Martin Flanagan

Martin Flanagan

Martin Flanagan: „Die Deutschen brauchen mehr Finanzwissen“

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DAS INVESTMENT.com: Ein Kollege einer anderen Zeitung hat Sie einmal „Mister Fix-it“ genannt. Was haben Sie bei Invesco repariert? Martin Flanagan: Herrje, ist das wahr? Als ich zu Invesco, der damaligen Amvescap, kam, war es bereits ein gutes Unternehmen, tief in der Investmentmaterie drin und weltweit bestens vernetzt. Aber die Hightech-Blase war gerade geplatzt. Das war schmerzhaft. Wir mussten also ein paar Schritte zurückgehen, uns auf unsere Stärken besinnen und dann ein paar Dinge neu aufbauen. Das war gutes Timing, denn als die Finanzkrise kam, war unser Haus in Ordnung. Damit konnten wir andere Unternehmen kaufen, etwa das Publikumsfondsgeschäft von Morgan Stanley, das Immobiliengeschäft von AIG in Asien oder die Indexfondsgesellschaft Powershares. Heute sind wir einer der 20 größten Vermögensverwalter der Welt. DAS INVESTMENT.com: Sind Sie ein Krisenprofiteur? Flanagan: Als Profiteur einer Krise würde ich uns nie bezeichnen wollen. Aber ja, wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht und sind so gemeinsam mit unseren Kunden gut durch die Krise gekommen. DAS INVESTMENT.com: Wofür steht Invesco heute? Flanagan: In erster Linie für Investmenterfahrung, Stabilität, Risikokontrolle und solide Erträge. Unser Ansatz ist fundamental, mit vielen verschiedenen Investmentmanagern. Wir waren früher noch zersplittert mit einzelnen Einheiten in verschiedenen Ländern. Das mag ganz interessant klingen. Aber wenn wir schon Weltklasse-Kapazitäten in manchen Ländern hatten, warum sollten wir sie nicht für ganze Kontinente oder die ganze Welt nutzen? Unsere Kunden vertrauen uns, anderenfalls hätten sie nicht annähernd 661 Milliarden Dollar in unsere Obhut
gegeben. DAS INVESTMENT.com: Was brauchen die Deutschen? Flanagan: Die Deutschen mögen Anleihen und haben einen Großteil ihres Geldes darin angelegt. Hinzu kommt die historisch entstandene Risikoabneigung. Die Deutschen haben gerne Korridore, Garantien oder Absolute Return. Allerdings verzichten sie damit auch auf Gewinne. Die Deutschen brauchen mehr Finanzwissen. Da geht es um Themen wie die richtige Risikotoleranz oder das Einschätzen von Zeithorizonten. Wer diese Zusammenhänge versteht, kann mit Volatilität besser umgehen und höhere Aktienquoten fahren. Mit Zinsanlagen allein können deutsche Anleger ihren Lebensabend nicht finanzieren. Mit der staatlichen Rente alleine schon gar nicht. DAS INVESTMENT.com: Wie wollen Sie das hinbekommen? Sie können schlecht in die Schulen marschieren und sagen, hier bin ich. Flanagan: Das muss auf allen Ebenen passieren. In der Schule sollte es aber tatsächlich mit den ersten Grundlagen anfangen. Und Finanzberatern kommt natürlich auch eine große Bedeutung zu. DAS INVESTMENT.com: In Deutschland haben das schon andere versucht. Flanagan: Ich bin trotzdem optimistisch. Der Branchenverband BVI hat auf seiner Webseite ein Tool für Lehrer. Die Zugriffszahlen steigen. Das zeigt, dass sich Lehrer für die Materie interessieren. DAS INVESTMENT.com: Produktschwerpunkte für Deutschland? Flanagan:Wie gesagt, die Deutschen meiden Risiken und haben viele Anleihen. Nun gehen wir aber von deutlich steigenden Zinsen am Markt aus. Die Frage wird also sein, wie wir die Anleger dort vor Kursverlusten schützen können. DAS INVESTMENT.com: Ihre Antwort? Flanagan: Qualitätsaktien mit hohen Dividendenrenditen. Hinzu kommt eine Art Sicherheitsnetz. Wir wollen einerseits die geforderte Sicherheit liefern. Andererseits wollen wir klarmachen, dass für höhere Gewinne höhere Risiken nötig sind. Nehmen Sie Standardaktien weltweit. Die Bewertungen sind tief wie selten zuvor, die Dividendenrenditen hoch. Sie haben die Wahl: Wollen Sie eine zehnjährige Anleihe mit 3 Prozent Rendite oder Aktien mit 3 bis 5 Prozent Dividendenrendite auf die nächsten drei Jahre? Für mich ist die Entscheidung einfach. DAS INVESTMENT.com: Haben Sie Anleihen? Flanagan: Ich persönlich? Nein. Ich bin sehr aktienlastig. Ich glaube eben an die Welt. Probleme und Krisen hat es schon immer gegeben. Aber sie sind lösbar. DAS INVESTMENT.com: Nun kennen wir ja einige Probleme des Euro – die verschiedenen Wirtschaften und Schuldenstände. Aber wie können wir das konkret lösen? Flanagan: Aus ausländischem Blickwinkel würde ich sagen, dass der Euro aus dieser Krise gestärkt hervorgehen kann. Es ist nicht einfach, kulturell und historisch verschiedene Länder zu vereinigen. Der Euro war ein wichtiger Schritt. Jetzt geht es darum, Verantwortung für Staatsfinanzen wahrzunehmen und die Haushalte zu sanieren. DAS INVESTMENT.com: Nicht wenige Experten erwarten, dass Griechenland den Euro verlässt. Flanagan: Ein Austritt Griechenlands wäre für das Land und Europa ein großer Fehler, auch wenn er kurzfristig wie die richtige Lösung aussieht. Selbst wenn es den Deutschen langfristig egal sein könnte, kurzfristig würde es ihnen wehtun. DAS INVESTMENT.com: Und wenn sie austreten und die Schulden einfach ablehnen? Flanagan: Das geht nicht so einfach. Dann wären auch alle Ersparnisse des eigenen Volks fort, und die Wirtschaft stünde noch schlimmer da als jetzt. Griechenland muss seine Schulden umbauen. Es gibt diesen Vorschlag, dass Investoren bestehende Anleihen freiwillig zu einem bestimmten Kurs in eine Art Brady Bond mit längerer Laufzeit tauschen. Das würde die Schulden schon mal deutlich senken. Das wäre die bessere Lösung als ein Austritt aus dem Euro. DAS INVESTMENT.com: Kurz zusammengefasst: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft ein? Flanagan: Krisen und Rückschläge wird es immer geben, aber sehen Sie sich an, wo die Welt heute steht: Wir haben weniger Armut und mehr Wohlstand als vor 100 Jahren. Ich bin optimistisch, dass wir auch die gegenwärtigen Probleme in den Griff bekommen. DREI KURZE Fragen an Martin Flanagan Europa auf dem Teller? Ich mag die Vielfalt von Europas Küche, etwa deutschen Spargel, italienische Pasta und französische Croissants. Europa im Depot?
Europäische Aktien hatte ich schon immer mit im Portfolio. Europa im Urlaub?
Meine Familie und ich mögen Urlaub in Europa. Dieses Jahr besuchen wir Griechenland und die Türkei.

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