Eine Lohn-Preis-Spirale ist rein mit Blick auf die Kostenseite der Unternehmen deshalb zwar auch bei kräftigen Lohnanstiegen wenig wahrscheinlich. Allerdings kann sich der Disinflationsprozess spürbar verlangsamen und die Herausforderungen an die Geldpolitik vergrößern.
Makroökonomisch noch problematischer kann die Entwicklung vor allem dann werden, wenn die Lohnsteigerungen deutlich über der Inflationsrate liegen, also auch die Reallöhne kräftig steigen und damit Kaufkraft und Nachfrage weiter anschieben (Nachfrageinflation). Vor allem ein Anstieg der Reallöhne oberhalb des Produktivitätsfortschritts ist dann ein Risiko. Soweit die Theorie.
Ein Blick auf historische Phasen von Lohn- und Preisanstiegen zeigt, dass eine solche Entwicklung vor allem dann wahrscheinlicher wird, wenn:
- Der zugrunde liegende Inflationsschock aus dem Arbeitsmarkt selbst kommt, dieser also besonders eng ist,
- Arbeitnehmer zu einem hohen Grad organisiert sind und Lohnsteigerungen insbesondere im verarbeitenden Gewerbe auftreten
- politische Maßnahmen den Lohndruck von unten erhöhen (zum Beispiel über eine Anhebung des Mindestlohns),
- Haushalte und Unternehmen ihre Inflationserwartungen vor allem adaptiv mit Blick auf die Vergangenheit bilden und diese deshalb weniger stark verankert sind und
- Unternehmen eine starke Preissetzungsmacht haben
In diesen Fällen gelingt es Notenbanken häufig nicht, die Inflationserwartungen und damit die Preisdynamik kurzfristig wieder in den Griff zu bekommen. Einige dieser Voraussetzungen sind aktuell erfüllt. Zwar kann der initiale Preisschub in Europa vor allem den globalen Angebots- und Lieferengpässen sowie einem kräftigen Anstieg der Energiepreise zugeschrieben werden. Allerdings hat eine hohe Auslastung am Arbeitsmarkt diese Dynamik deutlich beschleunigt und strukturelle Faktoren sprechen für eine anhaltende Knappheit an Arbeitskräften.
Unternehmen haben Preismacht
Zudem dürften gerade in Deutschland die Inflationserwartungen noch einige Zeit ungewöhnlich stark von den bis zuletzt sehr hohen Inflationsraten beeinflusst sein. Und angesichts der Finanzpolster der Konsumenten aus der Covid-Pandemie haben die Unternehmen in vielen Bereichen auch eine relativ hohe Preissetzungsmacht.
Zwar erhöhen Lohnsteigerungen im öffentlichen Dienst nicht unmittelbar die Produktionskosten in der Privatwirtschaft. Gerade in Kombination mit der deutlichen Anhebung des Mindestlohns können sie über den Arbeitsmarkt aber starke Signalwirkung für andere Wirtschaftsbereiche haben. Das Potenzial für Zweitrundeneffekte ist also erheblich. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass sich Tarifparteien in allen Bereichen der Wirtschaft dieser Zusammenhänge bewusst sind.