Halbwegs erholt, aber alles andere als rund: So lässt sich die Lage der Luxusgüterbranche im zweiten Quartal 2026 zusammenfassen. Nach einem merklichen Kursanstieg seit Jahresbeginn haben sich die Aktien großer Modehäuser wieder ihrem fairen Wert angenähert. Doch der Weg dorthin verlief höchst unterschiedlich – je nachdem, wo ein Unternehmen seine Kunden findet.

Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Luxury Industry Pulse von Morningstar. Jelena Sokolova, Senior Equity Analystin für Konsumgüter bei dem Analysehaus, und ihre Kollegin Fabienne Pfeiffer haben die Geschäftszahlen der wichtigsten Branchengrößen ausgewertet – von LVMH über Richemont bis Prada.

Gesamtmarkt sendet vorsichtiges Signal der Stabilisierung

Die Einschätzung von Morningstar fügt sich in ein größeres Bild ein. Weltweit erreichten die Ausgaben für Luxusgüter 2025 insgesamt 1,443 Billionen Euro und befinden sich 2026 auf einem Pfad der schrittweisen Stabilisierung, wie die Unternehmensberatung Bain gemeinsam mit dem italienischen Branchenverband Altagamma in der jüngsten Aktualisierung ihrer Marktstudie vom Juni 2026 feststellt. Für das Segment der persönlichen Luxusgüter im engeren Sinne rechnen die Studienautoren mit einem Wachstum von 2 bis 4 Prozent auf 365 bis 373 Milliarden Euro – nach einem schwachen ersten Quartal.

Der Markt stabilisiere sich, es sei aber keine Rückkehr zum alten Rhythmus, sondern die Entstehung eines neuen, sagt Claudia D'Arpizio, Senior Partnerin bei Bain & Company und Studienleiterin. „Die Kunden wenden sich nicht von Luxus ab, sondern bauen eine neue Beziehung dazu auf – eine, die nicht mehr allein über das Produkt, sondern über Bedeutung definiert werde.“

Ausbleibende Reisende bremsen Europa 

Auch Bain bestätigt damit im Kern die Beobachtung von Morningstar: Europa bleibt vorerst das schwache Glied im Markt. Ein wesentlicher Grund dafür sind ausbleibende Reisende, die in den europäischen Luxusboutiquen traditionell einen erheblichen Teil des Umsatzes ausmachen, wie die Bain-Analysten feststellen. Die internationalen Touristenausgaben in Europa fielen im Februar um rund 20 Prozent, wobei der Rückgang bei Besuchern aus dem Nahen Osten infolge des regionalen Konflikts besonders stark ausfiel. Parallel schrumpfte Anfang 2026 auch die Zahl der Luxuskonsumenten aus der Golfregion selbst um 15 bis 25 Prozent.

Immerhin gibt es erste Anzeichen der Besserung: Daten zu Steuerrückerstattungen beim Einkauf – ein gängiger Indikator für Touristenausgaben – zeigen im Mai eine beschleunigte Kauflaune amerikanischer, chinesischer und nahöstlicher Besucher im Vergleich zum April. Das nährt die Hoffnung, dass sowohl Europa als auch die Golfregion im Verlauf des zweiten Quartals eine Wende schaffen.

Vom Unterbewertet zum Fair bewertet

Zu Jahresbeginn 2026 galten Luxusaktien noch überwiegend als unterbewertet. Das hat sich geändert: Die Aktienkurse haben sich nach der Kursrally weitgehend den Schätzungen zum fairen Wert angenähert, wobei die Erholung eine klare Kluft geschaffen hat, wie Morningstar feststellt.

Der Kaschmirspezialist Cucinelli etwa wuchs im ersten Quartal währungsbereinigt um 14 Prozent und notiert nun mit einem Kurs-Fair-Value-Verhältnis von 1,19 über der Einschätzung des Analysehauses. Auch der Modekonzern Ferragamo überzeugte mit einem auf minus 1 Prozent verringerten Umsatzrückgang und wird inzwischen mit einem Verhältnis von 1,66 gehandelt – der höchsten Überbewertung im gesamten Coverage-Feld. Bei den traditionellen Schwergewichten lief es umgekehrt: Die Aktie des Lederwarenspezialisten Hermès verlor im vergangenen Jahr rund 33 Prozent an Wert, der Luxusgüterkonzern LVMH notiert mit einem Verhältnis von 0,79 klar unter seinem fairen Wert.

Unterm Strich beschreiben die Analystinnen die Lage als ausgewogen: Der Sektor ist gleichmäßig aufgeteilt. Etwa die Hälfte der von Morningstar abgedeckten Werte notiert auf oder über dem fairen Wert, während die andere Hälfte weiterhin Aufwärtspotenzial bietet.

Kurs-Fair-Value-Verhältnis von 14 Luxusaktien der Morningstar-Analyse, Stand Juli 2026, als Balkendiagramm
Bildquelle: Morningstar, eigene Darstellung (Stand: Juli 2026)

USA zieht, China lahmt, Naher Osten bremst

Auch Morningstar wirft einen Blick auf die Weltregionen – über Europa und den Nahen Osten hinaus – und zeigt, dass die Nachfrage nach Luxusgütern noch weiter auseinanderdriftet. In den USA befeuert der Boom der Künstlichen Intelligenz die Aktienmärkte und damit auch die Ausgaben wohlhabender Verbraucher, während der Konsum in China angesichts der anhaltenden Schwäche der Immobilienwerte gedämpft bleibt.

