„Ja, ohne Wenn und Aber. Wir leben in Zeiten, in denen Sicherheit nichts ist, was verhandelbar sein sollte. Sie muss gewährleistet werden durch den Staat.“ Bei der Frage, ob er die Wiedereinführung der Wehrpflicht begrüßen würde, antwortet Moritz Heilfort so, wie er fast immer antwortet – bestimmt, klar, schnörkellos. Seine Sprache ähnelt vermutlich der seiner Kunden, die, so Heilfort, kein Geschwätz mögen.

Einst gehört er selbst zur Bundeswehr, bis er 2018 Uniform gegen Business-Garderobe tauscht und Makler mit der Zielgruppe Bundeswehrangehörige wird. 16 Jahre ist der heute 43-Jährige selbst Teil der Truppe, zuletzt am Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover. Er ist live dabei, als die Bundeswehr 2011 von der Wehrpflicht- auf Freiwilligenarmee umgestellt wird. Als Personaler beobachtet er, wie Strukturen abgeschafft werden, die heute laut der Politik für die Verteidigungsfähigkeit des Landes so dringend fehlen.

In der Gegenwart gehört Heilfort zur sogenannten beorderten Reserve – jene Soldaten, die sich freiwillig für den Reservedienst melden, einen Spiegeldienstposten haben und im Ernstfall als Erste geholt würden. Als Reservist trägt er beim Zusammentreffen an einem sonnigen Wintertag in Wunstorf seine mit auffallend vielen Abzeichen versehene Ausgehuniform.

Loyaler Kritiker der Truppe

Heilfort fühlt sich der Truppe verbunden, seiner Vergangenheit und seiner Kunden wegen. Ein Kritiker der Bundeswehr ist er dennoch. „Die Reserve wird von der aktiven Truppe nicht wirklich als Bestandteil der Armee wahrgenommen“, sagt der Mann, der in Parchim geboren wurde und in Sachsen aufwuchs. Die Reservisten würden als „Schlaumeier wahrgenommen, die mal auftauchen, wenn sie Bock haben, in ihrer Fantasieuniform, teilweise auch schwer übergewichtig“.

Ein wesentliches Problem für ihn dabei ist, dass Wehrübungen stets freiwillig sind. Die einmal erworbenen Fähigkeiten für den aktiven Dienst gingen so im Lauf der Zeit verloren. Das liege auch daran, dass die Verantwortung für die Reservisten nicht bei der Bundeswehr selbst, sondern bei einem Verein liegt: dem Verband der Reservisten, staatlich subventioniert mit 17 Millionen Euro pro Jahr. Ein bürokratisches System, geprägt von „Funktionsträgern- und Funktionärsdenken“, wie Heilfort sagt. Für junge Soldaten zwischen 20 und 40, die frisch aus der Bundeswehr ausscheiden, wirke das nicht besonders anziehend. 

Hinzu komme, dass die Bundeswehr pro Jahr zwischen 15.000 und 20.000 Zeitsoldaten verlassen – gut ausgebildet, hoch qualifiziert. Die Truppe habe sich aber nie Gedanken darüber gemacht, wie man Menschen freiwillig dazu kriegt, ihre Fähigkeiten aufrechtzuerhalten, so sein Vorwurf.

Letzte Ausfahrt Bundewehr

Heilfort selbst ist ein Paradebeispiel dafür, was die Bundeswehr an Fähigkeitenerwerb ermöglicht. Mit 22 Jahren scheinen seine Perspektiven schwierig. Das Abitur hat er nicht geschafft. Schon damals gilt die Bundeswehr als Auffangbecken für junge Menschen, die anderweitig nicht unterkommen.

Der junge Moritz Heilfort war Zeitsoldat, @ privat 

Heilfort fährt zum Karriere-Center nach Berlin, damals noch Zentrum für Nachwuchsgewinnung genannt. Er wird gerade so genommen im niedrigsten Mannschaftsdienstgrad, ohne Aussicht erst mal auf irgendwas. Von Chemnitz geht es ins weite entfernte Ulm.

Bei der Bundeswehr lernt Heilfort Struktur und Menschenführung. Besonders sein Spieß in der Grundausbildung prägt ihn. „Der hat immer an seinen Jungs geglaubt, völlig egal, was für einen Mist man gebaut hat. Der hat nach außen sich erst mal vor einen gestellt und verteidigt, und dann hat er sich zu einem herumgedreht und ihn zur Sau gemacht. Aber das war in Ordnung, das war die richtige Reihenfolge.“

Mit 25 Jahren beginnt er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Spät im Vergleich zu anderen. Aber als er zurückkommt in seine Einheit, ist er Unteroffizier. Die Grundausbildungseinheit hat drei Züge, 150 Leute, die alle drei Monate wechseln. Das Personalaufkommen ist enorm. Heilfort managt es nahezu alleine, wie er erzählt.

Seinen Vorgesetzten fällt er auf. Man fragt ihn, ob er nicht Feldwebel werden wolle. Er sagt Ja – aber nur, wenn es sich lohne. Er unterschreibt für weitere acht Jahre und damit insgesamt 16. Und sein Ziel ist klar: Berufssoldat werden. 

Und er bewährt sich weiter. Die Bundeswehr führt SAP als Personalwirtschaftssystem ein, später läuft auch die komplette Besoldung darüber. Heilfort ist einer der Ersten, die es beherrschen. Dann kommt der nächste Chef und sagt: „Ich sehe da schon mehr, ich würde dich gern zum Offizier vorschlagen.“, erzählt Heilfort. Bei seinen Voraussetzungen geht das nur über den militärfachlichen Dienst. Eine Spezialistenverwendung, die großes Fachwissen erfordert.

Heilfort geht zwei Jahre zur Bundeswehr-Fachschule, um die Fachhochschulreife nachzuholen und den staatlich geprüften Betriebswirt zu machen. Seine Note: 1,2. Die Scharte von einst mit dem nicht geschafften Abitur ist ausgewetzt. 

Dann steht Heilfort 2014 vor der Entscheidung seines Lebens – die Offizierslaufbahn, die Ernennung zum Berufssoldaten. Die meisten Soldaten arbeiten ihr komplettes militärisches Leben darauf hin. Mit Mitte 30 hat er dieses Ziel kurz vor Augen. Und dann sagt er Nein.

„Die Bundeswehr wollte, dass ich ganz brav da an meinem Platz sitze, ein guter Personaloffizier werde und Beurteilungen schreibe. Fachlich wäre nicht mehr viel gekommen. Ein paar Dienstgrade noch bis zum Hauptmann, das wäre es gewesen“, sagt Heilfort. Er beschäftigt sich zu dieser Zeit schon mit ganz anderen Themen, wie Mitarbeiterpädagogik, und schmiedet neue Pläne. Auch treibt ihn das Gefühl um, nicht wirklich etwas in dem System Bundeswehr ändern zu können.