Es war eine Idee, die Malte Dreher auf Anhieb begeisterte – und die ihn gleichzeitig ärgerte. Nicht wegen der Idee selbst, sondern weil er sie sich selbst hätte früher denken können. „Ich habe mich richtig gefreut, weil ich dachte: Was für eine geile Idee. Und ich habe mich gleichzeitig geärgert, weil ich das nicht selbst mit dieser Selbstverständlichkeit entdeckt habe.“ So beschreibt der DAS-INVESTMENT-Herausgeber Malte Dreher seinen ersten Reflex, als Kollege Christoph Fröhlich mit dem Vorschlag ankam, eine komplette Ausgabe dem Thema Frauen in der Finanzbranche zu widmen.

Das Ergebnis ist das Female Special von DAS INVESTMENT – ein Heft, das nicht nur durch seinen Inhalt auffällt, sondern auch durch das, was fehlt: Krawatten. Genauer gesagt: Christoph zählte beim Erscheinen weniger als eine Handvoll davon. „So wenig hatten wir noch nie“, sagt er mit merklichem Vergnügen im Podcast „For Professional Investors Only“.

In der aktuellen Podcast-Episode blicken wir in den Maschinenraum hinter diesem Heft. Zu Gast sind diesmal Birte Penshorn und Christin Jahns, die beide maßgeblich an Konzeption, Produktion und redaktioneller Umsetzung beteiligt waren – und die sehr offen darüber sprechen, was an dieser Ausgabe anders war als an allen anderen.

Die Grundsatzfrage: Wer steht warum vorne?

Bevor die erste Zeile geschrieben wurde, musste eine Frage geklärt werden, die eigentlich keine sein sollte, es aber ist: Warum stellen wir Frauen vor? Und wie tun wir das, ohne es plakativ oder aktivistisch wirken zu lassen?

Christin, die selbst mehrere Texte für das Heft verfasst hat, erinnert sich an die interne Diskussion: „Uns war sehr wichtig, dass möglichst viele Frauen abgebildet werden – aber nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie gute Geschichten haben.“ Das Ziel: Geschichten zu erzählen, die man genauso mit männlichen Protagonisten hätte erzählen können – nur dass man sich diesmal eben bewusst für Frauen entschieden hat.

Ein konkretes Beispiel dafür liefert Christoph selbst: Er porträtierte Gabriele Kroll, Vorständin der Sparkasse Dortmund, die dort seit 1985 durch dieselbe Tür geht. „Währungsumstellung, Euro, Dotcom-Crash, Finanzkrise, KI – die hat das alles miterlebt und seitdem so viele Headhunter-Anrufe weggedrückt. Das ist eine Geschichte, die man eins zu eins genauso erzählen würde, wenn das Olaf Müller wäre.“ Es geht um die Leistung, nicht das Geschlecht.

Und doch: Es gab eine Protagonistin, die zunächst ablehnte. Nicht weil sie sich nicht für geeignet hielt, sondern weil sie nicht als Frau nach vorne gestellt werden wollte, sondern für ihre Arbeit. Eine Reaktion, die das Kerndilemma des ganzen Projekts auf den Punkt bringt: Sichtbarkeit schaffen, ohne zu reduzieren.

Viele Frauen, viele Stimmen – und eine Morningstar-Liste

Birte hat für ihre Fondsmanagerinnen-Geschichte eine pragmatische Methode gewählt: Sie ließ sich von Morningstar eine Liste jener Frauen erstellen, die seit mindestens zehn Jahren einen Fonds managen oder beraten. Das Ergebnis überraschte. „Ich bin da einfach durchgegangen und bin auf viele spannende Frauen gestoßen, die ich vorher gar nicht kannte. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“

Einer ihrer persönlichen Höhepunkte war das Gespräch mit Franziska Geusen, einer Firmen-Nachfolgerin. Zunächst antwortete Geusen zögerlich, bat um Bedenkzeit – und schrieb eine halbe Stunde später einen langen, persönlich gehaltenen Text voller Reflexionen. „Da merkt man, wenn man Leute mal nach ihrem persönlicheren Hintergrund fragt, wie viel dabei rauskommt.“ Das, so Christin, sei genau der Moment gewesen, auf den man als Journalistin hofft.

Besonders bewegend: Geusen teilte dem Magazin mit, das Heft aufheben zu wollen – für ihre zweieinhalb Jahre alte Tochter. Damit sie es später einmal sieht. 

