Market Timing – besser als sein Ruf

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Es gibt ein paar Binsenweisheiten im Finanzwesen. Eine davon ist, dass Geld an den Märkten mit der strategischen Wahl der richtigen Anlageklasse verdient wird. Market Timing, die Wahl des richtigen Ein- und Ausstiegspunktes, bringe dagegen nichts. Seitdem Nobelpreisträger William Sharpe 1975 in einer empirischen Untersuchung zu diesem Schluss gekommen ist, sind Market Timing und aktive Anlagestrategien überhaupt in Misskredit geraten.

Warum haben Fondsanleger so wenig verdient?

Als Beleg gegen den Nutzen aktiven Handelns dient auch die regelmäßige Untersuchung der Researchfirma Dalban. Sie fand zuletzt, dass über zwanzig Jahre (1990-2009) der Aktienmarkt (S&P 500) 8,34 Prozent pro Jahr erwirtschaftet hatte, in entsprechenden Aktienfonds investierte Anleger aber nur 3,17 Prozent pro Jahr verdienten. Das Argument hinter solchen Zahlen: Anleger, private und institutionelle, verkaufen tendenziell, wenn die Kurse historisch niedrig sind, und sie kaufen, wenn sie historisch hoch sind.

Was die Kritiker des Market Timing hier allerdings nicht beachten: Die Wahl des Zeitraumes ist für die Beurteilung des Market Timing entscheidend. Wird nämlich angenommen, dass Wohlstand wächst und Anleger tendenziell von Jahr zu Jahr ihr Vermögen vermehren, dann nutzte das fruchtbare Jahrzehnt der Börse (die 1990er-Jahre) nur einem kleinen Betrag, während im insgesamt eher fruchtlosen Zeitraum (2000 bis 2009) relativ viel Kapital investiert war.

Die Performance des Marktes und die Performance der Investoren fallen unter solchen Bedingungen sehr stark auseinander. Wäre erst die schwache und dann die starke Börsenphase gekommen, hätte das Ergebnis komplett anders aussehen können.

Kritik aus einer anderen Zeit

Die Kritik am Market Timing ist vor allem entstanden, als Aktienmärkte relativ stabil und über mittlere Zeiträume immer erfolgreicher als andere Anlageklassen waren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Bild aber gründlich geändert. Über den gesamten Zeitraum gesehen hat sich die Aktienanlage nicht rentiert.

Die Performance schwankt sehr stark mit der Wahl des richtigen Ein- oder Ausstieges. In solchen Zeiten hatten es gute Market Timer gegen eine Buy-and-Hold-Strategie viel leichter. Nicht umsonst sind Mischfonds seit einiger Zeit die Stars unter den Anlageprodukten.

Auch eine ganze Reihe von Wissenschaftlern ist zu anderen Ergebnissen als die Kritiker des Market Timing gekommen. Professor George Comer etwa von der renommierten Georgetown Universität in den USA hat 30 Jahre nach dem Aufsatz von Sharpe gezeigt, dass die Ergebnisse des Market Timing auch sehr stark von der Berücksichtigung des Vergleichsmaßstabes abhängen.

In vielen Fällen sind die tatsächlichen Ergebnisse von Fonds nur mit den Ergebnissen der Aktienhaltung verglichen worden. Bezieht man Renten als Teil der realen Fondspolitik mit in den Vergleichsmaßstab ein, erscheinen die Ergebnisse des Market Timing häufig in besserem Licht. 

Risiko braucht Flexibilität

Schließlich gehört in eine faire Beurteilung des Market Timings auch die Risikokomponente. Anleger, die mit einer Depotaufstellung für alle Zeiten ein bestimmtes Risikoniveau auch zu den Volatilitäts-Spitzenzeiten nicht überschreiten wollen, müssen sich so defensiv aufstellen, dass sie sich in den weit überwiegenden „normalen Zeiten“ in einem eher unbefriedigenden Ertrags-Risiko-Profil aufhalten.

Wer seine Depotstruktur anpassen kann, erreicht ein insgesamt optimiertes Ertrags-Risiko-Profil. An aktiver Depotsteuerung führt deswegen kein Weg vorbei.

Zum Autor: Bernd Hashemian ist Vorstand der Kroos Vermögensverwaltungs AG in Münster und einer der Experten von www.vermoegensprofis.de.

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