Mensch 2.0 Wie Technologie Krankheiten heilt

Forscher des französischen Unternehmens Carmat: Erste Testpersonen haben bereits ein künstliches Herz erhalten. | © Getty Images

Forscher des französischen Unternehmens Carmat: Erste Testpersonen haben bereits ein künstliches Herz erhalten. Foto: Getty Images

Tazio Storni, Fondsmanager des Pictet-Biotech

Tattoos dienen lediglich der Hautverschönerung? Mitnichten. Das MIT Media Lab der renommierten US-Universität Massachusetts Institute of Technology hat zusammen mit Microsoft Research temporäre Tattoos entwickelt, die mehr können als hübsch aussehen. Duo Skin ist ein einfacher und flexibler Tattoo-Herstellungsprozess, der als Basis dient, um aus Blattgold individuelle Wearables als zweite Haut zu kreieren. Über diese lassen sich durch Berührung beispielsweise mobile Geräte steuern. Und für wen Technik direkt auf der Haut noch zu unspektakulär ist: Eine Umfrage des Weltwirtschaftsforums prognostiziert, dass die ersten implantierbaren Mobiltelefone 2023 auf den Markt kommen.

Mit dem Fortschritt solcher Technologien dauert es nicht mehr lange, bis wir Wearables und Implantate zur Verfügung haben, die menschliche Fähigkeiten verbessern können, die klügere, gesündere und stärkere Versionen von uns selbst erschaffen. Dies gehört zu den Zielen des Transhumanismus. Diese Bewegung hofft, mithilfe von neuen Technologien, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten massiv erweitern zu können, sei es auf intellektueller, physischer oder psychischer Ebene. Was lange als Science-Fiction-Ideen abgestempelt wurde, wird nun langsam Realität.

Mit gelähmten Beinen Fahrradfahren

Ursprüngliches Ziel solcher Technologien ist es, Menschen mit Behinderungen das alltägliche Leben zu erleichtern. Zum Beispiel durch die Verbesserung ihrer physischen Funktionen. Was hier bereits möglich ist, kann man immer wieder bei den Paralympics bestaunen - oder beim Cybathlon in Zürich. Hier absolvieren Menschen mit Behinderungen einen Parcours aus alltäglichen Aufgaben wie Treppensteigen oder Wäsche aufhängen. Unterstützt werden sie dabei von Arm- und Beinprothesen, robotischen Exoskeletten oder motorisierten Rollstühlen. Ein US-Team nutzte fürs Radfahren Funktionelle-Elektrostimulations-Implantate, um die Beine des gelähmten Radlers zu aktivieren.

Auch im Inneren des Körpers schreitet der technologische Fortschritt voran. Patienten mit funktionsunfähigen Organen müssen vielleicht bald nicht mehr auf Spender hoffen, sondern können künstliche „Ersatzteile“ nutzen. Erste Testpersonen leben bereits mit einem künstlichen Herzen von Carmat. Das französische Unternehmen hofft, 2019 damit in die Vermarktungen gehen zu können. Forscher der Universität of Michigan und vier anderen Instituten arbeiten an einer künstlichen Lunge. Defymed aus Frankreich und Semma Therapeutics aus den USA sind dabei, eine künstliche Bauchspeicheldrüse mit Insulin-produzierenden Zellen zu entwickeln.

Auch an der Wiederherstellung verlorener Sinneswahrnehmungen wird kräftig geforscht. Mit Cochlea-Implantaten können Hörverluste behandelt werden. Retina-Prothesen – etwa das Argus-II-System entwickelt von der US-Firma Second Sight – sollen bei stark eingeschränkter Sehkraft oder gar Blindheit aufgrund einer beschädigten Netzhaut helfen. Schon heute gibt es Handprothesen, mit denen man nach Dingen greifen oder Computer-Tastaturen nutzen kann. Die nächste Generation soll, verbunden mit dem Nervensystem, auch fühlen können.

Künstliche Ersatzteile fürs Gehirn

Ein weiteres intensives Forschungsgebiet ist das Gehirn. Ted Berger von der University of Southern California hat den weltweit ersten künstlichen Hippocampus entwickelt, der zurzeit in der Testphase ist. Durch das Implantieren eines Chips soll die Funktion dieses wichtigen Teils des limbischen Systems, wenn er beschädigt ist, ersetzt werden können. So könnte etwa dem Gedächtnisverlust bedingt durch Alzheimer, einen Schlaganfall oder eine Hirnverletzung entgegengewirkt werden.

Ohne Eingriff erfolgt die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), bei der über am Kopf aufgelegte Elektroden eine Vielzahl von Unpässlichkeiten behandelt werden – von Rückenschmerzen, über die Auswirkungen von Parkinson bis zu Lernschwächen. Die Behandlung kann aber auch über Krankheitsfälle hinaus angewandt werden. Zwei Studien von Wissenschaftlern an der Wright-Patterson Air Force Base in Ohio zufolge könnte tDCS auch für die Verbesserung von Multi-Tasking-Fähigkeiten genutzt werden oder die Hirntätigkeiten von Menschen beschleunigen, die unter extremen Druck arbeiten wie Dronen-Piloten oder Scharfschützen. Die Stimulation des Hirns soll zweimal so stark und dreimal so lang wie Koffein wirken.

Spätestens hier erkennt man, dass die technologischen Entwicklungen, die die Transhumanisten erforschen, auch ethische Fragen aufwerfen, vor allem wenn sie nicht direkt der Krankheitsbekämpfung dienen. Was ist noch menschlich, wenn sich die menschlichen Fähigkeiten mithilfe unterschiedlichster Technologien steigern lassen? Dies wird noch viele Diskussionen lostreten. Das Potenzial der Technologien ist jedoch enorm – und kann nicht nur das Leben bereichern, sondern darüber hinaus auch Investmentmöglichkeiten liefern.