Sie machen seit Jahren gemeinsame Sache, auf offiziellen Fotos gab es Firmengründer Édouard und Tochter Maxime Carmignac bislang jedoch selten zusammen zu sehen. Auf Anfrage erreicht DAS INVESTMENT einige Tage später ein Foto aus Paris – passend zum Interview über die Unternehmensnachfolge.

DAS INVESTMENT: Madame Carmignac, Ihr Vater Édouard ist im September 78 Jahre alt geworden. Vor einem Jahr sagten Sie in einem Interview auf die Nachfolge-Frage bei Carmignac: „Wenn ich die Beste bin, werde ich es machen.“ Was ist seitdem passiert? Konnten Sie Ihren Vater überzeugen, dass Sie die Beste sind?

Carmignac: Diese Frage stellt sich aktuell gar nicht, denn mein Vater ist in Topform. Er ist gesund, scharfsinnig und arbeitet unglaublich hart. Er ist ein fantastisches Beispiel für Führungsstärke – immer ein Vorbild, das vorangeht und vorlebt, was es predigt. Wir sind unendlich dankbar, ihn zu haben, und wollen, dass er so lange wie möglich dabei bleibt.

Sehen Sie, unsere Gesellschaft betont ja oft den Vorteil divers aufgestellter Unternehmen: also Geschlechterdiversität, soziale und kulturelle Vielfalt. Aber über Generationendiversität sprechen wir selten! Mein Vater hat eine unschätzbare Erfahrung, er hat so viele verschiedene Zyklen erlebt. Und gleichzeitig ist er so gut darin, die Zukunft zu antizipieren. Ich finde das faszinierend – er hat den jüngsten Geist bei Carmignac!

Wie meinen Sie das?

Carmignac: Mein Vater ist brillant, wenn es um Technologie geht. Bei der Implementierung von KI bei Carmignac war er einer der Vorreiter. Ihm ist das sehr, sehr wichtig. Ein Beispiel aus der Anfangsphase von Chat GPT: Mein Vater liest sehr gerne Zeitung, aber er ist ein vielbeschäftigter Mann. Also hat er unseren KI-Experten gebeten, eine Anwendung zu programmieren: Man macht ein Foto eines Artikels und bekommt eine fünfzeilige Zusammenfassung des Inhalts.

Édouard Carmignac gründete sein Unternehmen 1989 und entwickelte es zu einem wichtigen unabhängigen europäischen Asset Manager.

Sie schwärmen ja geradezu von Ihrem Vater.

Carmignac: Ja, denn er hat viele großartige Fähigkeiten: Er ist CIO, er ist CEO, er ist Chairman, er leitet die Stiftung – er hat also viele wichtige Aufgaben, die ihn sehr beschäftigen. Aber wenn Sie ihm eine neue Idee präsentieren oder etwas, womit er überhaupt nicht vertraut ist, dann erkennt er in wenigen Sekunden die Schwachstellen, die Chancen, die Schlüsselfragen. Es ist sehr schwierig, jemanden zu finden, der gleichzeitig ein großartiger CIO mit sehr starker Performance und ein CEO mit großer Führungsstärke ist. Ich bin sehr dankbar, mit ihm arbeiten zu dürfen.

Lassen Sie uns kurz zurückblicken: Ihr Weg in die Finanzindustrie war – trotz Ihres Vaters – keineswegs vorgezeichnet…

Carmignac: Richtig, denn meine Familie ist eigentlich eine eher künstlerisch veranlagte Familie; meine Mutter war Schriftstellerin. Und mein Vater hat immer hart daran gearbeitet, sein Unternehmen aufzubauen. Wenn er nach Hause kam, hatte er keine Lust, mit meinen vier Geschwistern und mir über Finanzen zu reden.

