Am Rande der diesjährigen DKM sprach DAS INVESTMENT Versicherungen mit Marsh-Geschäftsführerin Mirela Radoncic über die Entwicklungen im Bereich der Industrieversicherung.

DAS INVESTMENT: Marsh hat vor kurzem eine Studie zu Industrieversicherungen veröffentlicht. Es ging darin unter anderem um die Prämien: Nach mehreren Jahren steigender Beiträge scheinen sich diese nun zu stabilisieren oder sogar zu sinken. Woran liegt diese Entwicklung und was hat sich konkret verändert?

Mirela Radoncic: Die Gründe dafür sind vielfältig und hängen stark von der jeweiligen Sparte ab. Im D&O-Bereich und bei Cyber-Versicherungen sehen wir beispielsweise deutlich stärkere Prämienreduktionen als in den klassischen Sparten. Das liegt vor allem daran, dass neue Anbieter in den Markt eintreten und damit wieder mehr Kapazität zur Verfügung steht. Allerdings muss man dabei immer im Blick behalten, wie sich die Schadenentwicklung gestaltet – denn das kann die Prämien schnell wieder in die andere Richtung treiben.

Und in den anderen Sparten?

Radoncic: Im Haftpflicht- und Sachbereich beobachten wir eine ähnliche Entwicklung  bei großen Sach- und Haftpflichtprogrammen. Hier spielt vor allem die Rückversicherungsseite eine wichtige Rolle: Es ist wieder deutlich mehr Rückversicherungskapazität verfügbar, wodurch Erstversicherer günstiger einkaufen können. Diese Entspannung gibt der Erstversicherungsmarkt dann teilweise und zeitversetzt an die Kunden weiter. Im Mittelstandssegment ist dieser Trend noch nicht so ausgeprägt. Hinzu kommt, dass das Risikobewusstsein bei den Unternehmen deutlich gestiegen ist. Kunden setzen mehr Sicherheitsmaßnahmen um und sorgen für bessere Transparenz – das erleichtert den Versicherern die Risikoeinschätzung erheblich. Besonders bei großen Risiken in der Sach und Haftpflichtsparte ist nun regelrecht ein Wettbewerb ausgebrochen: Viele Versicherer zeigen Interesse an diesen Geschäften. Eine Ausnahme bilden nach wie vor US-Risiken in der Haftpflichtversicherung, die weiterhin als schwierig gelten

Laut Ihrer Studie sind die Beiträge in der Haftpflichtversicherung sogar gestiegen?

Radoncic: Das stimmt teilweise. Die Haftpflichtprämien sind in Europa, im Gegensatz zu den USA, nur leicht gestiegen, immer noch sehr differenziert und abhängig vom einzelnen Risiko. Für manche Unternehmen sind die Beiträge tatsächlich gestiegen, aber bei anderen, besonders bei denjenigen mit gutem Risikoprofil, konnten und können wir das zunehmend wettbewerbsorientierte Umfeld nutzen  und durchaus sehr gute Konditionen anbieten.

US-Risiken besonders teuer 

Woran liegt diese unterschiedliche Entwicklung?

Radoncic: Die Herausforderungen liegen vor allem bei US-Exposures und US-Risiken. Der deutliche Anstieg der Haftpflichtprämien ist in den USA vor allem auf die Häufigkeit und Schwere der Schadenfälle zurückzuführen, von denen viele durch außergewöhnlich hohe Schadenersatzurteile (sogenannte „nuclear verdicts“) von US-Geschworenengerichten gekennzeichnet sind. Auch das Thema PFAS – per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – macht den Markt noch etwas nervös, allerdings längst nicht so stark, wie wir zunächst befürchtet hatten.

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Kommen wir zum Thema Cyberrisiken – einem absoluten Top-Thema, das auch in Ihrer Studie bei der Risikobewertung ganz oben steht. Vor einigen Jahren haben wir darüber berichtet, dass viele mittelständische Unternehmen überhaupt keine Cyberversicherung bekommen konnten, weil sie die Sicherheitskriterien nicht erfüllten. Wie hat sich die Situation nun entwickelt?

Radoncic: Die Lage hat sich deutlich verbessert. Viele Unternehmen sind mittlerweile versicherbar geworden, weil sie massiv an ihrem Risikomanagement gearbeitet haben – an IT-Standards, am Verständnis für Cyberrisiken und an der Transparenz. Diese Entwicklung ist beeindruckend. Gleichzeitig sind neue Anbieter in den Markt eingetreten, die zusätzliche Kapazität und Wettbewerb bringen. Das ist besonders wichtig. Aktuell gehen die Prämien daher tendenziell nach unten. Cyber ist allerdings eine besondere Sparte, die sehr stark mit Risikotransparenz verknüpft ist. Es hat sich etabliert, dass beides Hand in Hand gehen muss: erst die fundierte Bewertung des Cyberrisikos, dann der Versicherungstransfer – und nicht umgekehrt, wie es in klassischen Versicherungssparten historisch oft gehandhabt wurde.

