Ein Schulterschluss zwischen traditionellen Banken und alternativen Kreditgebern schien lange undenkbar. Doch die Zeiten haben sich geändert: Private Debt, einst eine Nische für Spezialisten, entwickelt sich zur tragenden Säule der Unternehmensfinanzierung. Mit einem verwalteten Vermögen von über zwei Billionen US-Dollar weltweit und einem prognostizierten Finanzierungsbedarf von 90 Billionen US-Dollar über die nächste Dekade steht die Anlageklasse vor einem beispiellosen Wachstumsschub.
Die jüngste Umfrage des Beratungshauses Mercer unter 57 führenden Private-Debt-Managern zeichnet jedoch ein zwiespältiges Bild: Während die Wachstumsaussichten glänzend erscheinen, werfen steigende Risiken und intensiverer Wettbewerb dunkle Schatten auf die Branche.
Wealth Management als neuer Wachstumsmotor
Vier von fünf befragten Managern erwarten, dass die Zahl der Anbieter von Private-Debt-Fonds in den kommenden drei bis fünf Jahren steigen wird. Noch optimistischer blicken sie auf die Nachfrageseite: 87 Prozent prognostizieren eine Zunahme der Investoren mit Private-Debt-Allokationen.
Drei Viertel der Befragten sehen das größte Wachstum im Wealth-Management-Segment. Die Versicherungsbranche (20 Prozent) und Pensionsfonds (3 Prozent) folgen mit deutlichem Abstand. Diese Verschiebung markiert einen Paradigmenwechsel: Vermögende Privatanleger drängen zunehmend in eine Anlageklasse, die bisher institutionellen Investoren vorbehalten war.
Die Antwort der Branche auf diese neue Klientel sind semiliquide Fondsstrukturen. Diese bieten mehr Flexibilität als traditionelle geschlossene Fonds, erlauben aber typischerweise nur quartalsweise Rückgaben von maximal 5 Prozent des Fondsvolumens.
Dunkle Wolken am Horizont
Doch die Euphorie wird getrübt. Mehr als die Hälfte der Manager (56 Prozent) rechnet mit steigenden Verlustquoten zwischen 10 und 50 Basispunkten in den nächsten zwei Jahren. Weitere 9 Prozent erwarten einen Anstieg um mehr als 50 Basispunkten. Bei den Spreads im Direct Lending zeigt sich ein ähnliches Bild: 40 Prozent der Befragten prognostizieren eine leichte Ausweitung (25 bis 75 Basispunkte) in den kommenden drei bis fünf Jahren.
Der intensivere Wettbewerb setzt die Margen unter Druck: 53 Prozent der Befragten gehen von sinkenden Gebühren aus. Besonders ausgeprägt ist diese Erwartung in den USA, wo fast zwei Drittel (64 Prozent) der Manager mit Gebührensenkungen rechnen, verglichen mit nur 20 Prozent in Europa.
„Der Druck auf die Gebühren ist kein neues Thema, und die Machtverhältnisse zwischen Anlegern und Managern verschieben sich naturgemäß, wobei Gebührenverhandlungen Teil dieser Dynamik sind“, analysiert Tamsin Coleman, Leiterin Private Debt Europa bei Mercer. „Darüber hinaus haben die Manager angesichts der Konsolidierung der Manager und des Wachstums der Fondsgrößen die Gebühren gesenkt, um die Anlageklasse zugänglicher zu machen, und gleichzeitig erkannt, dass skalierte Fonds den Anlegern geringere Kosten bieten können.“
Größere Fonds könnten durch Skaleneffekte Kostenvorteile an Investoren weitergeben, ohne die eigene Profitabilität zu gefährden.
Mid-Market bleibt Königsklasse
Trotz aller Herausforderungen bleiben die Manager bei ihrer Einschätzung der attraktivsten Marktsegmente erstaunlich einig: 53 Prozent sehen die besten risikoadjustierten Renditen im Mid-Market-Bereich, wo typische Kreditnehmer einen Ebitda zwischen 20 und 50 Millionen US-Dollar aufweisen.
Für die Zukunft setzen die Manager auf Diversifikation: Asset-based Finance führt mit 65 Prozent die Liste der vielversprechendsten Wachstumsbereiche an, gefolgt von europäischem Direct Lending (37 Prozent) und Infrastruktur-Debt (35 Prozent). Diese Präferenzen spiegeln zwei zentrale Trends wider: die Expansion in neue Spezialbereiche und die wachsende Rolle von Private Debt bei der Finanzierung großer Infrastrukturprojekte.
Die Studie zeigt: Für Investoren bietet diese strukturelle Verschiebung Chancen, die Illiquiditätsprämie zu vereinnahmen, die einst den Banken vorbehalten war. Doch der Erfolg wird zunehmend von der Fähigkeit abhängen, in einem kompetitiveren Umfeld die richtigen Partner zu finden – Manager mit starken Sourcing-Fähigkeiten und der nötigen Expertise, um komplexe Kreditstrukturen zu navigieren.