Thematisches Investieren war ein großer Hype, zuletzt wurde es jedoch ruhiger. Im Interview verraten Tobias Merfeld und Philipp Graf von Königsmarck von LGIM, wann ein Thema zum ETF taugt, wie wichtig der First-Mover-Effekt ist und warum manche Themen-ETFs dahindümpeln, während andere durchstarten. 

DAS INVESTMENT: Das thematische Investieren ist der Nische entwachsen. Ende 2022 lag das Vermögen, das deutschlandweit in Themen-ETFs verwaltet wird, bei 170 Milliarden Euro. Das lockte viele Anbieter an, mittlerweile gibt es Hunderte Produkte. Braucht es wirklich so viele Themen-ETFs?

Tobias Merfeld: Es entstehen immer wieder neue Themen beziehungsweise sind manche Themen in einer Produktlösung (noch) nicht investierbar. 2022 haben wir beispielsweise einen Photonics-ETF aufgelegt. Das ist die Wissenschaft und Technologie des Lichts. Wir bündeln Unternehmen, die sich unter anderem mit Sensoren, Quantentechnologien und Lasern beschäftigen. Solch ein Thema gab es am Markt zuvor nicht. Photonics ist laut der Europäischen Kommission eine der 6 Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts.

Und diese Marktlücke wollten sie offenbar schließen.

Merfeld: Das ist unser Ansatz bei LGIM: Wir wollen Themen erkennen und dann, wenn wir es für sinnvoll erachten, auch als Produktlösung anbieten.

Wann und wie entscheiden Sie, ein Thema als eigenen ETF aufzulegen?

Merfeld: Zunächst einmal muss es eine relevante Menge an investierbaren Unternehmen aus dem Themenkosmos geben. 25 liquide Titel sollten es mindestens sein. Zudem arbeiten wir mit Themen-Experten zusammen. Das sind in der Regel Firmen oder Organisationen, die granulares aktives Research und themenspezifische Daten bieten. Im Fall von Photonics ist dies beispielsweise das European Photonics Industry Consortium. Weitere Kriterien sind die zu erwartende Marktgröße oder die Größe des Konsumentenmarkts. Das Wachstum der zugrundeliegenden Unternehmen spielt auch eine große Rolle. Über die nächsten 5 bis 10 Jahre sollte ein zweistelliges prozentuales Wachstum pro Jahr prognostiziert sein.

 

Manche Trends kommen sehr schnell. Nehmen wir etwa den Bereich Metaverse. Der Hype war groß, nun ist er abgekühlt. NFTs und Avatare sind nicht mehr so angesagt wie früher. Da kann der Research doch noch so gut sein, wirklich seriös abschätzen kann niemand, wie sich ein Bereich entwickelt, oder?  

Merfeld: Deshalb ist es wichtig, dass sich eine Produkt-Lösung gemeinsam mit dem Thema entwickelt. Denn auch die Unternehmen verändern sich fortwährend. Manche stellen innerhalb von zwei Jahren ihre kompletten Geschäftsmodelle um oder spalten Sparten ab. Das muss in einem Themen ETF berücksichtigt werden. Das Produkt darf nicht statisch sein, sondern soll sich dynamisch mit einem Thema mitentwickeln.

Man kann also nur auf Sicht fahren.

Merfeld: Die Entwicklung von einem Thema ist niemals linear, sie ist immer ein Auf und Ab. Wenn wir eine Strategie auflegen, sind wir langfristig immer von einem Thema überzeugt.

Philipp Graf von Königsmarck: Ich würde noch einmal auf Ihre Eingangsfrage zurückkommen, wozu es überhaupt Themen-ETFs braucht. Wir beobachten stärker denn je, dass eine Veränderung in den Unternehmensstrukturen stattfindet. Viele junge Unternehmen disruptieren die alten, bestehenden Geschäftsmodelle. Mit einem Themen-ETF kann man in jene Unternehmen investieren, die einen steileren Wachstumspfad aufweisen als der breite Markt. Insofern sehen wir diese Produktlösungen eher als Wachstumsbausteine einer Core-Satellite-Allokation.

Ein Thema zu erkennen ist das eine. Viel wichtiger ist doch, die Strategie gut umzusetzen und transparent zu sein.

Merfeld: Da stimme ich Ihnen zu. Auf zwei Produktnamen kann etwa „Cybersecurity“ draufstehen, die Portfolien können jedoch massive Unterschiede in der Gewichtung und/oder der Selektion von relevanten Unternehmen aufweisen. Da darf man jedoch nicht nur die Produktanbieter in die Pflicht nehmen. Auch die Anleger oder deren Berater müssen sich mit der jeweiligen Investment-Methodik vertraut machen.

