Mensch und Maschine Wie Robo-Advisor die Anlageberatung auf den Kopf stellen wollen

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Grundlage dafür ist die Risikokennzahl Value at Risk (VaR), eine Art Schwarzmalerei in Zahlen. Der VaR drückt aus, wie viel man zu einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Zeit verlieren kann. In diesem Fall geht es um ein Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Und der Kunde entscheidet, wie viel Verlust er in normalen Zeiten durchstehen könnte.

Der Haken am Value at Risk

Das Problem: Im VaR stecken immer auch die aktuelle Volatilität der Märkte und die Korrelationen einzelner Anlageklassen. Beide Faktoren ziehen in einem Crash normalerweise kräftig an. Als Folge steigt der VaR, und Scalable muss verkaufen. Doch dann ist es oft schon reichlich spät. Im ungünstigsten Fall brechen die Märkte über ein paar Tage ein und ziehen kurz darauf wieder kräftig an – aber Scalable-Kunden sind dann kaum noch dabei.

In solchen Situationen ist es besser, wirkliche Demut gegenüber den Märkten zu üben, wie es etwa Quirion, Growney und Wüstenrot machen. Sie packen das Geld der Anleger in eine Struktur und stellen sie regelmäßig wieder her. Das nennt sich Rebalancieren und passiert zu festen Zeiten und/oder wenn sich das Depot durch Turbulenzen allzu sehr in eine Richtung verschiebt. Wenn also Aktien kräftig einbrechen, kann der Robo auch außerhalb des Turnus antizyklisch nachkaufen. Im Gegenzug fliegt etwas stabil Gebliebenes raus.

Eine Mischung aus Risikomaß und Rebalancieren führt Whitebox vor. Das Unternehmen um die Gründerinnen Salome Preiswerk und Birte Rothkopf setzt beim Portfolioaufbau fundamentale Bewertungen nach dem Substanzansatz (Value) an und lässt sich dabei von Morningstar Investment Management unter die Arme greifen. Über- oder unterschreiten Positionen ihre vorher bestimmten prozentualen Bandbreiten, wird rebalanciert. Bis hierhin ist alles antizyklisch. Hinzu kommt allerdings der Conditional Value at Risk (CVaR). Der soll das zeigen, was der VaR nicht liefert, das dicke Ende sozusagen, wenn es richtig kracht. Und weil das am Aktienmarkt immer besonders schmerzhaft ist – Erinnerungen an 2008 werden wach –, deckt der CVaR jene Extremrisiken ab. Schade ist nur, dass solche Extremereignisse extrem schwer vorherzusagen sind (manche behaupten sogar: gar nicht).

Eine Studie des Instituts für Vermögensaufbau kürt bei den Aktienturbulenzen im Winter das Rebalancieren zum Gewinner. Demnach verlor ein ausgewogenes Portfolio von Quirion vom 24. Januar bis 9. Februar 4,3 Prozent, eins von Scalable hingegen 8,2 Prozent. Das Problem in den VaR-gesteuerten Portfolios: Durch die ruhige Phase im Vorfeld lagen selbst in risikoarmen Portfolios die Aktienquoten enorm hoch. Nach dem Absturz konnten sie sich aber nicht so gut erholen wie jene bei der Konkurrenz (siehe Chart).

                                  Quelle: Anbieter, Morningstar, DAS INVESTMENT

Interessant wird es jedoch beim nächsten längeren Crash. Wenn VaR-Freunde die Depots nach dem ersten Beben absichern und die Aktienquote dadurch tief genug sinkt, dann könnten Anleger sogar besonders glimpflich durch die dann noch folgende Durststrecke kommen. Hier steht der Praxistest aber noch aus.

Ebenso wichtig wird es, wie sich Robo-Kunden im nächsten Crash verhalten. Thomas Buckard, Vorstand der Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen, hat da so seine Bedenken. „Dann ist der Finger schnell auf dem roten Knopf und das Mandat wird aufgelöst“, ist er sich sicher. Er verweist auf den Crash vor zehn Jahren, als viele Berater ihre Kunden überzeugen konnten, im Markt zu bleiben – und somit die nächste Rally wieder mitzunehmen. „Diese empathische, emotionale und auf Erfahrung aufbauende Begleitung kann zurzeit kein Algorithmus abbilden“, so Buckard.

Die Facebook-Kommentare auf der Scalable-Seite zeigen, dass mancher das Prinzip nicht verstanden hat und bei echtem Börsentrubel frustriert abspringen wird. Somit kam das Wort „Hybrid“ ins Spiel: Menschen sollen die gefühlskalten Algorithmen ergänzen. Anbieter wie Prospery und Quirion haben das bereits eingebaut, bei ihnen kann man Berater extra buchen. Ein anderes Beispiel ist Growney, der sein System an Berater vermietet, die es als Werkzeug nutzen können. Ein Partner ist Signal Iduna Asset Management. Scalable arbeitet mit Siemens Private Finance zusammen, um an Mitarbeiter als Kunden zu kommen. Selbiges gelang Konkurrent Whitebox, indem er mit der VW Bank zusammenarbeitet.

Somit können dort die angestellten Berater auf die Technik der Robos zugreifen und im Ernstfall ihre Kunden trotzdem trösten. Denn eines ist sicher: Von menschlichem Trost kann man im Crash nicht genug bekommen.

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