Übers Thema Geldanlage wusste ich eigentlich nichts, bis ich mit 19 Jahren auf eine Wirtschaftsschule kam. Dort hatte ich einen Kurs bei einem Banker von J.P. Morgan. Er sprach über Fusionen und Übernahmen in der französischen Lebensmittelbranche – und ich war total fasziniert. Das war sozusagen mein Erweckungsmoment. Ich bin aber die einzige meiner Geschwister, die meinem Vater in die Finanzbranche gefolgt ist.

Sie sind 45 Jahre alt und haben in den vergangenen Jahren immer mehr Verantwortung im Unternehmen übernommen. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Carmignac: Ich habe mittlerweile mehrere Aufgaben und Rollen. Ich verantworte neue Produkte, einschließlich Private Equity. Ich bin auch für ESG zuständig und seit diesem Sommer auch für die Kommunikation. Und ich bin für Investment Solutions verantwortlich, wenn wir Mandate für institutionelle Kunden übernehmen. Außerdem leite ich als CEO das Büro in UK. Überdies bin ich Mitglied des Verwaltungsausschusses und des Vorstands, wo ich an der Festlegung der Gesamtstrategie des Unternehmens mitwirke.

Vielfältig! Wie können wir uns die interne Absprachen vorstellen?

Carmignac: Wir haben viele informelle Treffen, aber auch das GMC, das steht für General Management Committee. In diesem sind mein Vater und ich, dazu Christophe Péronin, der Geschäftsführer in Paris, und Rose Ouahba, die für Vertrieb und Marketing zuständig ist. Wir sind also zu viert und treffen uns mindestens einmal im Monat in Paris für die Top-Management-Themen. Und es gibt natürlich auch einen Verwaltungsrat bei Carmignac. Mit meinem Vater spreche ich jeden Freitag eine Stunde, wir tauschen uns eng miteinander aus.

Charles Carmignac im September 2008 mit E-Gitarre auf der Bühne
Charles Carmignac im September 2008 auf der Bühne: Édouards ältester Sohn liebt Musik und Kultur, leitet mittlerweile die Stiftung Fondation Carmignac und gehört – wie sein Bruder Amaury – seit Mitte 2025 zum Verwaltungsrat des französischen Asset Managers. | Bildquelle: IMAGO / Photo12

Was sagen Sie zu dieser These: In einer digitalisierten und automatisierten Welt suchen die Menschen verstärkt nach persönlichen Beziehungen – eine echte Chance für Traditions- und Familienunternehmen.

Carmignac: Da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu.

Das Unternehmen Carmignac scheint – nicht nur wegen des Namens – untrennbar verknüpft mit Ihrer Familie. Ist es also tatsächlich „ein offenes Rennen“ um die Nachfolge, wie Sie es mal formulierten?

Carmignac: Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: das Eigentum an und die Führung von Carmignac. Beim Eigentum haben wir sehr klar gesagt, dass das Unternehmen unabhängig bleibt. Denn unsere Unabhängigkeit ist auch sehr wichtig für unsere Kunden. Sie stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit, nicht irgendwelche Shareholder.

Was wiederum die Führung angeht, glauben wir bei Carmignac an die Meritokratie. Wir wollen die bestmögliche Person für den Job. Und das kann ein Familienmitglied sein oder nicht. Wir sind da unvoreingenommen. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel.

Bitte!

Carmignac: Ich habe einst als Portfoliomanagerin bei Carmignac angefangen. Im ersten Jahr leitete ich einen globalen Aktienfonds und hatte tatsächlich eine sehr gute Performance. Aber im zweiten Jahr war es nur noch eine durchschnittliche Performance. Mir hat die Aufgabe zwar weiterhin Freude bereitet, aber ich fragte mich: „Bin ich die beste Person für diesen Job?“ Und die Antwort war: „Nein.“ Ich wollte mich auf andere Aspekte des Geschäfts konzentrieren.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Portfoliomanager zu sein ist ein toller Job, intellektuell sehr herausfordernd – und man kann bei guter Performance auch gut verdienen. Aber langfristig war es das Beste – für Carmignac und für mich –, auf die Unternehmensseite zu wechseln.