Investment-Profi der Bethmann Bank: Darum lassen Notenbanker die Finanzwelt im Ungewissen
Jahrelang hatten amerikanische und europäische Notenbanker ihre künftigen geldpolitischen Absichten geäußert. Die Fed nutzte diese Art der verbalen Intervention schon seit den frühen 2000er Jahren. Die EZB folgte ihr im Sommer 2013. Mit der Forward Guidance gaben sie den Finanzmärkten eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie es mit der Geldpolitik weitergehen dürfte und sorgten damit auch für ein gewisses Maß an Sicherheit.
Vor allem in den Jahren nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers 2008 und der dann folgenden weltweiten Finanzkrise erwies sich die Forward Guidance als wichtiges Instrument. Damals kommunizierte die Fed, dass die Leitzinsen für unbestimmte Zeit niedrig bleiben. Nachdem Senkungen der Leitzinsen und Quantitative Easing an ihre Grenzen stießen, blieb den amerikanischen Notenbanken eigentlich nichts anderes übrig, als verbal gegen die damals herrschenden deflationären Tendenzen vorzugehen.
Ab März 2022 nutzte dann vor allem die Fed die Forward Guidance, um dem massiven Anstieg der Inflation, der sich zur Überraschung vieler Notenbanker und Marktteilnehmer eben nicht als temporär erwies, Herr zu werden. Es hieß: „We need to get our job done“.
Nun ist es mit der Forward Guidance erst einmal vorbei. Fed-Chef Jerome Powell und EZB-Präsidentin Christine Lagarde wollen über maximale Flexibilität verfügen und ihre künftigen geldpolitischen Maßnahmen an den Inflations- und Konjunkturdaten ausrichten. Diese zeigen bislang kein klares Bild. Deshalb fahren die Fed und die EZB auf Sicht.
Zwar lag die Inflation in den USA im Juli bei nur noch 3,2 Prozent. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Teuerungsrate im Juli in Übersee wieder um 0,2 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat gestiegen ist. Außerdem ist sie noch ein gutes Stück weit vom Zwei-Prozent-Ziel entfernt, an dem die Fed bislang nicht rüttelt. Im Euroraum belief sich die Inflation zuletzt noch auf 5,3 Prozent. Die Fed und die EZB haben die Forward Guidance vorerst eingestellt, auch weil sich noch nicht im vollen Umfang zeigt, wie stark die Leitzinsen das Wirtschaftswachstum und damit auch die Inflation bremsen.
Erfahrungsgemäß brauchen Leitzinserhöhungen ein Jahr und länger, bis sie in der Realwirtschaft ankommen. Das bedeutet, dass sich bislang erst die Zinsschritte von März bis August 2022 auswirken. Die Erhöhungen danach haben die Wirtschaft noch gar nicht erreicht. Es ist also bislang nicht klar, ob die bisher erfolgten restriktiven Maßnahmen reichen, um die Inflation nachhaltig zu senken. Aufgrund dieser Unsicherheiten ist es sicherlich der richtige Schritt, die Forward Guidance nun wegzulassen. Dies erhöht die Glaubwürdigkeit der Notenbanken und senkt die Gefahr, sich später einmal widersprechen zu müssen.
Jenseits des Atlantiks sieht es immer mehr nach einem Soft Landing aus. Dennoch bedeutet dies eine Abkühlung der Wirtschaft und Stagnation des Wirtschaftswachstums über den Winter. Das gibt der Fed mehr Argumente für eine weniger restriktive Geldpolitik.
Es gibt noch weitere Gründe, die zumindest für eine längere Zinspause sprechen. Obwohl das Bankenbeben vom März bislang nicht weiter eskaliert ist, leiden amerikanische Kreditinstitute aktuell unter Abflüssen. Steigende Zinsen würden die Situation zusätzlich verschärfen. Außerdem möchten sich die amerikanischen Währungshüter nicht in den Wahlkampf einmischen. Mit steigenden Zinsen und einer stärkeren Belastung der Konjunktur wäre die Fed ein Steigbügelhalter für Donald Trump.
Schließlich dürften sinkende Teuerungsdaten in diesen Wochen die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten weiter dämpfen. Dadurch dürften künftige Lohnforderungen gemäßigter ausfallen und das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale sinken.
Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Höhepunkt bei den amerikanischen Leitzinsen erreicht sein dürfte, sollte die Aktienmärkte, und hier vor allem Wachstumstitel und IT-Werte, nach unten absichern.
Über den Autor: Steffen Kunkel ist als Chief Investment Strategist für die Investitionsstrategie der Bethmann Bank zuständig.