15 Cover-Entwürfe und die Frage der Komposition

Wer glaubt, ein Titelbild ist schnell entschieden, sollte sich mal in einer Redaktion umsehen. Das Female Special hatte gefühlt 15 Entwürfe, von denen allein für den finalen Stil nochmal rund acht Varianten durchgespielt wurden. Birte, die eng in den Prozess eingebunden war, erinnert sich mit einer Mischung aus Erschöpfung und Respekt: „Ich hatte gedacht, man kommt da schnell auf einen Nenner. Aber wenn zehn Leute draufschauen, gibt es 20 Meinungen.“

Eine inhaltliche Grundentscheidung war dabei eindeutig: keine KI-generierten Gesichter, keine Stockfoto-Frauen. Das Heft handelt von echten Frauen aus der Branche – also sollte man sie auch sehen. Am Ende entschieden sich die Macher sogar dafür, Personen auf das Cover zu setzen, obwohl DAS INVESTMENT sonst eher Symbolbilder wählt. Ein bewusstes Statement: Sichtbarkeit beginnt auf Seite eins.

Die Produktionsperspektive: Wenn Ressorts nicht mehr passen

Neben dem inhaltlichen Anspruch brachte das Heft auch strukturelle Herausforderungen mit sich. DAS INVESTMENT ist normalerweise in die Bereiche Asset Management, Versicherungen und Finanzberatung aufgeteilt. Beim Female Special ließ sich dieser Rahmen kaum aufrechterhalten.

„Die Schnittmengen zwischen den Geschichten waren viel größer als sonst“, erklärt Birte. „Deswegen haben wir diese Einteilung einfach mal weggelassen." Stattdessen wurde bewusst auf Abwechslung in Länge und Format geachtet: Porträts, fachliche Analysen, Meinungsstücke – durchmischt, damit das Blättern nicht zur Wiederholung wird.

Das Ergebnis: mehr PDFs als je zuvor in einer Abnahmerunde, viele kleinere Geschichten, eine kleinteilige Dramaturgie.

Vorbilder, die niemand Vorbilder nennen wollte

Nach Erscheinen kam viel zurück. Und fast alles davon positiv. Was dabei auffiel: Das Wort, das am häufigsten in den Rückmeldungen auftauchte – gerade auf Linkedin –, war eines, das in der Redaktion zuvor diskutiert worden war. „Vorbild.“

Interessant: Ausgerechnet dieses Wort hatte die Redaktion intern zunächst als zu groß empfunden. „Vorbild ist ein sehr hohes Wort“, sagt Christoph. Und doch benutzten es die Leserinnen und Leser von sich aus, immer wieder. Christin interpretiert das im Nachhinein: „Vielleicht muss man das Ganze gar nicht so groß machen. Es geht eher um Sichtbarkeit. Wenn man mehr Frauen sieht – oder mehr diverse Personen –, dann kommt die Branche vielleicht auch als Arbeitgeber für mehr Leute in Frage.“

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Ihre Schwester, eigentlich keine Leserin von DAS INVESTMENT, bekam das Heft in die Hand gedrückt. Und war begeistert – vor allem von den Farben auf dem Titel. Eine kleine, aber bezeichnende Beobachtung: Zugänglichkeit funktioniert manchmal auch über Ästhetik.

Die Veränderung in der Finanzbranche ist real – auch wenn sie langsam kommt. Christin beschreibt es mit einem persönlichen Bild: „Auf den ersten Kongressen hatte ich immer einen fliederfarbenen Blazer an. Ich hatte das Gefühl, mich kannte danach jeder. Und dieses Jahr sehe ich auf Kongressen schon deutlich mehr bunte Kleidung." Eine Beobachtung, die aus einer anderen Richtung kommt, aber dasselbe beschreibt: Die Monokultur bricht auf.

Christoph ergänzt aus seiner eigenen Erfahrung: „Wenn heute fünf, sechs Typen auf einem Panel sitzen und keine Frau, wirkt das befremdlich. Das war früher völlig normal und hat auch keiner in Frage gestellt.“

Was als Nächstes kommen soll

Am Ende des Gesprächs denken die Kollegen und Kolleginnen bereits weiter. Was würden sie beim nächsten Sonderheft dieser Art anders machen? Die Antwort ist eindeutig: Diversität noch weiter fassen. Nicht nur Frauen, sondern Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Herkünften, Altersgruppen. Weniger bekannte Gesichter, mehr zweite Reihe.

Christoph hat dafür schon eine konkrete Idee: eine regelmäßige Rubrik „Young Talents" – offen für alle Geschlechter, aber mit dem Anspruch, jene vorzustellen, die gerade still und gut ihren Job machen, ohne schon auf dem nächsten Kongresspanel zu sitzen. Portfoliomanagement, Risikoanalyse, Marketing, egal – Hauptsache echter Einblick in die Vielfalt der Branche.

„Man sieht dann, dass die Branche eben nicht nur das Klischee ist: ältere Herren in dunklen Anzügen“, sagt Christin. Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Heftes – nicht laut verkündet, sondern einfach gezeigt