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Was müssen Anleiheanleger jetzt wissen? „Kurzlaufende Unternehmensanleihen gehören jetzt ins Depot“

Einkaufsstraße in Chicago
Einkaufsstraße in Chicago: Vieles deutet darauf hin, dass die Pandemie langsam an Einfluss verliert, doch viele Unsicherheiten bleiben. | Bildquelle: IMAGO / Imaginechina-Tuchong
Von  | Content-Team
Aktualisiert am:
Francis Scotland, Brandywine Global

Herr Scotland, wie beurteilen Sie die Aussichten von Unternehmensanleihen derzeit?

Francis Scotland: Globale Anleihen sind eine Anlageklasse mit erstklassigen Chancen. Sie können überragende Renditen liefern und gleichzeitig Absicherung bieten. Derzeit deuten die Makrosignale auf ein kräftiges Anziehen der Konjunktur hin. Die Marktteilnehmer erwarten ein starkes und anhaltendes Wirtschaftswachstum, das nur vorübergehend zu einem Inflationsanstieg führt – man richtet sich auf ein behutsames Abschmelzen der US-Notenbankbilanz irgendwann in der Zukunft ein.

Vieles deutet darauf hin, dass die Pandemie langsam an Einfluss verliert…

Scotland: Daher sind die Aktienkurse sehr hoch und die Renditen inflationsgeschützter US-Schatzpapiere (TIPS) extrem niedrig. Doch es bestehen nicht wenige Unsicherheiten: Die Flut der gigantischen staatlichen Stimulierungsmaßnahmen muss früher oder später wieder eingedämmt werden. Zugleich stellt das Streben nach Netto-Null-Emissionen rund um die Welt vor Herausforderungen. Und welche Folgen werden die größte Steuererhöhung in den USA seit über fünfzig Jahren haben sowie die Entscheidung der Biden-Administration, Tacheles zu reden und China offiziell zum Gegner und nicht nur zum Rivalen zu erklären? Aber bei allen Hoffnungen auf ein nur temporäres Phänomen: Der Inflationsanstieg ist aktuell die Hauptsorge der Anleger.

Die US-Notenbank beschwichtigt: Sollten Anleger diesen Aussagen Glauben schenken?

Scotland: Der Anstieg der Teuerungsrate wird nach Ansicht der Fed enden, sobald sich die Wirtschaftslage wieder normalisiert. Obwohl die meisten Anleger sich auf dieses Szenario eingerichtet haben, hinterfragt eine wachsende Zahl von Investoren dieses Narrativ: Sie befürchten eine dauerhaft hohe Inflation und halten die Zusicherung der Fed, dass die Zentralbank über die erforderlichen Instrumente verfügt, um einen länger anhaltenden Inflationsanstieg zu verhindern, nur für leere Versprechen. Sie wissen: In der historischen Rückschau ist es der US-Notenbank noch nie gelungen, die Inflation zu bekämpfen, ohne dass es zu einer Rezession gekommen ist. Unserer Ansicht nach ist es daher noch zu früh, um den Charakter des aktuellen Inflationsanstiegs abschließend bewerten zu können.

Wie dürfte sich der US-Dollar entwickeln? Wie geht es am US-Arbeitsmarkt weiter?

Scotland: Bislang zeigt sich der Greenback stark. Ein länger anhaltendes inflationäres Umfeld ohne einen deutlichen Einbruch des US-Dollars ist aber unwahrscheinlich. Ebenfalls ist zu erwarten, dass in der zweiten Jahreshälfte offenkundige Verzerrungen am Arbeitsmarkt verschwinden dürften, die durch die temporären exzessiven Arbeitslosenleistungen verursacht werden: Es dürften dann wieder mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Infolgedessen ist ein deutlicher Rückgang der Arbeitslosenquote in den USA bis zum Jahresende zu erwarten.

In der Pandemie war die Sparquote sehr hoch. Was geschieht, wenn das überschüssige Geld bei gut laufender Wirtschaft wieder ausgegeben wird?

Scotland: Die US-Dollarbündel unter dem Kopfkissen sind mit rund 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ein potenziell explosiver Inflationstreiber. Sofern diese Barmittel die Realwirtschaft fluten, würden sie den schon derzeit sehr dynamischen Preisschub zweifellos beträchtlich verstärken und verlängern.

