlageberatung dar. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen können unvollständig sein und ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Bezugnahme auf bestimmte Werte oder Finanzinstrumente dient als Beispiel, um bestimmte Werte, die in den Portfolios der Carmignac-Fondspalette enthalten sind bzw. waren, vorzustellen. Hierdurch soll keine Werbung für eine Direktanlage in diesen Instrumenten gemacht werden, und es handelt sich nicht um eine Anlageberatung. Die Verwaltungsgesellschaft unterliegt nicht dem Verbot einer Durchführung von Transaktionen in diesen Instrumenten vor Veröffentlichung der Mitteilung. Die Portfolios der Carmignac-Fondspalette können ohne Vorankündigung geändert werden.
