Han-ETF hat sich aufs Auflegen von Fonds für andere Gesellschaften spezialisiert. Seit 2017 ist der europäische Whitelabel-ETF-Anbieter mit Stammsitz in London in Europa aktiv. Eines seiner Produkte, der Han-ETF Future of Defense, hat sich in den vergangenen Monaten zum Überflieger entwickelt: Aufgelegt vor ziemlich genau zwei Jahren verwaltet der ETF mittlerweile rund zweieinhalb Milliarden Euro.
Das Thema Verteidigung, im Klartext Rüstung, ist in der breiteren Investmentbranche ein noch junges Anlagethema. Mit Blick auf die Branche, die vor Kurzem noch vor allem über Nachhaltigkeit sprach und Rüstungsfirmen meist kategorisch ausschloss, auch kein ganz gewöhnliches. Wir haben Michael Geister, Vertriebsdirektor für den DACH-Raum zum Gespräch gebeten.
DAS INVESTMENT: Herr Geister, mit dem ETF „Future of Defense“ bieten Sie einen Themenfonds an, der auf Rüstungsfirmen ausgerichtet ist. Sehen Sie keinen ethischen Konflikt darin, dass Sie Investments in Produkte fördern, die letztlich Zerstörung zum Ziel haben?
Michael Geister: Niemand befürwortet Krieg. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung, sondern ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Aber wie bei einer Versicherung gegen Feuer oder andere Notfälle: Wir müssen auf die Realität vorbereitet sein. Politisch können wir die Augen nicht davor verschließen, dass wir unsere eigene Sicherheitsarchitektur in Europa brauchen. Dazu gehört die Verteidigungsfähigkeit – wie es auch unser Verteidigungsminister betont hat. Hierzu zählen Ausrüstung, Technologien und Systeme, allerlei Waffen-Equipment, Hardware und Software.
Noch vor gar nicht langer Zeit wurde in der Investmentwelt stark über Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien gesprochen.
Geister: Dazu zwei Dinge. Einmal die geopolitische Ebene: Wenn die EU ihre eigene Sicherheitsarchitektur aufbauen und unterhalten will, ist sie aus unserer Sicht bereit, privates Investorengeld einzubinden. Die zweite Ebene: ESG ist nicht tot. Aber die bisher strenge Auslegung könnte sich auf Investor- beziehungsweise Anbieterebene verändern. Wenn wir über unsere Werte sprechen, müssen diese Werte ernsthaft aktiv geschützt werden. Passiv zu bleiben, hilft in dem Fall nicht. Nachhaltigkeit muss auch verteidigt werden.
Die Aktie des deutschen Rüstungsherstellers Rheinmetall hatte einen beachtlichen Wertzuwachs. Wieso sollten Anleger angesichts dessen überhaupt in einen ETF investieren?
Geister: Einen solchen Highflyer wie Rheinmetall kann man mit einem stark diversifizierten Portfolio kaum übertreffen. Aber der Sinn eines ETFs ist ja, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Mit einem Investment nur in Rheinmetall wäre ich in den letzten zwei Jahren zwar besser gefahren als mit einem ETF. Aber mit einem Investment in Einzelaktien gehen auch immer höhere Risiken einher.
Die Wiederbelebung des Rüstungssektors war eine Reaktion auf den Ukraine-Krieg. Wenn dieser Konflikt demnächst möglicherweise zu Ende geht – könnten Anleger dann nicht mit Verlusten dastehen?
Geister: Unser Szenario ist, dass allein der Wiederaufbau von Kapazitäten zur Wiederherstellung unserer Wehrfähigkeit viele Jahre benötigen wird. Auf die uneingeschränkte Hilfe der USA kann man sich nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit verlassen, Europa sollte seine eigenen Kapazitäten, seine eigene autonome Sicherheitsarchitektur aufbauen.
Die Rüstungsbranche hängt stark an politischen Entscheidungen und Verteidigungsbudgets. Wie transparent machen Sie Ihren Anlegern, dass von daher auch Risiken bestehen?
Geister: Unsere ETF-Zusammensetzung wird täglich veröffentlicht. In unserem globalen Verteidigungs-ETF befinden sich Unternehmen, die über 60 Prozent ihrer Umsätze im Militär- oder Verteidigungsbereich generieren. Das heißt nicht, dass diese Mittel von Regierungen kommen müssen. In der Regel sind es jedoch Regierungen, die die Bestellungen aufgeben. Es ist nicht immer ersichtlich, welcher Auftrag an welches Unternehmen vergeben wurde, und es ist schwer, an diese Informationen zu gelangen.
Ihr ETF heißt „Future of Defense“ und liegt damit im Trend. Die meisten Fonds verweisen nicht auf das Geschäftsfeld Rüstung, sondern stellen den Aspekt „Verteidigung“ ins Schaufenster. Verteidigungsindustrie klingt besser und auch harmloser. Ist die Benennung Marketingstrategie, um die Unternehmen harmloser erscheinen zu lassen?
Geister: Unsere Philosophie ist, auf Unternehmen aus Nato- und verbündeten Ländern zu setzen. Die Nato selbst definiert sich als Verteidigungsbündnis, nicht als offensives Militärbündnis.
Früher im ESG-Kontext hieß es oft: Gemieden werden Tabak, Prostitution und Rüstung. Haben Sie trotz Rüstungsfokus auch Ausschlusskriterien, zum Beispiel für bestimmte Waffen?
