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Aktualisiert am in InterviewsLesedauer: 10 Minuten

Marktausblick 2023 „Ich sehe in Europa wenig Potenzial nach oben“

Luca Paolini, Chefstratege von Pictet Asset Management.
Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management: „China ist zu groß, um es einfach zu ignorieren.“ | Foto: Pictet Asset Management

DAS INVESTMENT: Herr Paolini, das Jahr 2022 dürfte Anlegern nicht in bester Erinnerung bleiben. Gründe dafür gibt es viele – allen voran den Ukraine-Konflikt und die dadurch massiv gestiegene Inflation. Jüngste Zahlen deuten eine leichte Erholung an. Werden wir das Inflationsgespenst im kommenden Jahr vertreiben, haben wir das Schlimmste also hinter uns?

Paolini: Wir bekommen jetzt die ersten Anzeichen, dass die Inflation zurückgeht. Besonders in den USA, aber nicht nur dort. Das macht natürlich Hoffnung. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Inflation nur ein Aspekt ist, warum die Märkte unter Druck geraten sind. Ein weiterer ist die Wachstumsdynamik. Und das ist das aktuelle Risiko: Die Inflation geht nach unten, aber ebenso die Wachstumsdynamik. Das ist schlecht für die Unternehmensgewinne. Insgesamt bin ich der Meinung, Investoren haben die Risiken für die Weltkonjunktur unterschätzt. Es gibt eine Schwäche auf dem Arbeitsmarkt. Die Immobilienpreise gehen nach unten. Die Zinsen steigen immer noch, auch das spricht unserer Meinung nach für eine sehr schwache Konjunkturdynamik. Dennoch blicken viele Investoren einzig und allein auf die Inflationsdaten. Dabei wäre es wichtiger, die Wachstumsdynamik in den Blick zu nehmen. Und diese Zahlen sind immer noch sehr schwach.

Lassen Sie uns in unserem Marktausblick 2023 auf einige der genannten Aspekte später noch einmal im Detail eingehen. Bleiben wir aber zunächst noch bei der Inflation. Europa und die USA haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen im Kampf gegen die Teuerung gewählt. Wenn Sie jetzt, Stand Dezember 2022, in den Rückspiegel schauen: Wer hat besser gehandelt, die EZB oder die Fed?

Paolini: Ich denke, alle Zentralbanken haben das Risiko der Inflation unterschätzt. 

Also hat keine ihren Job gut gemacht, um es mal so direkt zu formulieren?

Paolini: Ja, alle Zentralbanken haben schlecht gehandelt. Denn keine hat mit einer so hohen Inflation gerechnet. Die Federal Reserve hat die Zinsschritte früher eingeleitet als die EZB, für die es deutlich schwieriger ist, einen Konsens zu erzielen. Insofern ist klar, dass die Fed am Ende die bessere Entscheidung getroffen hat. Eindeutig ist, dass die Bank of England einen Fehler gemacht hat. Aber im Endeffekt haben alle die ähnlichen Probleme.

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Das Ausmaß der Inflation haben wohl nahezu alle Marktteilnehmer unterschätzt. Die wichtigere Frage ist ja, wie man darauf reagiert. Und wie Sie gesagt haben: Die Fed ist früher aktiv geworden und hat den Balanceakt versucht, die Geldentwertung zu verhindern oder zumindest abzumildern und gleichzeitig die Wirtschaft zu stärken. Während die EZB sehr auf eine Geldwertstabilität geachtet hat. 

Paolini: Die Fehler wurden schon im Jahr 2021 gemacht. Der Inflationsdruck hat zugenommen bei starker Konjunktur. Aber alle haben weiter auf Lockerung gesetzt. Das war für mich fast unglaublich. Denn es war klar, dass die Inflation zurückkommt. Aber die Zentralbanken wollten das Risiko eingehen und die Konjunktur nicht bremsen. Das war ein Fehler.

Trotzdem scheint die Fed nicht alles falsch gemacht zu haben, dafür spricht auch die Stärke des US-Dollars. Sie gehen jedoch davon aus, dass der Dollar nächstes Jahr schwächer wird. Was macht Sie da so sicher?

Paolini: Sicher bin ich nicht, das ist man in den Finanzmärkten nie. Aber warum ist der Dollar dieses Jahr so stark angestiegen? Aufgrund der Zinsdifferenz. Die Fed hat wie bereits erwähnt aggressiver reagiert als andere Zentralbanken. Nächstes Jahr wird das Gegenteil der Fall sein. Ich denke, dass die EZB eine restriktivere Geldpolitik als die Fed wählen wird. Die Zinsdifferenz wird also kleiner werden. Die Wachstumsdynamik in den USA und der Eurozone ist mehr oder weniger gleich. Und die Bewertungen sind extrem. Das ist für mich nicht nachhaltig. Es sprechen also drei Faktoren gegen den Dollar: Bewertungen, Wachstumsdynamik und Zinsdifferenz. Wir haben interessanterweise schon eine Schwäche des Dollars gesehen, auch wenn die Fed weiterhin sagt, sie werde den Zins weiter anheben. Meiner Meinung nach stehen wir vor einer taktischen, aber auch einer strategischen Trendwende beim Dollar. Wir reden von 20, vielleicht 25 Prozent Abwertung in den kommenden fünf Jahren.