Welche Bereiche sind denn in Deutschland besonders gefragt?

von Königsmarck: In Deutschland ist Batterietechnologie nach wie vor sehr beliebt, ebenso der Bereich Wasserstoff. Unser Cybersecurity-ETF ist ein Dauerläufer, der ist mittlerweile 2,4 Milliarden US-Dollar schwer.

Cybersecurity ist schon jetzt relevant. Für die Energiewende brauchen wir bessere Batterien. Und Wasserstoff gilt als wichtiges Zukunftsthema. Woher weiß der Kunde denn, in welches Thema er investieren soll?

von Königsmarck: Das hören wir auch immer wieder von Seiten der Berater. Die Vermögensverwalter entscheiden gerne selbst, welches Einzelthema sie wählen. Für die Berater und den breiten Markt haben wir einen Multi-Themen-ETF herausgebracht, der aktuell in rund 400 Aktien unserer einzelnen Themen-ETFs investiert. Dieser ist für Anleger gedacht, die nicht die Qual der Wahl haben wollen, sich zwischen einzelnen Zukunftsthemen entscheiden zu müssen und eine besondere Gewichtungsmethodik nutzen wollen.

Das heißt, dort findet sich ein wenig von allen Strategien?

Merfeld: Wir schauen uns hierbei verschiedene Parameter an. Zunächst einmal braucht jeder unserer Themen-ETFs einen Live Track Record von mindestens einem Jahr. Zudem quantifizieren wir die Korrelationen und Überlappungen zwischen den verschiedenen Themen. Denn wir wollen Konzentrationsrisiken vermeiden. Mit insgesamt 400 Titeln investieren Anleger also wirklich breit in verschiedene Wachstumsmärkte und decken dabei Themen wie Batterietechnologie, sauberes Wasser, Robotik, Künstliche Intelligenz oder Cyber Security ab. Die Überlappung mit traditionellen Aktien-Benchmarks ist dabei relativ gering. Sie beträgt aktuell rund 13 Prozent mit dem MSCI World Index (Stand September 2023).   

Mit 3,7 Millionen Euro ist der Multi-Themen-ETF bislang noch kein allzu großer Hit. Woran liegt’s?

von Königsmarck: Das Produkt wurde erst vor einem Jahr aufgelegt. Wir sind jedoch sehr zuversichtlich, dass wir das verwaltete Vermögen steigern können. Denn der ETF wird vom Beratersegment genutzt und in diesem Bereich benötigen die Zuflüsse eine längeren Zeitraum. Bislang haben wir kein Thema auf den Markt gebracht, das nicht funktioniert hat. In den zugrundeliegenden Themen-ETFs unseres Multi-Themen ETFs verwalten wir bereits mehr als 3 Milliarden US-Dollar.

Profitieren Sie eigentlich vom Boom der Neobroker? ETF-Sparpläne sind dort schließlich sehr beliebt.

von Königsmarck: Grundsätzlich profitieren wir von diesem Trend, denn die Neobroker verwenden überwiegend ETFs in ihren Strategien und Themen sind für Anleger besser verständlich. Hinzu kommt der Trend zu immer mehr Sparplänen: Anleger haben Medienangaben zufolge 2021 2,8 Millionen Sparpläne gezeichnet. Dieses Jahr waren es bis Juni 2023 schon 3,85 Millionen und 2025 sollen es 9 Millionen in Deutschland sein. Neobroker ermöglichen den Zugang zu ETF-Sparplänen einfach und schnell. Dadurch wird die Hürde zum Sparen für viele heruntergesetzt.

Tobias Merfeld ist ETF-Investementstratege von LGIM: „Die Überlappung mit traditionellen Aktien-Benchmarks ist relativ gering“
Tobias Merfeld ist ETF-Investementstratege von LGIM: „Die Überlappung mit traditionellen Aktien-Benchmarks ist relativ gering“ © Christoph Fröhlich

„Themen sind für Anleger besser verständlich“ - da sind wir schon beim Storytelling. Wie hebt man sich denn mit dem eigenen Produkt von Mitbewerbern ab, die auch Cybersecurity- oder Clean-Energy-ETFs anbieten?

Merfeld: Wir bieten eine sehr hohe Themen-Reinheit in den Produkten an, fokussieren uns also wirklich auf das jeweilige Thema und packen nicht die immer gleichen FAANG-Aktien dazu, um irgendwie Performance zu generieren. Zudem gibt es am Markt viele Produkte, die teilweise 60 oder 70 Prozent in den 10 größten Werten allokieren. Das finden wir schwierig, denn man partizipiert dann nicht notwendigerweise vom Thema als Ganzes, sondern holt sich unternehmensspezifische Risiken ins Portfolio. Wir versuchen solche Konzentrationsrisiken mit Hilfe eines Gleichgewichtungs-Ansatzes unter Berücksichtigung von Liquidität zu minimieren.