Auf der anderen Seite könnte die wirtschaftliche Expansion gebremst werden, sollten Privathaushalte und Unternehmen ihre Barmittel aus Sorge und Vorsicht länger als erwartet zurückhalten. Schon jetzt belasten die hohen Energie- und Rohstoffpreise das Wachstum. Zugleich kühlt sich die chinesische Konjunktur ab. Kommen dann noch die von der Biden-Administration geplanten rekordverdächtigen Steuererhöhungen in den USA, birgt der aktuelle Ausblick einige Unsicherheiten mehr.

Brian Kloss, Brandywine Global

Herr Kloss, sind globale Unternehmensanleihen gute Absicherungspositionen auf die Erholung?

Brian Kloss: Renditen werden angesichts der Herausforderungen voraussichtlich schwieriger zu erzielen sein. Insgesamt beurteilen wir die Aussichten für Unternehmensanleihen aber vor allem am kürzeren Ende der Kurve optimistisch. Aktives Management ist im aktuellen Umfeld entscheidend, weil die Chancen bei Unternehmensanleihen ungleichmäßig verteilt sind und eine sehr sorgfältige Auswahl erfordern. Wir nutzen sämtliche zur Verfügung stehenden Instrumente, darunter Sektor-, Durations- und Qualitätsrotation. Das erfordert die ständige Überwachung des makroökonomischen Umfelds.

Wo sehen Sie besondere Schwierigkeiten?

Kloss: Besonders herausfordernd ist die Titelauswahl im aktuell zweigeteilten Hochzinssegment. Im CCC-Rating-Segment des US High Yield Index rentieren beispielsweise weniger als die Hälfte der Wertpapiere mit maximal 6,5 Prozent, während rund 14 Prozent der im Index enthaltenen CCC-Anleihen am 31. Mai 2021 eine Rendite von mindestens 9,5 Prozent aufwiesen.

Sollte die Inflation angesichts des starken Wirtschaftswachstums weiter anziehen und sich verstetigen, werden Langläufer über das gesamte Qualitätsspektrum hinweg neu bewertet werden. In diesem Szenario dürften Nachranganleihen mit kurzen Laufzeiten besser abschneiden als andere Anleihesegmente. Die Zinskurve wird voraussichtlich zunächst steiler werden, bevor der Markt eine geldpolitische Reaktion der Zentralbank einpreist.

In welchen Sektoren sehen Sie derzeit besonders gutes Potenzial?

Kloss: Derzeit ist unsere Sektorrotation auf Rohstoffe und Grundstoffe ausgerichtet. Wir profitieren somit von den Wirtschaftsbereichen, denen das Wiederanziehen der Konjunktur in besonders hohem Maße zugutekommt. Mit Blick auf die Inflation konzentrieren wir uns auf Unternehmen, die dank ihrer Preissetzungsmacht flexibel auf ein Umfeld steigender Preise reagieren können.

Mittelfristig wird ein erster Zinsschritt kommen: Wie sichern Sie das Kapital der Anleger ab?

Kloss: Wir investieren vor diesem Hintergrund vorzugsweise in Anleihen mit kurzen Laufzeiten. Angesichts des Tempos der Konjunkturerholung und des sich daraus ergebenden Drucks auf die Zentralbanken, ihre Politik zu ändern, könnte diese Positionierung jedoch schon Mitte des dritten Quartals überholt sein – dann kommt wieder die aktive Rotation ins Spiel.

Helge ist als in der Spiegel-Gruppe ausgebildeter Wirtschaftsredakteur seit dem Jahr 2010 in der Finanzberichterstattung und Finanzkommunikation tätig. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören Nachhaltigkeit, Megatrends, Schwellenländermärkte, Rohstoffe und ETF-Strategien. Der studierte Politik- und Sprachwissenschaftler setzt sich für verantwortungsbewusstes Investieren ein. Helge investiert selbst an den globalen Märkten und vertraut dabei auf seine aus vielen Gesprächen mit Portfoliomanagern und Investmentstrategen gewonnene Branchenexpertise und sein erprobtes Gespür. Seine Interviewpartner schätzen ihn als Journalisten, der sachlich berichtet und gerne auch einmal unbequeme Fragen stellt. Mehr über Helge Rehbein
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