Steffen Merker, Manager bei LBBW Multi Global

Steffen Merker, Manager bei LBBW Multi Global

LBBW-Manager Steffen Merker über antizyklische Kaufchancen

„Besonderes Aufholpotenzial haben Spanien und Italien“

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DER FONDS: Der Jahresauftakt an den Weltbörsen war alles andere als ermutigend. Wie sehen Sie die aktuelle Lage und worauf stellen Sie sich mit Ihrem Fonds für die kommenden Monate ein?

Steffen Merker: Wir gehen davon aus, dass die politische Unsicherheit hoch bleiben wird und damit auch die Volatilität an den Märkten. Sorgen um die Konjunktur in China, der schwache Ölpreis, die sich wieder verschärfende Schuldenkrise in der Eurozone mit Portugal und Griechenland sowie ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der EU halten die Börse weiter in Atem. Gleichzeitig bieten sich in der derzeitigen Marktphase aber auch interessante Chancen – vor allem auf dem europäischen Aktienmarkt.

Wie haben Sie auf diese Situation im Fonds reagiert?

Auf der Aktienseite haben wir den LBBW Multi Global mit Blick auf die Branchenstruktur noch defensiver ausgerichtet. Am stärksten gewichtet sind derzeit Pharmawerte, gefolgt von Versicherungen und Konsumwerten. Auf der Rentenseite profitierte der Fonds vom allgemeinen Zinsrückgang im Nachgang der jüngsten EZB-Sitzung. Im Zuge dessen haben wir nur selektive Anpassungen an der Risikostruktur vorgenommen und den Anteil kritischer Emittenten weiter reduziert.

Warum sollen im von Ihnen beschriebenen Umfeld ausgerechnet europäische Aktien eine positive Ausnahme machen?

Weil die Fundamentaldaten für eine Erholung der Kurse sprechen. Wir gehen davon aus, dass das Gewinnwachstum der Unternehmen in der Eurozone in diesem Jahr bei rund 6 bis 8 Prozent liegt – und damit auf einem relativ hohen Niveau. Hintergrund ist die positive Konjunkturentwicklung in Europa, die sich vor allem auf den Bau- und den Dienstleistungssektor stützt. Besonderes Aufholpotenzial haben in der Eurozone Spanien und Italien. In Italien ist zum Beispiel die Konsumstimmung jüngst auf ein 20-Jahres-Hoch gestiegen. Dieses fundamentale Konjunkturbild sollte sich bald wieder durchsetzen und zur Stabilisierung der Märkte beitragen.

In welchen Marktbereichen sehen Sie besonderes Potenzial für Zukäufe?

Aufgrund der soliden Konjunkturentwicklung in Europa rechnen wir damit, dass sich spätzyklische Branchen ähnlich gut entwickeln wie im vergangenen Jahr. Das gilt unter anderem für die Bauindustrie. Sie profitiert davon, dass die Bau-Aktivitäten im aktuellen Niedrigzinsumfeld zugenommen haben. Interessant sind auch europäische Telekommunikationswerte. Mit der steigenden Datennutzung erhöht sich auch das Umsatzpotenzial. Zudem könnten Übernahmen und Fusionen für Kursfantasie bei Telekommunikationswerten sorgen.

Und wo bleiben Sie eher vorsichtig gestimmt?

Zum Beispiel bei Energieversorgern – insbesondere, weil die Altlasten der Kernenergie weiter auf die Kurse drücken. Kurzfristig sind wir zudem bei Rohstoffwerten zurückhaltend. Dort werden die weltweiten Überkapazitäten nur sehr zögerlich abgebaut.

Was ist mit der Rentenseite?

Dort sind wir insbesondere für europäische Unternehmensanleihen positiv gestimmt. Die konjunkturelle Erholung in der Eurozone und die positiven Fundamentaldaten sprechen mittelfristig wieder für eine Erholung der Credit Spreads. Bemerkenswert ist, dass der Markt für Unternehmensanleihen aktuell eine Ausfallquote von rund 10 Prozent auf Sicht der nächsten fünf Jahre einpreist. Diese Bewertung ist günstig. Denn bisher hat die Ausfallquote über einen Fünf-Jahreszeitraum nicht mal annähernd 4 Prozent betragen. Besonders interessant sind Unternehmensanleihen mit einer Laufzeit von fünf bis sieben Jahren. Längere Durationen sind wenig sinnvoll, weil der Renditeaufschlag in diesem Fall das Durations-Risiko nicht wettmacht.

Ihr Fazit also?

Aus unserer Sicht bieten sich für antizyklisch agierende Investoren jetzt interessante Einstiegsgelegenheiten. Denn viele Aktien sind nach den jüngsten Kurskorrekturen attraktiv bewertet. Und auch wenn vergangene Entwicklungen keine Garantie für die künftige Performance bieten, ist ein extrem negatives Sentiment, wie wir es jetzt erleben, in der Vergangenheit oft ein guter Kaufzeitpunkt gewesen.

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