Haben Sie eine Faustregel, ab wann sich eine eigene Lizenz lohnt?

Gillessen: Das hat nicht nur mit Größenordnungen zu tun, sondern auch mit der Anlagestrategie. Wenn ein Berater zum Beispiel eine sehr Tradinglastige Strategie hat oder es auf eine sekundenschnelle Order-Ausführung ankommt, kann es sinnvoll sein, die Strategie mit einer eigenen Lizenz umzusetzen. Vom betreuten Volumen her kann man sagen: Ab 100 Millionen Euro ist eine eigene Lizenz sinnvoll. Es gibt aber auch Gesellschaften, die mehr verwalten und die die Arbeitsteilung mit einem Haftungsdach sehr schätzen. Denken Sie etwa an Gané oder Shareholder Value Management.

Wie lange dauert der Lizenzierungsprozess?

Gillessen: Das hängt auch vom Beantragenden ab – wie schnell er die nötigen Informationen zusammenträgt. Bis der Antrag geschrieben ist, können drei bis sechs Monate vergehen. Wenn der fertige Antrag bei der Bafin vorliegt, dauert es in der Regel sechs bis sieben Monate, bis die Lizenz da ist. Bei vielen Dingen können wir unterstützen und auch helfen, Verzögerungen durch Fehler zu vermeiden.

Mit welchen Kosten müssen Existenzgründer rechnen?

Gillessen: Alles eingerechnet, bis Sie die Lizenz haben – dazu gehören die Unternehmensgründung, der Businessplan, dieEröffnungsbilanz und eine Menge Regulatorik –, müssen Sie je nach Unternehmensgröße mit 20.000 bis 50.000 Euro rechnen. Da ist das Eigenkapital, das Sie vorhalten müssen, noch nicht dabei. Wir empfehlen auch, nach Möglichkeit so viele finanzielle Reserven zu haben, dass man sich ein Jahr lang kein Gehalt aus der Firma auszahlen muss.

Sie sagten, dass Existenzgründer vor allem berufliche Freiheit anstreben. Aber auf lange Sicht dürfte auch das Finanzielle ein Aspekt sein. Wie verändert sich der Verdienst, wenn ehemalige Private Banker oder Asset Manager ihr eigenes Unternehmen gründen?

Gillessen: In der Anfangsphase verdienen sie deutlich weniger als im vorherigen Job – das ist wohl bei jeder Selbstständigkeit so. Man muss sich klarmachen, dass man für alles selbst verantwortlich ist, auch für Dinge, die nichts mit den Kunden zu tun haben. Die Ausstattung der Büroräume, IT, Telefonie, Digitalisierung, alles verursacht Investitionskosten. Es gibt durchaus Vermögensverwalter, die über Jahre deutlich weniger verdienen als zuvor. Das ist es ihnen aber oft wert. Denn wenn es gut läuft, werden sie irgendwann auch deutlich mehr Geld verdienen als vorher in der Bank.

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Haben Sie junge Unternehmen schon scheitern sehen?

Gillessen: Ja, natürlich. Unsere Aufgabe ist auch, Leuten möglicherweise davon abzuraten, diesen Weg zu gehen. Denn um sich mit eigener Lizenz selbstständig zu machen, müssen Sie drei Kernkompetenzen haben: Befähigung zum Asset Management, zur Kundenakquisition und zur Kundenbetreuung und Administration. Am liebsten sind uns Existenzgründungen, bei denen mehrere Personen diese unter schiedlichen Kompetenzen mitbringen. Übrigens haben es alle Häuser, die wir beraten haben, nicht nur geschafft, son dern sind auch sehr erfolgreich im Markt.