2023 haben sich angesichts knapper Cyberversicherungskapazitäten mehrere große Unternehmen zusammengeschlossen und mit Miris eine eigene Cyberversicherung auf Gegenseitigkeit gegründet. Was ist daraus geworden?

Radoncic: Die Miris gibt es tatsächlich noch, und soweit ich weiß, läuft das Konstrukt gut. Mehrere Unternehmen haben sich damals zusammengetan, weil die Marktkapazität knapp war und sie flexibler und unabhängiger agieren wollten. Das Interesse war so groß, dass die Gründungsmitglieder meines Wissens irgendwann sagen mussten: Wir nehmen keine weiteren Unternehmen mehr auf. Die spannende Frage ist natürlich: Wie relevant ist eine solche Ergänzung  noch, wenn am Markt wieder ausreichend Cyber-Kapazität vorhanden ist? Aber die Struktur existiert weiterhin und wird sicherlich genutzt.

Sie fokussieren sich in Ihrem Verantwortungsbereich  „Konzernkunden“ auf große internationale Konzerne. Welche Sorgen beschäftigen diese Unternehmen abseits der offensichtlichen Cyber- und Klimarisiken?

Radoncic: Klima ist natürlich ein Riesenthema, aber die Risikolandschaft ist extrem individuell und hängt stark vom Geschäftsmodell und der Branche ab. Nehmen Sie die Automobilindustrie: Hersteller und Zulieferer bauen massiv Stellen ab, wie wir täglich in den Medien verfolgen können. Die haben völlig andere Herausforderungen als Unternehmen aus Wachstumsbranchen, die zu den aktuellen Gewinnern zählen. Naturgefahren werden zunehmend zum Thema, weil die Schadenereignisse eine Dimension erreichen, die wir uns so nicht vorgestellt hatten. Auch Infrastrukturprojekte, in die momentan stark investiert wird, bringen spezifische Risiken mit sich, die sich von klassischen Unternehmensrisiken unterscheiden. Eine pauschale Antwort gibt es hier nicht – die Risikolandschaft ist einfach zu heterogen.

Sie haben den intensiven Wettbewerb im Markt angesprochen. Was können Versicherer tun, um sich bei Endkunden und Maklern erfolgreich zu positionieren?

Radoncic: Zunächst einmal hilft es der gesamten Branche, wenn Versicherer offen für den Dialog bleiben und bereit sind, sich auch schwierige Risiken anzuschauen und ernst zu nehmen. Darüber hinaus sind innovative Lösungen gefragt. Digitalisierung ist dabei das Schlüsselthema: Versicherer müssen ihre Prozesse verschlanken, die Schadenbearbeitung effizienter gestalten und stärker standardisieren. Und natürlich spielt ausreichende Kapazität eine zentrale Rolle – das versteht sich von selbst.

Abschließend wollen wir noch einen Blick in die Zukunft werfen: Wenn Sie eine Glaskugel hätten – welche Überraschungen, positive wie negative, könnte der Industrieversicherungsmarkt 2026 bereithalten?

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Radoncic: Bei den negativen Szenarien befürchte ich vor allem unvorhergesehene Großschäden – etwa im D&O-Bereich oder gravierende Cyber-Schäden. Letztere können auch mehrere Unternehmen und Branchen gleichzeitig treffen. Auch Naturkatastrophen in der Größenordnung der Ahrtal-Flut wären natürlich verheerend. Was mich zusätzlich umtreibt  Der Markt hat sich gerade erst entspannt, nachdem wir eine sehr harte Phase hatten. Ich frage mich manchmal, wie nachhaltig eine teilweise deutliche Entspannung ist. Wenn es erneut zu jetzt größeren Schäden in den jeweiligen Bereichen käme, müssten wir wieder mit einer Steigerung zum Beispiel der D&O Prämie rechnen – genau wie vor zwei, drei Jahren, als einige Großschäden für erhebliche Aufregung sorgten.

Und was könnte uns 2026 positiv überraschen? 

Radoncic: Eine positive Überraschung wäre für mich, wenn wir es als Branche schaffen, uns 2026 so stark zu digitalisieren, dass wir endlich nicht mehr mit Excel und Word arbeiten müssen, sondern wirklich durchgängig digital aufgestellt sind.

Ist das denn heute noch Standard?

Radoncic: Teilweise leider ja. Auch wenn wir bei Marsh beispielsweise bereits eine eigene KI-Lösung intern nutzen – als Gesamtbranche haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Wir müssen einfach digitaler und effizienter werden. Das wäre eine wirklich schöne Überraschung für 2026.


Über die Interviewte: 

Mirela Radoncic, Geschäftsführerin von Marsh Deutschland. Ihre Karriere beim Industrieversicherungsmakler begann sie 2009. Seit 2019 leitet sie den Bereich Konzernkunden. Davor verantwortete sie unter anderem die Strategic Risk Consulting Practice sowie den Bereich Corporate & Sales.