Hochspannungsleitungen vor einem Windrad. Lieferengpässe und Unsicherheit am Markt könnten den Umstieg zu erneuerbaren Energien verzögern. | © imago images / Jochen Tack Foto: imago images / Jochen Tack

Lieferengpässe und Wirtschaftsflaute

Corona-Krise gefährdet Energiewende

Mark Lacey, Fondsmanager des Schroder ISF Energy Transition

Die weltweite Ausbreitung von Covid-19 hat die Wirtschaft und unser Alltagsleben dramatisch verändert. Eine der wenigen erfreulichen Folgen ist jedoch, dass die Luftverschmutzung aufgrund der geringeren Wirtschaftstätigkeit in vielen Regionen nachgelassen hat. Doch dies ist nur eine kurzfristige Auswirkung – und für die Energiewende stellt die Krise ein großes Risiko dar.

Gleichzeitig hat der heftige Ausverkauf am Aktienmarkt im Februar und März Chancen bei jenen Aktien eröffnet, deren Bewertungen zuvor überzogen waren. Daran, dass sich Investments in die Energiewende weiterhin langfristig lohnen, hegen wir keinen Zweifel: Wenn die Welt den Temperaturanstieg auf unter 2 °C beschränken möchte, so wie dies im Pariser Klimaabkommen 2015 festgelegt wurde, kommt der Energiewende eine entscheidende Rolle zu. Hierbei handelt es sich um eine langfristige Anlagemöglichkeit, die das gesamte Energiesystem in den kommenden 30 Jahren und darüber hinaus grundlegend verändern wird.

Pandemie schafft Risiken für Energiewende

Doch welche Risiken schafft die Pandemie für Aktien, die von der Energiewende profitieren? Die betreffenden Unternehmen sind mit drei Hauptrisiken konfrontiert: Der gesunkenen Nachfrage der Verbraucher, Schwierigkeiten entlang der Lieferkette und den Folgen von Unsicherheit und Reisebeschränkungen.

1. Der Wirtschaftsabschwung wird die Nachfrage der Verbraucher dämpfen.

Trotz aller Ungewissheiten um die weitere Entwicklung der Infektionskurven und die zukünftigen politischen Gegenmaßnahmen ist eines klar: Das Wirtschaftswachstum wird sich – zumindest kurzfristig – stark abschwächen. Das dürfte negative Auswirkungen auf die Nachfrage in wichtigen Endmärkten haben. Dazu gehört die Nachfrage nach Elektrogeräten, Elektrofahrzeugen und Energietechnik für Wohngebäude. Darunter werden kurzfristig zweifellos jene Unternehmen leiden, die auf den Märkten für Elektroausrüstung und Batterien aktiv sind.

2. Risiken rund um Lieferketten und Logistik

Das zweite Hauptrisiko betrifft die Lieferketten und die logistischen Risiken, denen Unternehmen aus den unterschiedlichen Teilsektoren der Energiewende ausgesetzt sind. China beherrscht die weltweiten Lieferketten und nimmt insbesondere bei der Produktion von Solaranlagen und Lithium-Ionen-Batterien eine Vormachtstellung ein. Da die Regierung die Bewegungsfreiheit im Land eingeschränkt hat, konnte die Produktion in chinesischen Fabriken nach dem chinesischen Neujahr nur in begrenztem Umfang wieder hochgefahren werden. In vielen anderen Ländern wurde die Produktion ebenso stillgelegt.

Gleichzeitig wurden auch die globalen Transportnetze eingeschränkt. Die logistischen Schwierigkeiten aufgrund der Lockdowns haben also nicht nur zu einem geringeren Produktionsvolumen in den Fabriken geführt. Viele Werke bekommen auch keine Rohstoffe und Bauteile geliefert.

Wir sind der Ansicht, dass Entwickler im Bereich der erneuerbaren Energien am stärksten von der Unterbrechung der Lieferketten betroffen sein könnten. Denn wenn keine Geräte geliefert werden, könnte dies den Bau von Anlagen weltweit verzögern. Es könnte auch dazu führen, dass die Preise von Bauteilen steigen – ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Rentabilität von Projekten geht.

Dieses Risiko hat sich bereits bemerkbar gemacht. Das volle Ausmaß etwaiger Auswirkungen wird jedoch davon abhängen, wie hoch die Produktionsausfälle aufgrund des Virus sein werden und ob sie sich in den nächsten Monaten fortsetzen. Hinzu kommt, dass wir die Effekte erst verzögert sehen. So dürften beispielsweise viele Projektentwickler, insbesondere in den USA, bereits Lieferungen erhalten haben, die für ihre Bauprojekte im laufenden Jahr bestimmt sind.

3. Folgen von Unsicherheit und Reisebeschränkungen

Das dritte Risiko steht im Zusammenhang mit der weltweit gestiegenen Unsicherheit und den Reisebeschränkungen, die dazu führen könnten, dass neue Projekte für erneuerbare Energien verzögert oder verschoben werden. 2020 sollte ein Rekordjahr für weltweite Windkraft- und Solaranlagen werden – und neue Module aus China waren für dieses Szenario von zentraler Bedeutung. Aufgrund der Reisebeschränkungen und der Schwierigkeiten bei der Sicherung von Investitionen für Bauprojekte ist es jedoch wahrscheinlich, dass sich Projekte verzögern. Auch hier hängt das volle Ausmaß etwaiger Auswirkungen davon ab, welche politischen Gegenmaßnahmen weltweit ergriffen werden.

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