Sharon Fay, Head of Equities bei AB

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Marktkommentar AB

Rückkehr in Energieaktien

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In den letzten Wochen hat der Ölpreis die Talsohle verlassen. Rohöl der Sorte Brent kletterte von einem Tiefstand von 45,25 USD am 26. Januar um 32% auf 59,79 USD am 20. Februar. Daten von Strategic Insight zufolge pumpten Anleger im Dezember und Januar 4,9 Mrd. USD zurück in börsennotierte US-Fonds (ETFs) aus dem Energiesektor.

Das richtige Timing für die große Erholung zu bestimmen ist jedoch nicht einfach. Der jüngste Ölpreisanstieg war auf einen schnelleren Rückgang der US-Förderung, Druck auf Short-Positionen und Ereignisse im Nahen Osten zurückzuführen — all das kann sich sehr schnell ändern. Da der Ölpreis durch so viele Faktoren beeinflusst wird, kann sogar ein weiteres Abrutschen einer nachhaltigeren Erholung vorausgehen.

Besser ist es daher, eine langfristige Perspektive einzunehmen. Wie meine Kollegen vor Kurzem in einem Blog erklärten, wird die grundlegende Produktionsdynamik die Ölpreise im Laufe der Zeit wieder in die Höhe treiben.

Rückblick auf Ölpreisschocks der Vergangenheit

Den Kontext des Energieschocks zu verstehen ist der erste Schritt beim Investieren. In manchen Fällen ist das Angebot entscheidend, in anderen wiederum die Nachfrage. Anfang 1986 beispielsweise brach der Ölpreis zusammen, nachdem Saudi-Arabien den Markt mit einem Überangebot flutete. Im Jahr 2009 hingegen taumelten die Ölpreise aufgrund von Bedenken, ein globaler Wirtschaftsabschwung werde die Nachfrage unterminieren.

Was geschah dabei mit Energieaktien? Globale Energieaktien entwickelten sich 1986 ein Jahr und drei Jahre nach dem Ölpreisabsturz besser als der breitere Markt (Abbildung links). Im Gegensatz dazu ist 2009 eine unterdurchschnittliche Entwicklung von Energieaktien im Verhältnis zum breiteren Index zu beobachten (Abbildung rechts). In beiden Fällen wiesen US-Aktien ähnliche Verläufe auf.


Bei näherer Betrachtung stellen wir allerdings unterschiedliche Wertentwicklungen in den Energieteilsektoren fest (Abbildung). Bei Ausrüstungs- und Dienstleistungsunternehmen ging es 2009 sprunghaft nach oben, doch 1986 blieben sie hinter Produktionsunternehmen zurück. Raffinerien und Vermarktungsunternehmen stagnierten nach der Episode 2009. Diese Beobachtungen machen deutlich, dass im Energiesektor ein selektiver Ansatz erforderlich ist. Dabei ist einzuschätzen, wie sich die aktuellen Bedingungen weiterentwickeln und auf unterschiedliche Unternehmen bei einer Ölpreiserholung auswirken können.


Hohe Dividendenrenditen

Die heutige Situation wird weitgehend durch das Angebot bestimmt. Energieaktien werden mit extrem niedrigen Bewertungen gehandelt, und die Dividendenrenditen sind extrem hoch. Die Dividendenrendite der drei größten US-Ölgesellschaften im Vergleich zum S&P 500 war beispielsweise seit 20 Jahren nicht höher als heute. Das weckt die Befürchtung, dass die Unternehmen die Ausschüttungen an Aktionäre möglicherweise drastisch kürzen müssen.

Diese Trends könnten Anlegern helfen, heute fundierte Entscheidungen zu treffen. Halten Sie erstens Ausschau nach Energieunternehmen mit einer Struktur und einem Geschäftsmodell, die wahrscheinlich auch dann gut funktionieren, wenn sich der Ölpreis nicht vollständig auf 100 USD je Barrel oder mehr erholt. Nach unserer Analyse können einige Explorations- und Produktionsunternehmen sowie integrierte Konzerne mit einem Ölpreis über 70 USD je Barrel gut leben. Auf unserer Checkliste stehen Unternehmen mit erstklassigen Ölfeldern, niedrigeren Produktionskosten und robusten Bilanzen, die Dividende fördern. Bei Unternehmen, die zur Erwirtschaftung von Gewinnen nicht auf Investitionen angewiesen sind, besteht ebenfalls eine deutlich bessere Chance, Dividendenausschüttungen in angespannten Zeiten aufrechtzuhalten.

Bei Dienstleistungen selektiv sein

Seien Sie zweitens selektiv bei Öldienstleistungsunternehmen. Einige Anleger sind in der Erinnerung an die deutliche Erholung 2009 schon wieder in Dienstleistungen eingestiegen. Damals handelte es sich jedoch um eine Nachfragekrise. Auch wenn der Ölpreis wieder anzieht, könnte es nach unserer Einschätzung heute eine Weile dauern, bis Unternehmen das Angebot durch neue Quellen vergrößern, was dann zu einer höheren Nachfrage nach Dienstleistungen führt. Dies würde die Rentabilität in diesem Teilsektor für längere Zeit dämpfen. Allerdings sind einige Dienstleistungskonzerne Technologieführer und spielen in der langfristigen Entwicklung von Tiefsee-Ölfeldern, in denen die meisten inkrementellen Ölvorkommen liegen, eine wesentliche Rolle. Tendenziell weisen diese Unternehmen außerdem solide Bilanzen auf, die ihnen in der derzeitigen Abwärtsphase helfen dürften.

Drittens sind die Aussichten für Raffinerien und Vermarktungsunternehmen komplex. Diese Unternehmen reagieren nicht so empfindlich auf die Ölpreise wie andere Teile des Sektors. Hier hängen die Gewinne hauptsächlich von Spreads ab — Spreads zwischen den Ölpreisen sowie zwischen den Rohöl- und den Produktpreisen. Die derzeitigen weltweiten Raffinerieüberkapazitäten könnten die Rentabilität belasten, auch wenn eine Erholung der Nachfrage einsetzt. Einige US-Raffinerien zeichnen sich allerdings weiterhin durch große Kostenvorteile aus und könnten von breiteren Spreads zwischen dem US-amerikanischen und dem globalen Angebot sowie von einer Aufstauung von Rohölbeständen profitieren, weil US-Erzeuger nicht exportieren dürfen.

Den Energiesektor zu meiden ist eine riskante Strategie, durch die Anleger bei einer Erholung ins Hintertreffen geraten könnten. Eine Anlage in ETFs aus dem Energiesektor bedeutet hingegen, dass ein Anleger ein wahlloses Engagement im Energiesektor in einer Zeit eingeht, in der ein differenzierter Ansatz besonders wichtig ist. Nach unserer Auffassung können Anleger bei einer Konzentration auf Bewertungen, Cashflows und unternehmensspezifischen Fundamentalanalysen zu der Überzeugung gelangen, für eine langfristige Erholung in Energieaktien zurückzukehren.

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