Wie wichtig ist es, der Erste zu sein, der ein Thema investierbar macht?

von Königsmarck: Natürlich spielt der First-Mover-Effekt bei den Kunden eine große Rolle. In vielen Bereichen waren wir Pioniere, ganz egal ob Wasserstoff, Batterietechnologie, E-Commerce oder Photonics. Auch bei Cybersecurity hat uns der frühe Start geholfen dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Doch noch einmal: Wir legen eine solche Strategie nur dann auf, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Es geht um Timing kombiniert mit sinnvoller Investment-Methodik. Uns ist egal, was die Konkurrenz macht.

Anzeige
Vielzahl von Börsen- und Marktdaten
Auf Kurs mit Anleihen
Wie Anleger von effizientem Portfoliomanagement bei Anleihen-Indexfonds profitieren
BlackRock zeigt: In komplexen Märkten machen strukturierte Prozesse den Unterschied bei der Performance.
Jetzt lesen
Anzeige
Vielzahl von Börsen- und Marktdaten
Auf Kurs mit Anleihen
Wie Anleger von effizientem Portfoliomanagement bei Anleihen-Indexfonds profitieren
BlackRock zeigt: In komplexen Märkten machen strukturierte Prozesse den Unterschied bei der Performance.
Jetzt lesen

Welches Thema halten Sie denn für unterschätzt, also für einen schlafenden Riesen?

Merfeld: Da würde ich Digital Payments nennen. Den ETF haben wir zu einem Zeitpunkt aufgelegt, als der gesamte Techbereich sehr stark gefallen ist. Das war im Rückspiegel betrachtet schlechtes Timing. Aktuell liegt das Fonds-Volumen bei 17 Millionen Euro. Dabei ist das aus unserer Perspektive nach wie vor ein spannender Wachstumsmarkt insbesondere vor dem Hintergrund von Open Banking und Digitalwährungen der Zentralbanken. Seit ich in London wohne, bezahle ich nichts mehr mit Bargeld. Denn es geht einfach schneller, flexibler und auch sicherer. In diesem Markt steckt Potenzial.

 

Der Markt ist aber auch wahnsinnig umkämpft. Man schaue sich nur einmal den Kurs der Paypal-Aktie an. Keine leichte Aufgabe für einen Portfoliomanager, oder?

Merfeld: Gemeinsam mit unserem Themen-Experten behalten wir den Markt genau im Blick. Dabei gehen wir in die Tiefe und analysieren etwa Nutzungsstatistiken, Einnahmen und Transaktionsvolumina im Digital-Payments-Bereich. Auch bei möglichen Spin-offs schauen wir sehr genau hin. Digitales Bezahlen ist ein Thema, das schon jetzt im Alltag angekommen ist. Und dennoch dümpelt der ETF bei 17 Millionen Euro. Der Wasserstoff-ETF dagegen liegt bei 435 Millionen Euro, dabei hat im Alltag kaum jemand mit dieser Technologie zu tun. Warum wird der eine Bereich ein Hit und der andere nicht?

Von Königsmarck: Beim Thema Wasserstoff war natürlich die politische Diskussion ein großer Treiber. Wir alle haben gemerkt, dass mehr getan werden muss, um dem Klimawandel zu begegnen. Es wurden riesige Budgets freigeschaufelt, die auch in Wasserstoff-Firmen geflossen sind und noch werden. Das hat die breite Bevölkerung mitbekommen. Digitales Bezahlen ist ein Thema, das für viele eher automatisch  läuft und nicht so stark in den Medien diskutiert wird.

Studien zeigen immer wieder, dass nur wenige Themen-Strategien in puncto Performance den MSCI World schlagen. Ärgert Sie das?

Merfeld: Zunächst einmal: Die themenspezifischen Portfolien, die wir bereitstellen, haben eine sehr geringe Überlappung mit traditionellen Aktien Benchmark-Indizes wie MSCI World oder Nasdaq 100. Sie sollen eine Beimischung sein und Diversifikation liefern. Dementsprechend müsste man immer auf die risikoadjustierte Wertentwicklung schauen und nicht nur auf die reine Wertentwicklung gegenüber dem MSCI World. Denn der wird auch getrieben von einer hohen Gewichtung einiger weniger Player. Konzerne wie Apple leisten dort einen enormen Beitrag zur Gesamtperformance. Aber auch das ist nicht ohne Risiko. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob man sich nicht zumindest zu einem Teil breiter aufstellen und in Themen investieren möchte, die im MSCI World kaum repräsentiert sind.

Über die Interviewten:

Tobias Merfeld ist Senior ETF-Investementstratege bei LGIM

Philipp Graf von Königsmarck ist Vertriebsleiter Wholesale in Nordeuropa bei LGIM.