Önder Cifci, RBS

Önder Cifci, RBS

„Manche Produkte hätten wir nicht machen dürfen“

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DAS INVESTMENT.com: Hinter der Zertifikatebranche liegt ein sehr schwieriges Jahr. Nach der Lehman-Pleite hatte man das Gefühl, dass die Branche und die Herren vom Deutschen Derivate Verband in den Keller gehen, beten und auf Besserung hoffen. Sind Sie zufrieden mit dieser Öffentlichkeitsarbeit?
Önder Ciftci: Nicht so richtig. Es ist aber auch nicht sinnvoll, alles zu kommentieren, ohne die Fakten zu kennen. Und ich muss dazu sagen, dass dieser Fall die erste große Bewährung für die Branche und somit auch für den Verband war.

DAS INVESTMENT.com: Bestanden?
Ciftci: Wenn wir ehrlich sind, nein. Der Verband reagierte zu spät. Allerdings kam dieser Fall sehr überraschend übers Wochenende und war so nicht abzusehen. Ich bin sicher, dass bei einem weiteren solchen Fall eine schnellere Reaktion kommt.

DAS INVESTMENT.com: Haben wir damit das Ende der Pubertät einer Branche erlebt, die bis vor kurzem noch jung, dynamisch und aggressiv auftrat? Ciftci: Durch Lehman hat die ganze Branche einen Reputationsschaden erlitten. Aber einen Markt, der vor den starken Kursverlusten 140 Milliarden Euro groß war, haben nicht irgendwelche pubertierenden Investmentbanker in ihren Türmen herbeigerufen. Der war echt. Dass wir dabei teilweise über das Ziel hinausgeschossen sind und Produkte hergestellt haben, die zu komplex und schwer zu verstehen waren, diesen Vorwurf müssen wir uns gefallen lassen.

DAS INVESTMENT.com: Laut offizieller Statistik ist der Zertifikatemarkt bereits empfindlich geschrumpft, und die Nachfrage nimmt ab. Ist die Branche im Überlebenskampf? Ciftci: Auf keinen Fall. Der Markt besteht aus zwei Teilen: Die gekauften Produkte legen Emittenten ohne eigenes Vertriebsnetz auf die Anfrage von Investoren auf. Zu dieser Kategorie gehören auch wir. Hier sind die Kunden sehr gut informiert, weshalb es in diesem Segment auch jetzt keine Probleme gibt. Bei den verkauften Produkten gab es dagegen Missstände, Fehlberatungen und falsche Produkte. Alle kritischen Zertifikate wurden von kleineren Emittenten herausgebracht, die nur deshalb existieren, weil bestimmte Vertriebe ihre Produkte absetzen. Und die kriegen jetzt Probleme.

DAS INVESTMENT.com: Bricht dieser Markt nun zusammen? Ciftci: Das würde ich nicht sagen. Aber ich bleibe bei meiner Meinung, dass der Trend zu einfachen und klaren Produkten geht. Es gibt viele Produkte, bei denen ich als Anleger sagen würde: Die brauche ich nicht. DAS INVESTMENT.com: Was gehört dazu? Ciftci: Viele kapitalgarantierte Strukturen sind extrem kompliziert. Da werden zu Beginn Kupons von 6 oder 8 Prozent versprochen, und für die Restzeit gelten irgendwelche Bedingungen. Emittenten verbinden den Aktien- mit dem Zinsmarkt …

DAS INVESTMENT.com: … und einem Hätte-Wäre-Wenn? Ciftci: Genau, und mit etwas mathematischem Verständnis sieht man, dass für einen Gewinn eine Menge passieren muss. Solche Produkte lassen sich natürlich wunderbar verkaufen, denn als Vertrieb haben Sie kein Risiko. Es gibt die Garantie und vielleicht sogar eine Minimalverzinsung. Das ist sehr lange gut gegangen, bis wir den ersten insolventen Emittenten hatten.

