DAS INVESTMENT: Sie erkennen in den USA aktuell ein sogenanntes Goldlöckchen-Szenario (engl. Goldilocks), also ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum bei niedriger Inflation. Woran machen Sie das bereits fest?
Benoit Anne: Der Hintergrund meines Statements ist die außergewöhnlich vorteilhafte Situation, dass Anlegern momentan zwei große Risiken zugleich erspart bleiben. Zum einen ist das Risiko einer Rezession in den USA vom Tisch, vor allem wegen des stabilen Konsums und der guten Fundamentaldaten amerikanischer Unternehmen. Die US-Konjunktur lässt zwar nach, aber nicht so stark, dass man wirklich eine Rezession fürchten muss. Unser Konjunkturindikator signalisiert zwar einen möglichen Abschwung, aber keinen drohenden Einbruch.
Zum anderen erreicht die Inflation nach Jahren langsam wieder erfreulich niedrige Niveaus. In einem Jahr könnte der PCE-Kernindex, der wichtigste Inflationsindikator der Fed, wieder bei etwa 2 Prozent liegen. Vor allem aber stellt die Notenbank ein Ende der Zinserhöhungen in Aussicht. Vorbei wären dann die Zeiten, in denen man die Geldpolitik fürchten muss. Für Anleihen kann das nur gut sein.
Wir haben also das Beste aus beiden Welten, wenn wir eine Rezession vermeiden und die Inflation fast wie von Zauberhand selbst verschwindet.
Gibt es dieses vielversprechende Umfeld auch in Europa?
Anne: Für die Vereinigten Staaten gilt das sicherlich am meisten. Aber auch in Europa hellt sich der Ausblick langsam auf. Die Inflation sinkt bereits rasch. Das Wirtschaftswachstum hingegen bleibt eine Herausforderung. Einige Länder haben zu kämpfen, und offensichtlich gehört auch Deutschland dazu. Aber wir haben hoffentlich bereits den Tiefpunkt dieser Wachstumsschwäche erreicht.
Das Goldlöckchen-Umfeld ist also in Europa wahrscheinlich weniger stark ausgeprägt, aber nichtsdestotrotz sinkt die Inflationsangst, die auch das größte Risiko für dieses Jahr war. In Anbetracht dessen bin ich zuversichtlich, dass sowohl die Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank bald einen aggressiven Zinssenkungszyklus einleiten werden. Das wird sich sehr positiv auf die konjunkturelle Entwicklung auswirken.
Warum sind Sie sicher, dass die Notenbanker die Zinsen senken, obwohl die Aussichten auf breiter Front so erfreulich sind?
Anne: Die Antwort fällt für die USA und Europa etwas unterschiedlich aus. In den USA ist die Inflation das Wichtigste für die Währungshüter. Sollte die Teuerung weiter so zurückgehen, wird die Fed mehr Spielraum haben, ihre Zinsen zu senken. Sie können nicht lange so restriktiv wie derzeit bleiben, denn ein Leitzins von 5,5 Prozent würde auf lange Sicht zu viel Schaden anrichten. Mit der Zeit steigt das Risiko, dass es tatsächlich zu einer Rezession kommt. Es ist also ein Balance-Akt, aber eine Zinssenkung in der ersten Jahreshälfte halte ich durchaus für möglich.
Und wann erwarten Sie diese in Europa?
Anne: In Europa liegt der Schwerpunkt viel stärker auf dem Wachstum, da das Makrobild problematisch bleibt. Wir können zwar nicht sagen, dass sich die Eurozone technisch gesehen in einer Rezession befindet, aber sie ist sehr nah dran. Sie stagniert eher, ist definitiv keine starke Wachstumsgeschichte. Ein wenig Hilfe seitens der Zentralbanker wäre also willkommen.
Was bedeutet das für Anleger, die in den vergangenen zwei Jahren viel Vermögen in den Geldmarkt umgeschichtet haben?
Anne: Vielleicht sollte man jetzt vom Geldmarkt wieder in Anleihen umschichten. Wenn Anleger Risiken meiden wollen, wie in den zurückliegenden beiden schwierigen Jahren, investieren sie für gewöhnlich mehr am Geldmarkt. Aber nun befinden wir uns an einem wichtigen Wendepunkt. Meist fallen Geldmarktanlagen unmittelbar nach dem Leitzinsmaximum der Notenbank hinter Anleihen-Investments zurück. Genau dort sind wir jetzt. Auch in nächster Zeit dürften Mehrerträge auf dem Geldmarkt sehr unwahrscheinlich sein, zumal mit Leitzinssenkungen zu rechnen ist.
Immer wieder sind Anleger von Ängsten geplagt. Die neue Angst von Anleiheninvestoren dürfte die Fixed Income Fear of Missing Out, kurz Fifomo. Aber das ist gut. Da die Konjunktur wie gesagt echte Fortschritte gemacht hat, die Notenbanken Zinssenkungen in Aussicht stellen und die Bewertungen günstig sind, könnte jetzt viel für größere Anleihenpositionen sprechen.
Gilt das für den gesamten Markt und wo liegen die Risiken?
Anne: Die Anleihenmärkte haben zurzeit wirklich jedem etwas zu bieten, unabhängig von Risikobereitschaft, Anlagezielen oder anderen Überlegungen. Natürlich haben Anleihen sowohl Durations- als auch Kreditrisiken. Deren Kombination unterscheidet sich zwischen den Marktsegmenten. Zurzeit sind wir sowohl für das Durations- als auch für das Kreditrisiko optimistisch, weshalb wir eher risikoreichere Bereiche bevorzugen, vor allem Emerging-Markets-Titel und europäische High-Yield-Anleihen.
Diese Einschätzung beruht auf unserem optimistischeren Konjunkturausblick und den attraktiven Einstiegsrenditen. Alles in allem halten wir Anleihen wieder für eine attraktive Assetklasse, zumal die Rezessionsrisiken nachgelassen haben und die Bewertungen auch historisch attraktiv sind.
Über den Interviewten:
Benoit Anne ist Anleihenexperte beim US-Fondsanbieter MFS.

