Als Leopold Aschenbrenner am 24. Juli seinen Investorenbrief verschickte, lief der Ausverkauf bei KI-Aktien bereits in der dritten Woche und hatte die Kernpositionen seines Hedgefonds längst erfasst. Trotzdem las sich das Schreiben, aus dem die „Financial Times“ zitiert, streckenweise wie eine Erfolgsmeldung: 439 Prozent Nettorendite meldete der 24-jährige Deutsche für seinen Fonds „Situational Awareness LP“.
Die Zahl bezog sich allerdings auf das erste Halbjahr mit Stichtag 30. Juni. Für die laufenden Verluste fand er eine eigene Deutung: Der Fonds sei gegen die Schwankungen zwar nicht immun, der Rückgang biete aber eine der besten Kaufgelegenheiten seit Anfang 2025. Er bat seine Investoren um frisches Kapital. Sechs Tage später war das Portfolio verkauft, auf dem die Halbjahresrendite fußte. Freiwillig war der Schritt nicht.
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Wie zuerst der US-Sender „CNBC“ und das „Wall Street Journal“ berichteten, musste Situational Awareness LP Ende Juli sein gesamtes börsennotiertes Aktienportfolio abstoßen. Den Großteil übernahm Ken Griffins Hedgefonds-Riese Citadel per Blocktransaktion. Das verwaltete Vermögen fiel laut „Bloomberg“ von mehr als 20 Milliarden auf rund 10 Milliarden Dollar. Der Fonds selbst hat sich bislang nicht öffentlich geäußert.
Margin Calls beendeten den Lauf
Der Ausverkauf hatte Anfang Juli begonnen: Zweifel, ob sich die gewaltigen KI-Infrastruktur-Investitionen je rechnen, ein verschobener Ausbau der HBM-Speicherproduktion bei SK Hynix und neue Konkurrenz aus China drückten zuerst die Chipwerte, dann den gesamten Sektor. Bis Ende Juli vernichtete die Korrektur allein bei Halbleiteraktien mehr als eine Billion Dollar an Börsenwert, Speicherwerte rutschten in den Bärenmarkt.
Zum Verhängnis wurde dem Fonds die Kombination, die ihn zuvor groß gemacht hatte: konzentrierte Wetten auf genau diese KI-Infrastruktur, verstärkt durch einen Kredithebel, der Berichten zufolge beim Vierfachen des Eigenkapitals lag. Kernpositionen wie SK Hynix, Sandisk, Micron, Bloom Energy und Coreweave verloren binnen weniger Wochen zwischen 30 und 50 Prozent. Als der Wert der hinterlegten Sicherheiten unter die vereinbarten Schwellen rutschte, forderten die Prime Broker Goldman Sachs, J.P. Morgan und Bank of America Nachschüsse. Der Aufruf an die Investoren vom 24. Juli brachte laut „Bloomberg“ nicht genug Zusagen. Es folgte der Zwangsverkauf.
Kurz vor der Erholung verkauft
Das Timing könnte bitterer kaum sein: Noch am 30. Juli, dem Tag, an dem der Verkauf an Citadel bekannt wurde, drehten genau jene Aktien nach oben, die den Fonds zuvor in die Knie gezwungen hatten. Starke Quartalszahlen von Microsoft, dessen Cloud-Geschäft Azure um 43 Prozent wuchs, zerstreuten die Sorge, die großen Tech-Konzerne könnten ihre KI-Ausgaben drosseln. Sandisk sprang um 24 Prozent, Micron um 18 Prozent, SK Hynix legte erst 17 Prozent zu und am Freitag in Seoul noch einmal mehr als 20 Prozent.
Ob der Fonds von der Erholung noch etwas mitnahm oder Citadel sie erntete, hängt davon ab, wann genau die Blocktransaktion über die Bühne ging. Öffentlich bekannt ist das nicht.
Vom Essay zum 20-Milliarden-Fonds
Für die Fallhöhe sorgt die Vorgeschichte. Aschenbrenner, geboren in Deutschland, mit 19 Jahrgangsbester der Columbia University, arbeitete im Sicherheitsteam von OpenAI, bis ihn das Unternehmen im April 2024 entließ. Wenige Wochen später veröffentlichte er den 165-seitigen Essay „Situational Awareness“, der eine allgemeine künstliche Intelligenz bis 2027 für plausibel erklärte.
Ende 2024 gründete er den gleichnamigen Fonds. Zu den Geldgebern zählten die Stripe-Gründer Patrick und John Collison, die Tech-Investoren Nat Friedman und Daniel Gross sowie zuletzt das Handelshaus Jane Street. Aus rund 225 Millionen Dollar Startkapital wurden binnen anderthalb Jahren mehr als 20 Milliarden. Möglich machten das eine Rendite von mehr als 1.000 Prozent seit Auflegung und stetige Mittelzuflüsse.
Was vom Fonds übrig bleibt
Verkauft wurde nur das börsennotierte Buch. Die Privatbeteiligungen behält der Fonds, allen voran einen Anteil am KI-Unternehmen Anthropic, der laut „Financial Times“ rund 5 Milliarden Dollar wert ist. Eingestiegen war Aschenbrenner Anfang 2025 zu einer Bewertung von etwa 60 Milliarden Dollar. Zuletzt wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet, ein Börsengang wird Medienberichten zufolge für den Herbst erwartet.
Einen Bericht, wonach auch dieser Anteil zum Verkauf stehe, dementierte ein Sprecher gegenüber „CNBC“. Bis auf Weiteres ist Situational Awareness damit vor allem eines: eine Anthropic-Beteiligungsgesellschaft mit angeschlossenem Hedgefonds.
Das wahre Ausmaß zeigt sich erst im Herbst
Wie tief die Verluste tatsächlich gehen, ist bislang nicht beziffert. Mehr Klarheit dürften die kommenden Pflichtmeldungen an die US-Börsenaufsicht SEC bringen. Mitte August muss Situational Awareness sein 13F-Filing für das zweite Quartal einreichen. Es zeigt allerdings noch den Stand vom 30. Juni, als das Portfolio nahe seinem Höchststand notierte.
Erst das Filing für das dritte Quartal, fällig Mitte November, wird dokumentieren, was vom Aktienbuch des zuletzt mehr als 20 Milliarden Dollar schweren Fonds nach dem Zwangsverkauf übrig ist und ob Aschenbrenner mit frischem Kapital neu aufbaut oder sich auf seine Anthropic-Beteiligung zurückzieht.
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