EU Ecolabel auf estländischer Waschmittelflasche Foto: imago images / Scanpix

ESG-Investments Mehr Kompetenz in der Beratung nötig

Nachhaltige Geldanlagen sind seit einigen Jahren im Trend und verzeichnen beeindruckende Wachstumszahlen. So hat sich das in nachhaltige Investmentfonds angelegte Vermögen laut BVI von 57 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 254 Milliarden Euro im ersten Quartal 2021 erhöht. Allerdings machen nachhaltige Geldanlagen damit lediglich 8 Prozent des gesamten Fondsmarktes aus.

Hinzu kommt: Nur 14,9 Prozent der Gesamtbevölkerung haben bereits in ESG-Investments investiert. 62,9 Prozent haben dies auch sicher nicht vor oder sind sich noch unschlüssig. Das hat eine von Civey im Auftrag der Warburg Bank durchgeführte, repräsentative Meinungsumfrage ergeben. Und nicht nur das: Mehr als die Hälfte aller Befragten (52,1 Prozent) kennt die Eigenschaften beziehungsweise Vorteile von nachhaltigen Geldanlagen nicht. Etwas besser sieht es unter den Hochvermögenden aus: Hier haben 22,9 Prozent bereits ESG-Investments getätigt, während 56,7 Prozent dies sicher nicht vorhaben oder es noch nicht wissen. Etwas weniger als der Hälfte der Hochvermögenden (45,6 Prozent) sind die Vorteile von nachhaltigen Geldanlagen nicht geläufig.

Die Ergebnisse der Umfrage lassen vor allem zwei Schlussfolgerungen zu:
1. Die Beratung muss kompetenter werden und (potenzielle) Anleger umfangreicher über die Vor- und Nachteile nachhaltiger Investments aufklären.
2. Vor allem im Verhältnis zum stetig wachsenden verwalteten Vermögen lässt der überschaubare Prozentsatz der Anleger, die nachhaltig investieren, die Schlussfolgerung zu, dass ein eher kleiner Teil der Anleger immer mehr ihres Vermögens „nachhaltig“ investiert. Auch Wertentwicklungen durch die steigenden Börsen werden hier einen Großteil der Zuwächse ausmachen. Folgendes Fazit scheint sich zu ergeben: ESG-Investments sind noch nicht in der breiten Bevölkerung angekommen.

Kein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit

Eine mögliche Erklärung: Mit nachhaltigen Geldanlagen ist es in etwa so, wie es lange mit Bio-Lebensmitteln war: Es ist weiterhin nicht einheitlich geregelt, welche genauen Kriterien ein Investment erfüllen muss, um als nachhaltig zu gelten. Zumal Anleger divergierende Vorstellungen und Zielsetzungen bei dem Thema haben. Wenn ein Anbieter sich selbst oder seine Geldanlage als „nachhaltig“, „grün“, „ESG-konform“ oder anderweitig betitelt, müssen Anleger sich individuell informieren, was genau er darunter versteht. Und dieses Verständnis kann, muss aber keineswegs mit dem eigenen Verständnis übereinstimmen. Denn klar ist: Das zunehmende Interesse an nachhaltigen Investments lockt auch vereinzelte schwarze Schafe auf den Plan und wird von manchen Anbietern durchaus gerne im Marketing genutzt.

Hinzu kommt: Nachhaltige Anlagestrategien können unterschiedlich gestaltet sein. Eine Möglichkeit ist es, Ausschlüsse zu formulieren. Dann berücksichtigen die Anbieter Einzeltitel nicht, die aus speziellen Branchen stammen (zum Beispiel Waffen, Tabak, Atomkraft) oder bestimmte Prinzipien (zum Beispiel UN Global Compact) nicht einhalten. Alternativ können Anbieter nur solche Aktien oder Anleihen in ihr Portfolio aufnehmen, die in ihrer jeweiligen Branche zu den Besten gehören. Diese Vorgehensweise ist zwar deutlich aufwändiger und dadurch mit höheren Kosten verbunden, führt aber auch zu einer qualitativ besseren Auswahl. Denn die selektierten Unternehmen sind dann besonders nachhaltig und implizit auch mit weniger Nachhaltigkeitsrisiken verknüpft. Im Optimalfall werden beide Varianten kombiniert. Eine Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Strategien ist allerdings dennoch nicht ganz trivial.

Label und Rating als Orientierung für Anleger

Das Problem des heterogenen Begriffsverständnisses ist auch der Europäischen Union bewusst. Im Frühjahr 2018 hat die EU einen Aktionsplan mit Maßnahmen zu einem nachhaltigen Finanzwesen veröffentlicht. Darin sind zahlreiche Maßnahmen und Ziele formuliert, um das gesamte europäische Finanzwesen nachhaltiger aufzustellen. Unter anderem müssen Berater künftig abfragen, ob der Anleger Wert auf ökologische oder soziale Aspekte sowie Kriterien einer guten Unternehmensführung bei seinen Investments legt. Darüber hinaus müssen Anbieter von ESG-Investments seit März 2021 schrittweise konkrete Informationen rund um das Thema Nachhaltigkeit transparent machen. Zudem arbeitet die EU an einem Ecolabel für nachhaltige Finanzprodukte, anhand dessen Verbraucher auf einen Blick erkennen können, ob ein Finanzprodukt nachhaltig ist oder nicht. Wann genau dieses vorgestellt oder wirksam wird, ist allerdings noch unklar.

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