Leitzins und Inflation: Ist der Staat klüger als die Privaten?

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Gefahr von steigenden Zinsen

Der Staat geht damit freilich ein erhebliches Risiko ein. Wenn die Zinsen am Kapitalmarkt ansteigen sollten, dann kommt er schnell in die Bredouille. Bei einer Gesamtverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden von über 2.000 Milliarden Euro bedeutet ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt über alle Laufzeiten, langfristig Mehrausgaben von 20 Milliarden Euro. Das sind 0,8 Maastricht-Prozentpunkte.

Wie ist dieses Risiko einzuschätzen? Es gibt eine große Anzahl von Fundamentalfaktoren, die derzeit für anhaltend niedrige, vielleicht sogar noch geringere Zinsen sprechen. Die Inflationsrate geht zurück. Die Konjunktur ist schwächer. Damit werden weniger Kreditmittel von der Privatwirtschaft gebraucht. Die Liquidität ist hoch und wird eher noch weiter zunehmen.

Ende Februar kommt ein neuer 3-Jahres-Tender der Europäischen Zentralbank. EZB-Präsident Draghi hat die Banken ermutigt, sich daran ausreichend zu beteiligen. Die Notenbankzinsen werden auf absehbare Zeit nicht steigen. Vielleicht werden sie auch noch um einen halben Prozentpunkt zurückgenommen. Zudem fließen immer noch Gelder aus den Problemregionen des Eurogebiets in deutsche Bundesanleihen als "sicherer Hafen".

Niedriger geht‘s nicht, gibt’s nicht

Das Argument, dass die Zinsen schon so niedrig sind, dass sie nicht mehr fallen können, zieht nicht. In Japan sind die Renditen von Staatsanleihen auch 2011 von niedrigem Niveau noch einmal gefallen. Sie liegen inzwischen bei 1 Prozent. In der Schweiz war es im vergangenen Jahr sogar noch drastischer. Die Renditen der Obligationen sind von 1,5 Prozent auf 0,5 Prozent gefallen.

Andererseits: Das, was wir an den Bondsmärkten sehen, ist zweifelsohne eine Blase. Die langfristigen Zinsen sind zu niedrig. Bei einem realen Wachstum von 1 Prozent und einer Preissteigerung von 2 Prozent sollten sie eigentlich bei 3 Prozent liegen, also 100 Basispunkte höher. Real sind die Sätze gemessen an der Preissteigerung im Euroraum derzeit null.

Zudem gibt es einen Refinanzierungsbedarf in Europa wie schon lange nicht mehr. Nicht nur die Staaten brauchen Geld, um fällige Schulden tilgen zu können, auch die Banken. Unternehmen, auch Mittelständler, gehen vermehrt direkt an den Kapitalmarkt, um unabhängig von den Banken zu sein.

Schließlich: Wenn sich die Lage in Europa normalisieren und Vertrauen wiederkehren sollte, könnte es sein, dass Fluchtgelder aus Südeuropa auch wieder zurück in ihre Heimat fließen. Die Mehrheit der Analysten in den Investmenthäusern rechnen, wenn ich es richtig sehe, für den Verlauf dieses Jahres mit steigenden Zinsen.

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