DAS INVESTMENT.com: Haben wir ein Beraterproblem? Ciftci: Nicht nur. Wir haben auch ein Produkt- und letztendlich auch ein Kundenproblem. Denn wenn mir jemand bei einer Anlage 8 Prozent bietet, muss mir klar sein, dass ich dabei auch ein Risiko trage. Wir versuchen zwar, jeden Tag Wunder zu vollbringen. Aber Geld drucken und zaubern können wir nicht.

DAS INVESTMENT.com: Und Selbstkritik üben? Ciftci: Natürlich. Auch wir hatten Produkte, die wir, im Nachhinein betrachtet, nicht hätten machen dürfen. Meistens waren das Zertifikate, die der Vertrieb nachgefragt hat. DAS INVESTMENT.com: Zum Beispiel? Ciftci: Alles, was Zinskomponenten hat, wie ich sie bereits ansprach. Wir haben sie zwar nur für ganz wenige Kunden gemacht. Das darf aber nicht als Ausrede zählen.

DAS INVESTMENT.com:Mindestens ebenso bedenklich ist es doch auch, dass Sie Metalle verbrieft haben, deren Preise sich zuvor vervielfacht hatten und danach bergab gingen. Stichwort Rhodium-Zertifikat. Ciftci: Das sehe ich nicht so. Unsere Aufgabe ist es nicht, Produkte aufzulegen, mit denen Anleger ganz einfach unendlich viel Geld verdienen können. Das Kapitalmarktrisiko können wir ihnen nicht abnehmen. Wir machen ohne Meinung Asset-Klassen und Themen handelbar. Deshalb bieten wir meistens auch Varianten für fallende oder stagnierende Kurse an. Würden wir immer nur unsere Marktmeinung verbriefen, hätten wir statt 20.000 Zertifikaten wahrscheinlich nur 200 auf dem Markt.

DAS INVESTMENT.com: Aber Milch- und Reis-Zertifikate klingen nach Marketing-Gag. Ciftci: Das Milch-Zertifikat haben wir für drei große deutsche Banken aufgelegt, die in ihrem privaten Vermögensmanagement für ihre Kunden richtig Geld verdient haben. Wir als Emittent sind in diesem Punkt reine Dienstleister und reagieren auf die Nachfrage. Aber abgesehen davon und bei aller Kritik: Die Zertifikatebranche macht auch verdammt viel gut.

DAS INVESTMENT.com: Das wäre? Ciftci: Wir haben hier in einem angelsächsisch dominierten Finanzmarkt eine Industrie entwickelt, die ein Exportschlager wurde. Außerdem haben sich viele Zertifikate trotz der Krise gut entwickelt und das getan, was sich der Anleger von ihnen versprach. Auch wenn es gern anders dargestellt wird: Zertifikate sind nicht die häufig angeprangerten Zockerpapiere. DAS INVESTMENT.com: Inzwischen wollen Anbieter bei Zertifikaten auch das Emittentenrisiko ausschalten. Was halten Sie davon? Ciftci: Es werden ausfallgesicherte Zertifikate mit jährlichen
Kosten zwischen 80 und 100 Basispunkten angeboten. Das ist die Größenordnung eines Fonds. Ich kaufe doch aber ein Zertifikat, um das Kapitalmarktrisiko und das damit verbundene höhere Renditeversprechen zu suchen. Wenn ich dieses Risiko nun unter hohen Kosten ausschalte, brauche ich gar nicht erst ein Zertifikat zu kaufen.

DAS INVESTMENT.com: RBS arbeitet aber doch auch an einem System, um das Emittentenrisiko zu senken. Ciftci: Bei uns beschränkt es sich voraussichtlich auf Garantiezertifikate, denn nur da ergibt es einen Sinn. Ein gesichertes Bonuszertifikat wird es dagegen von uns nicht geben. Das wäre Effekthascherei.

Das Gespräch führten Malte Dreher und Andreas Scholz Dieser Artikel stammt aus dem 14-tägigen Online-Magazin DAS DERIVAT. >> Aktuelle Ausgabe herunterladen >> Kostenlos abonnieren

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