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Warum der Euro trotz Griechenland-Drama steigt

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Strategen nennen mehrere Gründe für ihre Widerstandsfähigkeit. Von Vermögensverwaltern ist die Rede, die sich von Anleihen und Aktien trennen und dabei Euro- Absicherungen aufgeben, aber auch von Optimismus über eine Einigung Griechenlands mit seinen Gläubigern in letzter Minute.

Auf längere Sicht bietet sich ein weniger rosiges Bild. Optionen zum Schutz gegen eine Abwertung des Euro sind so teuer wie zuletzt 2012. Ein Ausscheiden Griechenlands würde den Euroraum in unbekanntes Terrain befördern und möglicherweise die gesamte Währungsunion gefährden.

“Das Risiko eines Austritts Griechenlands ist nicht wirklich eingepreist”, sagte Eimear Daly, Devisenstratege bei Standard Chartered Plc in London. “Der Markt ist es leid, auf diese Schlagzeilen hin zu handeln, und dann ist da noch die Frage: ’Wie wettet man auf einen Euro ohne Griechenland?’”

Die große Sorge der Europäischen Union im Hinblick auf einen Austritt Griechenlands ist die Möglichkeit einer Ansteckung und die Frage, ob andere Länder sich veranlasst fühlen könnten, ihren eigenen Platz in der Währungsunion zu überdenken.

Es könnte sich herausstellen, dass der Euro als politisches Projekt “mit Sicherheit umkehrbar ist”, sagte Neil Jones von der Mizuho Bank Ltd. in London.

Der Euro hat in diesem Monat mit seinen ergebnislosen Krisengesprächen immer wieder aufgewertet. In der vergangenen Woche legte die Gemeinschaftswährung an drei von fünf Handelstagen zu und lag zum Wochenschluss mit 1,1352 Dollar 8,5 Prozent über einem im März erreichten 12-Jahres-Tief. Am Montagmorgen verbesserte sich der Euro zum Dollar weiter und notierte 0,2 Prozent im Plus bei 1,1379 Dollar je Euro.

“Der Nachrichtenstrom aus Griechenland und Brüssel hat praktisch keinen Einfluss” auf den Euro, sagte Ulrich Leuchtmann, leiter Devisenstrategie bei der Commerzbank AG in Frankfurt. “Was immer man von der Möglichkeit eines griechischen Austritts hält - diese Wahrscheinlichkeit hat sich in der vergangenen Woche verändert. Dennoch ist der Euro diesen Änderungen gegenüber immun.”

Ein Ausscheiden Griechenlands könnte auch den Status des Euro als globale Reservewährung beschädigen. In dieser Hinsicht ist seine Stellung durch die langfristige Abwertung ohnehin geschwächt. Im vergangenen Jahr haben die Notenbanken weltweit ihre Euro-Bestände so stark abgebaut wie noch nie. Mittlerweile macht die Gemeinschaftswährung nach Daten des Internationalen Währungsfonds nur noch 22 Prozent der weltweiten Devisenreserven aus. Vor fünf Jahren, vor dem Ausbruch der europäischen Schuldenkrise, waren es noch 28 Prozent.

Eric Crittenden, Chief Investment Officer bei Longboard Asset Management LLC in Phoenix/Arizona, hält es für möglich, dass ein Ausscheiden Griechenlands den Euro sogar stärken könnte, weil das schwächste Mitgliedsland dann nicht mehr dabei wäre.

Auf längere Sicht rechnen die meisten Strategen damit, dass der Euro seine vor zwei Jahren begonnene Talfahrt wieder aufnimmt, die ihn bislang um 13 Prozent hat abwerten lassen. Die Commerzbank prognostiziert für das Jahresende einen Wechselkurs von 1,04 Dollar; Standard Chartered erwartet 1,03 Dollar.

Der Aufschlag für Kontrakte, die zum Verkauf der Gemeinschaftswährung in drei Monaten berechtigen, gegenüber Kaufkontrakten stieg am Montag auf 2,9 Prozentpunkte, wie Bloomberg-Daten zeigen. Das ist die größte Differenz seit Juni 2012.

Fürs erste wird der Euro allerdings von Investoren gestützt, die Vermögenswerte aus der Region verkaufen und die Absicherungen auflösen, mit denen sie sich gegen Verluste schützten, sagte Andreas König, Leiter Europäische Devisen bei Pioneer Investments in Dublin.

“Die ganze Devisenwelt fragt sich, wieso der Euro so widerstandsfähig ist”, sagte König. “Es ergibt sich die merkwürdige Situation, dass europäische Aktien fallen, man aber Euro kaufen muss. Wenn sich sonst auf dem Markt wenig abspielt, können solche Bewegungen den Markt bestimmen.”

Hedgefonds haben die Nettowetten auf einen schwächeren Euro gegenüber dem Rekordhoch Ende März um über die Hälfte zurückgenommen, zeigen Daten der Commodity Futures Trading Commission in Washington.

“Wenn es in Griechenland eine Krise geben sollten, dann hat das offenbar niemand dem Devisenmarkt mitgeteilt”, schrieb Steve Barrow, Leiter G-10-Strategie bei Standard Bank in London, in einer Studie vom 18. Juni. “Der Euro ist felsenfest.”

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