Geister: Wir halten uns an den Katalog des UN Global Compact und weitere Filterkriterien. Kontroverse Waffen werden nicht explizit ausgeschlossen, aber limitiert. In unserem europäischen Verteidigungs-ETF haben wir 90 Prozent europäische Unternehmen, zehn Prozent aus anderen Regionen. Die Regel lautet: Sie dürfen nicht mehr als 20 Prozent ihrer Umsätze mit umstrittenen Waffen erzielen.
Ein Problem bei nachhaltigen Ansätzen generell ist, dass es auf dem Gebiet so viele unterschiedliche Definitionen gibt. Das betrifft nicht nur den Rüstungsbereich. Im Zweifel haben unterschiedliche Anleger auch jeweils ihre eigene Meinung darüber, was nachhaltig ist. Einige sagen vielleicht: Wenn ich meine Werte verteidigen will, brauche ich Waffen.
Der Future of Defense ist einer von vielen Themen-ETFs Ihres Hauses. Da Verteidigung, also im Klartext Rüstung, ein sicherlich spezielles Thema ist: Gehen Sie damit im Marketing auch speziell um?
Geister: Das Verteidigungsthema kam durch die geopolitische Lage auf. Aber erst durch politische Willenserklärungen ist mehr Dynamik auch auf Investmentseite hineingekommen. Vielleicht muss man da mehr die Position eines Bauchladenanbieters einnehmen und sagen: Das sind Themen, nach denen Investoren verlangen. Im globalen Verteidigungs-ETF haben wir jetzt über zweieinhalb Milliarden Euro Assets eingesammelt. Für ein Produkt, das gerade mal zwei Jahre alt ist, und für uns als vergleichsweise kleinen Anbieter ist das eine beachtliche Größe. Wir kommen an dem Thema nicht vorbei.
Wir stellen immer heraus, dass wir uns im Nato- und Verteidigungslager positionieren. Wir wollen dem Investor keine Meinung aufdrängen. Das muss er mit seiner eigenen ESG-Policy ausmachen. Für uns ist es ein Produkt, das wir zur rechten Zeit aufgelegt haben. Als ein Bedürfnis dafür aufkam, weil die geopolitische Lage sich gewandelt hat.
Sind Verteidigungsfonds in einigen Ländern mehr nachgefragt als in anderen – beziehungsweise haben Verbraucher in einigen Ländern weniger Probleme mit dem Wesen entsprechender Fonds?
Geister: Aus Gesprächen wissen wir, dass zum Beispiel in Polen das Verteidigungsthema weniger Bedenken hervorruft. Polen hat auch seit Längerem schon einen höheren Anteil seines Bruttoinlandsprodukts bei Verteidigungsausgaben, im Jahr 2024 waren es bereits 4,07 Prozent.
Wie lange dauert es, einen ETF aufzulegen – von der Idee bis zum Launch des Produkts?
Geister: Wenn jemand zu uns mit einer Produktidee kommt, brauchen wir als Whitelabel-Anbieter in der Regel zehn bis 14 Wochen für die Umsetzung. Wenn alles glatt läuft.
Bei Investmentthemen ist es oft so, dass sie auf einmal in aller Munde sind und das Interesse irgendwann wieder abebbt. Wie lange dauert erfahrungsgemäß ein Hype um eine Thema?
Geister: Das lässt sich pauschal schwer sagen. Manche Themen sind ihrer Zeit voraus. Nehmen Sie zum Beispiel Geldmarktfonds. In Zeiten von Nullzinsen wollte dort niemand investieren. Dagegen wäre vor fünf Jahren das Thema Defense vermutlich liegengeblieben. In diesem Fall haben geopolitische Ereignisse Investoren zum Umdenken gebracht, und auf einmal wird das Thema sehr populär.
Haben Sie Fonds auch schon geschlossen?
Geister: Zwei unserer Fonds haben wir wieder geschlossen und mehrere zusammengelegt. Das ist für die ETF-Industrie ein normaler Prozess. Manche Themen passen nicht in die Zeit, kommen zu früh oder zu spät. Oder man hat den realen Anlegergeschmack falsch eingeschätzt. Ausschlaggebend sind: das Investorenverhalten, die Produktqualität, thematische Relevanz und die Regulatorik – das ist der Cocktail, der über die Zukunft eines ETFs entscheidet.
Wann rechnet sich ein ETF nicht mehr – geht es nach den Assets under Management?
Geister: Da hat jeder ETF-Anbieter andere Parameter. Bei uns hängt es vom jeweiligen Whitelabel-Partner ab, er ist letztlich der Produkteigner. In der Branche würde man wohl sagen: Der Fonds sollte über drei bis vier Jahre 30 bis 50 Millionen Euro Volumen erreichen, um als Produkt tragfähig zu sein. Meist wird jedoch die gesamte Produktpalette auf Profitabilität geprüft, nicht jeder einzelne ETF.
Strukturelle Trends wie Cyber-Security, Robotics, Künstliche Intelligenz oder Verteidigung – das sind Themen, die uns so schnell nicht mehr verlassen werden.
Über den Interviewten:
Michael Geister ist seit März 2024 Sales Director für den DACH-Raum bei Han-ETF. Zuvor war er unter anderem für Deutsche Digital Assets, Vaneck und State Street (SPDR ETF) aktiv. Geister hat mehr als 15 Jahre Erfahrung mit börsengehandelten Produkten (ETPs) in der DACH-Region.




