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Touristen am Trocadéro in Paris: Französische Nebenwerte dürften sich 2020 chancenreich entwickeln. | © Getty Images Foto: Getty Images

Marktausblick

Fünf Lehren für das Börsenjahr 2020

Laurent Denize, Co-Investmentchef bei ODDO BHF Asset Management

Anleger konnten im vergangenen Jahr kaum etwas falsch machen. Alle wichtigen Anlageklassen legten zu. Trotz des zweistelligen Wachstums an nahezu allen Aktienmärkten verzeichneten Aktienfonds jedoch Abflüsse in Rekordhöhe – wegen des turbulenten Marktumfelds und des verlangsamten Wachstums.

Erkenntnis 1: Noch ist kein stabiles Wachstum in Sicht

Im vergangenen Jahr hat sich das weltweite Wirtschaftswachstum bei rund 3 Prozent stabilisiert. Dieser Wert liegt zwar deutlich unterhalb der 4-Prozent-Marke von 2017. Er ist aber auch weit entfernt von einer Rezession. Während die USA kaum Wachstumseinbußen hinnehmen mussten, fielen die Zahlen insbesondere im export- und autoabhängigen Deutschland deutlich schwächer aus. Obwohl es 2020 nicht zu einer weiteren Verschlechterung kommen dürfte, sollten sich Anleger auf ein fragiles Marktumfeld einstellen – geprägt von Protektionismus, Inflation, lockerer Geldpolitik und einem deutschen Wirtschaftsmodell, das seine Herausforderungen angehen sollte.

  • Mehr Unsicherheit durch Protektionismus: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat die globalen Handelskosten nach oben getrieben. Trotz des geschlossenen Phase-1-Abkommens dürfte US-Präsident Donald Trump weiterhin versuchen die chinesische Wirtschaftsmacht in Schach zu halten – mit Auswirkungen auf das weltweite Anlagenklima über 2020 hinaus.
  • Die Inflation dürfte anziehen: Nach drei Zinssenkungsrunden 2019 dürfte sich die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) im US-Wahljahr 2020 mit einer weiteren Leitzinssenkung zurückhalten. Zwar fällt die Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks weiterhin niedrig aus, dürfte aber über kurz oder lang anziehen. Die Ursachen: vor allem steigende Löhne und höhere Importpreise.
  • Der Bausektor profitiert von der Geldpolitik: Trotz einer leichten Erholung setzt der weltweit schwächelnde Handel den exportabhängigen Industriesektoren weiterhin zu. Lediglich der Bau- und der Dienstleistungsbereich zeigen sich robust. Sie profitieren von geringer Arbeitslosigkeit und niedrigeren Zinsen.
  • Deutschlands Wirtschaftsmodell stößt an seine Grenzen: Ob in diesem Jahr aus Deutschland Impulse für eine bessere EU-Integration oder zukunftsorientierte Investitionen kommen werden, ist derzeit fraglich.

Erkenntnis 2: Der Rentenmarkt hat nur noch wenig Aufwärtspotenzial

Getragen vom Ankaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Flucht in Sichere Häfen entwickelten sich 2019 alle Rentenmarktsegmente positiv. Doch diese Entwicklung begrenzt das Aufwärtspotenzial im Jahr 2020. Das Angebot an Investment-Grade-Titeln ist wegen der Notenbankankäufe und der Zuflüsse in Rentenfonds verknappt. Dies dürfte die Kurse stützen.

Bei Hochzinsanleihen sollten Anleger mit steigenden Ausfallraten rechnen. Allerdings dürften sich Ausfälle wegen der stabilen Konjunktur im Rahmen halten. Das Wertpotenzial im Investment-Grade-Bereich bleibt im Hochzinssegment weiterhin bestehen. Investoren sollten ihre Aufmerksamkeit auf Titel mit B-Rating richten. Diese gelten 2020 als besonders chancenreich.

Erkenntnis 3: Anleger sollten europäische Aktien bevorzugen

US-Aktien sind nach traditionellen Maßstäben hoch bewertet – was Kurssteigerungschancen hemmt und europäische Aktien aussichtsreicher machen dürfte. Insbesondere bei den zu Unrecht abgehängten Nebenwerten aus Frankreich bleibt weiterhin viel Raum für eine Neubewertung.

Erkenntnis 4: Börsenrückzug von Private-Equity-Firmen dürfte anhalten

Die Private-Equity-Branche blickt auf ein Boom-Jahr zurück. Der Trend, sich von der Börse zurückzuziehen, dürfte sich fortsetzen. Angesichts hoher Bewertungen und hochpreisiger Transaktionen können Anleger vor allem am Sekundärmarkt von einem Erfolg versprechenden Chancen-Risiko-Profil profitieren.

Erkenntnis 5: Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit bergen neue Investitionsansätze

Anleger sollten die Art des Investierens zu überdenken: Hier hilft nicht nur eine von Künstlicher Intelligenz (KI) gestützte Portfolioanalyse. Investoren können mit KI-Hilfe maßgebliche Trends ausmachen und die aussichtsreichsten Unternehmen identifizieren. Eine tief in den Investmentprozess integrierte Analyse von ökosozialen und gute Führung betreffenden Kriterien (kurz: ESG) ermöglicht tiefe Firmeneinblicke. Denn die Analyse beleuchtet auch Risiken, die bei einem klassischen Verfahren unter dem Radar bleiben. Der KI- und der ESG-Trend eröffnen langfristigen Investoren enorme Anlagechancen.

Fazit: Die Welt dürfte 2020 fragil bleiben

Anleger sollten Aktien jetzt gegenüber Anleihen bevorzugen. Europäische Titel dürfen sich chancenreicher als US-Anlagen entwickeln. Der Faktor Größe (Stichwort Small Caps) wird in der Anlagestrategie voraussichtlich einen höheren Stellenwert einnehmen als der Faktor Momentum. Wer investiert, sollte zudem einen unerwarteten Inflationsanstieg mit wachsenden Anleihenrenditen einkalkulieren. Diese Entwicklung dürfte sich auch auf die Aktienbewertungen auswirken. Allerdings können geopolitische Krisen immer wieder unvorhersehbare wirtschaftliche Folgen auslösen. Somit dürfte die Welt auch 2020 fragil bleiben – was flexible Investmentstrategien erfordert.

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