Noch konkreter wird es bei den regionalen Zahlen: Im ersten Quartal 2026 hielt die Dynamik in Amerika an, das sich als wachstumsstärkste Region behauptete. Asien ohne Japan wuchs bereits das zweite Quartal in Folge – das erste Mal seit Anfang 2024. In Europa dagegen macht sich die anhaltende Nahost-Schwäche bemerkbar, wie bereits Bain feststellte: Sie kostete die Luxusmarken im Quartal zwischen 1 und 1,5 Prozentpunkte Wachstum.

Wie stark der Konflikt im Nahen Osten den Reiseverkehr trifft, zeigen die Flugdaten: Die gesamten Passagierkilometer gingen im April im Jahresvergleich um etwa 3 Prozent zurück, getrieben von schwächerer internationaler Reisenachfrage. Der Nahe Osten war die größte Belastung für die Entwicklung, mit einem Rückgang des Verkehrsaufkommens um etwa 47 Prozent. Ein dauerhafter Schaden zeichnet sich aber nicht ab: Der Reiseverkehr dürfte sich normalisieren, sobald der Konflikt gelöst ist.

Fixkosten drücken weiter auf die Marge

Auch operativ bleibt die Lage angespannt, wie aus dem Morningstar-Report hervorgeht. Die Luxusbranche hat einen hohen Anteil an Fixkosten – Vertriebskosten wie Miete und Personalaufwand lassen sich kaum kurzfristig anpassen. Hinzu kommt, dass manche Marken stärker in Marketing investieren müssen, um ihre Attraktivität zu steigern. Beides setzte die Margen 2024 unter Druck, während die Umsätze nur leicht stiegen oder rückläufig waren. 2025 half Kostenkontrolle, die Margen zu stabilisieren, diese liegen jedoch weiterhin deutlich unter historischen Werten.

Zusätzlichen Gegenwind spüren Schmuckhersteller durch die Edelmetallpreise: Die jüngsten Rallyes bei Gold- und Silberpreisen belasten unter anderem die Margen von Richemont und LVMHs Tiffany. Besonders betroffen ist laut Analystinnen Pandora: Der dänische Konzern gilt wegen seiner Mittelpreis-Positionierung als am stärksten gefährdet, da diese die Preissetzungsmacht begrenzt. Kürzlich kündigte der Schmuckhersteller jedoch an, Platin-Beschichtungen als Alternative zu Silber einzuführen, um die Abhängigkeit von dem Edelmetall zu reduzieren.

Diese Werte sieht Morningstar im Vorteil

Trotz der insgesamt fairen Bewertung der Branche sehen die Autorinnen des Morningstar-Reports weiterhin Einzelchancen. Zu ihren Favoriten zählen LVMH, Kering, Prada und Capri Holdings.

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Bei LVMH verweisen die Analystinnen auf die Stärke der Kernmarke: Der Konzern ist die größte Luxusgruppe mit einer der stärksten Marken im Bereich Mode und Lederwaren, nämlich Louis Vuitton. Deren breiter Burggraben stützt sich auf Skaleneffekte, außergewöhnliche Markenbekanntheit, Preissetzungsmacht und vollständige Vertriebskontrolle. Die aktuelle Bewertung sei attraktiv, insbesondere angesichts kurzfristiger geopolitischer Risiken und des aktuellen Branchenabschwungs, den sie als zyklisch einstufen.

Kering notiert nach Einschätzung der Analystinnen nahe einem Tiefpunkt: Das drittgrößte Luxusunternehmen nach Umsatz, zu dem neben Gucci auch Bottega Veneta und Saint Laurent gehören, handelt zum 37-Fachen des Gewinns. Dieses Niveau spiegelt einen dreifachen Schlag wider: Branchenabschwung, geringe Markendynamik bei Gucci und erhöhte Investitionen, um die Marke neu zu beleben. Dennoch bleibe Potenzial: Gucci dürfte dank starker Markenbekanntheit, erheblicher Marketingressourcen und einer Vertriebskontrolle von über 90 Prozent langfristig in der Lage sein, seine Preissetzungsmacht und Begehrlichkeit zurückzugewinnen.

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Bei Prada lobt Morningstar die Bewertung, warnt aber vor Risiken: Die Aktie des Modehauses, dessen Burggraben als eng gilt, wird zu niedrigen Multiplikatoren im niedrigen zweistelligen Bereich gehandelt. Das erscheint attraktiv, zumal Prada zuletzt stärkere Ergebnisse zeigte als die meisten Luxuskonkurrenten. Ein Risiko bleibt die Abhängigkeit von einer einzelnen Marke: Die jüngste Performance wurde zu einem großen Teil von der starken Anziehungskraft der Marke Miu Miu getragen, die möglicherweise nicht von Dauer ist. Zur umstrittenen Versace-Übernahme heißt es: Obwohl der Markt sie kritisch sieht, könnte Prada mit seiner Management-Expertise im Luxussegment daraus einen Erfolg machen.

Capri Holdings schließlich gilt als besonders unterbewertet: Die Aktie notiert deutlich unter der Fair-Value-Schätzung von 45,50 US-Dollar. Der Eigentümer von Michael Kors und Jimmy Choo erfindet sich nach der gescheiterten Übernahme durch Tapestry und dem Verkauf von Versace an Prada für 1,375 Milliarden US-Dollar neu. Das Unternehmen hat inzwischen nahezu seine gesamten Schulden getilgt und Aktienrückkäufe wieder aufgenommen.

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Ob sich der Optimismus der vier Favoriten durchsetzt, hängt am Ende von genau den Fragen ab, die den Sektor seit Monaten umtreiben: Wie schnell erholt sich der Tourismus aus dem Nahen Osten, wann springt die chinesische Nachfrage wieder an und wie lange trägt der amerikanische Konsum die Branche allein? Bis diese Fragen beantwortet sind, dürfte die Luxusbranche weiter zwischen Glanz und Krisenherd schwanken.